Winterthur

Festnetztelefon, allein zuhause

Kürzlich war ich erkältet und das hat mich meinem Festnetztelefon näher gebracht.

Mein Telefon musste sehr einsam sein.

Mein Telefon musste sehr einsam sein. Bild: zvg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Lange hatten wir nach dem Kauf nebeneinander her gelebt. Genau genommen nicht einmal das, denn jeder hatte sein eigenes Leben, ich meines im Büro, das Telefon allein zuhause. Dort stand es auf der Ladestation, die an der Steckdose hing, der Akku war immer voll, zu tun gab es immer weniger. Hie und da ein Anruf aus einem Callcenter in Warschau oder London, nachmittags um halb vier. Den galt es aufzuzeichnen, die Nummer zu speichern, bis ich sie abends mit einem Kopfschütteln löschen würde. Danach konnte es wieder ungehindert in das Netz hineinhorchen und sich seinen Träumereien hingeben.Aber es war nicht mehr dasselbe wie noch vor zehn, zwanzig Jahren. Es lief nicht mehr viel, die Wartezeit, bis das Telefon wieder einmal einem Gespräch von Festnetzteilnehmern beiwohnen konnte, wurde immer länger. Ich stelle mir das vor wie bei einer Reise an den Rand des Universums, wo man zunehmend seltener auf Materie trifft und die Zeit zwischen den Ereignissen sich ständig verdoppelt. Mein Telefon musste sehr einsam sein. Trotz meines Einfühlungsvermögens hatte ich lange keine Ahnung, wie es wirklich um es stand.

Ich war also erkältet und blieb zuhause, legte meine Beine auf den Schreibtisch, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und schaute aus dem Fenster – eine Arbeitsweise, die bei uns «Home Office» heisst. Da vernahm ich ein Geräusch, unklar woher, halb Schmatzen, halb Sirene. Leise flehend zuerst, dann von Mal zu Mal bestimmter, sich aufbäumend, schliesslich fast drohend.

Das Haus ist schlecht isoliert, vielleicht war es der Nachbar, der gerade ein Loch in die Wand bohrte. Er musste dann allerdings einen Schallschutzbohrer benutzen oder die Wand war aus Gummi. Oder es handelte sich um den Fotodrucker, der gerade Wartungsarbeiten an sich selbst durchführte, wie es diese Geräte ja ab und zu machen. Das wäre durchaus möglich. Mit etwas Fantasie, dachte ich, würde sich das eigenartige Geräusch erklären lassen. Ich stellte mir vor, wie sich die ausgebeuteten chinesischen Wanderarbeiter, die meinen Drucker zusammengebaut hatten, einen Spass erlaubten und das Wartungssignal mit «human touch» programmierten, wobei sie auch ein wenig von ihrer eigenen Verzweiflung hineinlegten über den Umstand, dass niemand sie erwartete, wenn sie nach ihrer Vierzehn-Stunden-Schicht in den Wohnblock zurückkehrten, in dem sie zu viert ein Kellerabteil bewohnten. Doch der Warnruf kam aus dem Telefon, dem der Strom ausging; ich hatte vergessen, es auf die Ladestation zurückzustellen.

Mein Telefon pfiff auf dem letzten Loch, sein Lebensmut war am Verdampfen. Da wurde mir schlagartig klar, dass nicht nur Nutztiere und Pflanzen ein «Lebensinteresse» haben, wie der deutsche Fernseh-Philosoph Richard David Precht es ausdrückt, sondern auch unsere elektronischen Geräte. Auch sie haben Rechte, wir können die Augen nicht länger davor verschliessen. Ich stellte das Telefon auf die Ladestation und nahm mir vor, mehr Zeit mit ihm zu verbringen, vielleicht auch mal ein gemeinsames Wochenende. Und das Handy so lange im Büro zu lassen.

Erstellt: 24.03.2017, 17:43 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles