Winterthur

«Es ist fantastisch, wenn man die Musiker kennt»

Der Komponist Alfred Felder wird morgen mit dem Carl Heinrich Ernst-Kunstpreis geehrt. Die Ideen für seine Werke kommen ihm oft im Halbschlaf, sagt Felder im Gespräch. Zurzeit schreibt er an einer Oper zu Goethes «Walpurgisnacht».

Blumen für Alfred Felder (Mitte) nach der Aufführung von «Tänz» durch das Musikkollegium, Aufnahme vom Juni 2017. Foto: Herbert Büttiker

Blumen für Alfred Felder (Mitte) nach der Aufführung von «Tänz» durch das Musikkollegium, Aufnahme vom Juni 2017. Foto: Herbert Büttiker Bild: Herbert Büttiker

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Seit den fünfziger Jahren ehrt die vom Drogisten Carl Heinrich Ernst gegründete Stiftung Jahr für Jahr Persönlichkeiten aus dem Kulturleben der Stadt und pendelt dabei zwischen den Sparten. Dem neuen Preisträger attestiert sie, er habe «mit seinen Kompositionen in Winterthur ein Publikum für Neue Musik geschaffen».

Tatsächlich ist der Saal jeweils voll, wenn ein neues Werk des 1950 in Luzern geborenen Alfred Felder im Stadthaussaal, im Theater am Gleis oder auch an anderen Orten gespielt wird.

Wir wundern uns nicht über den, wie es heisst, einstimmigen Entscheid des Stiftungsrats. Haben Sie auf diese Auszeichnung gewartet?
Alfred Felder: Im Gegenteil. Ich war sehr überrascht und sehr berührt. Es ist für mich eine grosse Ehre.

Ich meinte nur, die lange Reihe von Werken, die hier uraufgeführt worden sind, spricht für Ihre Ausnahmestellung als Komponist in dieser Stadt.
Ich habe jetzt eine Liste gemacht und selber gestaunt, wie viel das war. Ich hatte immer von sehr vielen verschiedenen Seiten Kompositionsaufträge, aber hier in Winterthur, beim Musikkollegium, im Theater am Gleis und manchmal auch im privat Rahmen, hat es sich konzentriert.

Ich erinnere nur an das Violinkonzert «open secret», das Klaviertrio «second attention», das Streichquartett «Fremd bin ich eingezogen» im Musikkollegium oder an «Spuren» und «songs of time» für das Ensemble Theater am Gleis. Zuletzt erklang im Stadthaus «Tänz» – alles Titel, die man nicht gleich wieder vergisst. Und wie die Insider wissen: das nächste Werk, das in Winterthur uraufgeführt wird, ist in der Pipeline.
Ja, gegenwärtig arbeite ich an einer Oper, Thema ist wieder Goethes «Walpurgisnacht», wie schon im Werk, das ich für den Konzertchor Harmonie und das Zürcher Tonhalle-Orchester komponiert habe. Ich habe es nun zum grössten Teil neu geschrieben. Es ist das bisher grösste Projekt für Winterthur, oder, wie ich auch betonen möchte, das grösste, das ich Winterthur zu verdanken habe. Ich habe ja das Glück, in einer Musikstadt geboren und aufgewachsen zu sein, in Luzern, und seit nun bald vierzig Jahren in einer Musikstadt zu leben, in Winterthur.

Winterthur besitzt eine grosse Tradition neuer Musik und neugieriger Hörer, man denke nur die vielbeschworene Ära Reinhart. Ist die Stadt auch heute für einen Komponisten ein inspirierender Ort?
Das kann man schon sagen, nicht nur wegen dieser Tradition, sondern für mich konkret. Beim Komponieren schweben mir immer die Ausführenden vor, deren Spiel ich genau kenne. Ich kann mich daran orientieren, bei spieltechnischen Fragen Rat holen. Es ist phantastisch, wenn man Musik für jemanden schreiben kann, den man kennt.

Aber gut ist natürlich auch, wenn ein Werk dann seinen Weg geht.
Natürlich, das Werk von 2008 etwa, das ich für das Winterthurer Streichquartett geschrieben habe, ist unterdessen schon von etlichen Formationen gespielt worden. Das Sarastro Quartett hat es auf CD eingespielt und wird es morgen auch an der Feier wieder spielen. Eine Aufführungsgeschichte haben auch viele andere Stücke von mir.

Wenn ein Stück ins Repertoire eingeht, kann das auch heissen, dass es sich sehr an die Tradition anlehnt: Klaviertrio, Violinkonzert und Streichquartett sind vertraute Formen der Klassik.
Es ist natürlich die Frage, was aus diesen Formen wird, wenn man sie aufgreift. Die Distanz zu offeneren, experimentelleren Formen, wie sie ja gerade im Theater am Gleis ihren festen Platz haben, ist nicht so weit, es sind vom Kompositorischen her zwei verschiedene Blickwinkel. Aber klar, ich komme aus der Tradition. Die Musik neu erfinden, das interessiert mich überhaupt nicht, ich möchte lieber etwas Eigenes aus der Orchestertradition oder der Kammermusiktradition heraus schaffen. Dass dann auch neue Klänge, neue Effekt entstehen, ist für mich selbstverständlich, aber nicht das Wichtigste. Ich weiss nicht, ob jemand anderer schon in einem Streichquartett Stimmgabeln zum Einsatz gebracht hat – das ist mir aber auch völlig egal.

Wie sind Sie zu dieser geerdeten, vertrauten und zugleich weit offenen Klangsprache gekommen?
Für das Offene muss ich vielleicht eben das ominöse Wort Inspiration bemühen. Für die Bindung an die Tradition liegt die Erklärung auf der Hand. Ich bin ein ausübender Musiker, ich habe konzertiert, in Kammermusikformationen und in Orchestern gespielt, gespielt und gespielt. Viele Jahre war ich Zuzüger im Tonhalle-Orchester. Dabei habe ich über Instrumentation sehr viel gelernt. Ich habe neben meiner Stimme immer auch die Partitur studiert, hingehört und mich mit den Musikern über ihre Probleme unterhalten. Ich bin einer, der Musik vom Spielen her hört und schreibt, nicht vom Kopf oder Computer aus. Ich möchte nie etwas gegen, sondern für das Instrument, für die Musiker schreiben.

Und wie ist das mit der Inspiration zu verstehen?
Es ist zum Beispiel so: Warum ich mit einem bestimmten Klang beginne, weiss ich nicht, ich empfinde einfach die Notwendigkeit, so und nicht anders schreiben zu müssen, bei der «Walpurgisnacht» musste der Anfang einfach ein D sein, ich weiss nicht, warum. Die meisten Ideen habe ich nachts, im Halbschlaf, es ist ein inneres Hören, es sind Klänge oder Ideen zur Lösung eines Problems. Im Nachhinein analysiere ich meine Stücke und stelle dann oft überraschende Zusammenhänge fest, aber die Intuition geht der intellektuellen Analyse voraus, ich bin ein chaotischer Komponist, ich schreibe meist viel zu viel. Den Schluss der «Walpurgisnacht» habe ich jetzt zum dritten Mal geschrieben. Es ist nicht die effizienteste Art zu komponieren …

… führt aber hoffentlich wieder zu einem weiteren «herausragenden Werk» im Sinn des Stifters des Preises, den Sie morgen erhalten. Öfters sind in seinem Namen seither aber nicht schaffende, sondern ausübende und organisierende Kulturmenschen geehrt worden. Gehört nicht eine Scheibe des Preises auch dem Cellisten Alfred Felder?
Als ausübender Musiker war ich vor allem in jüngeren Jahren stark engagiert. Für Winterthur wohl wichtiger war, dass ich als Cellolehrer am Konservatorium intensiv tätig war, von 1980 bis 2016.

Hat Ihr Selbstverständnis als Komponist den Unterricht geprägt oder beeinflusst?
Ja und Nein. Meine Schüler mussten nie Stücke von mir spielen, manche wollten es. Ich habe mit ihnen viel improvisiert. Es war mir wichtig, dass sie ihre eigenen Töne finden. Hinzu kommt, dass ich für die Schüler, ihre Vortragsstunden, sehr viel Musik bearbeitet habe, damit sie sich auch als Gruppe finden und erleben konnten. So gibt es von mir stapelweise Bearbeitungen für zwei, drei, vier oder mehr Celli. Das intensive, erfüllte Erleben von Musik zu ermöglichen, wie es mich selber berührt, war beim Unterrichten wie beim Spielen und Komponieren immer meine Motivation. Die Anerkennung dafür freut mich sehr.

Die öffentliche Preisverleihung findet morgen Donnerstag um 19 Uhr im Kunstmuseum Winterthur Reinhart am Stadtgarten statt.

Erstellt: 13.11.2018, 16:07 Uhr

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