Winterthur

«Fick dich! Oh so süss! Hau ab du Arsch!»

Tom Combo hat einen Szene-Roman geschrieben. «Inneres Lind» spielt an realen Schauplätzen in und um Winterthur.

Winterthur kann kalt sein. Im Bild das Innere Lind, das dem Roman von Tom Combo den Titel lieferte, aufgenommen im Oktober 2012.

Winterthur kann kalt sein. Im Bild das Innere Lind, das dem Roman von Tom Combo den Titel lieferte, aufgenommen im Oktober 2012. Bild: Heinz Diener

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Gerda betritt die links-alternative Szenebeiz «Eck» und erblickt Patrick. Gerda zu Patrick: «Hallo Krüppel.» Patrick zu Gerda: «Hallo Schlampe.» Wer redet denn da so ruppig? Sind das zwei, die noch die eine oder andere Rechnung offen haben?

Nein, so ist hier einfach der Umgangston, man sagt, was Sache ist. Patrick war bis zu seinem Unfall, so erfahren wir, «der beste Downhill-Biker der Region», nun sitzt er im Rollstuhl.

Gerda, Fachangestellte Gesundheit im Kantonsspital Winterthur und Velokurier, war damals seine Freundin. Danach war sie mit Bruno zusammen, dem Architekten, und jetzt mit Kaspar, einem notorischen Schläger, der seine Schwäche trotz Aggressionstherapie nicht im Griff hat.

Die Figuren in «Inneres Lind», dem zweiten Roman des Winterthurer Autors Thomas Meister, Künstlername Tom Combo, kennen sich, man ist eine Gruppe und hilft sich gegenseitig, und was erzählt wird, könnte so oder ähnlich passiert sein – das jedenfalls suggeriert der Name des Stadtquartiers im Titel und auch die Szenebeiz, für die wohl der «Widder» oder das «Kraftfeld» als Vorbild diente; lokalhistorische Details, darunter die Tanzdemo und Aussagen von Stadträtinnen, die man in der Zeitung lesen konnte, machen das Buch auch zu einem Spiegel der Gegenwart.

Einkaufszentrum mit Schwimmbecken

Der Roman hat vier Hauptdarsteller: Zum einen Gerda und Kaspar, beide sind gerade mehr oder weniger Single. Zum anderen Bruno, meistens Single. Schliesslich seine Geschäftspartnerin, die Architektin und alleinerziehende Mutter Miriam. Sie und Bruno haben ihr Büro im Inneren Lind – daher der Romantitel – und versuchen einen Auftrag für ein Einkaufszentrum an Land zu ziehen.

Diesen Bau möchten sie mit einem transparenten Schwimmbecken unter freiem Himmel krönen, das über ein Cabrio-Dach verfügen soll – 2012 war ein solches Dach beim Freibad Geiselweid in einer Volksabstimmung abgelehnt worden.

Man leistet offenbar «Widerstand», wobei nicht klar wird, worin dieser besteht.

Erzählt wird in kurzen Abschnitten mit unvermittelt wechselnden Schauplätzen, wie das in vielen Krimis und TV-Serien üblich ist, so ergeben sich verschiedene Handlungsstränge, wobei Dialoge und Hauptsätze dominieren.

Das Eck ist das Zentrum dieser Welt. Linksaktivisten, «Linkspassivisten», Neo- und Ex-Punks, FCW-Fans, Veganer, Hänger, Sinn- und Asylsuchende, hier kommen sie alle zusammen. «Kaum jemand fiel auf, weil hier alle auf irgendeine Weise auffällig waren», heisst es.

Man leistet offenbar «Widerstand», wobei nicht klar wird, worin dieser genau besteht, sind doch alle Figuren in erster Linie mit sich selbst beschäftigt. Was die Zukunft der im «Eck» Schutz Suchenden betrifft, sind die Optionen nicht sehr zahlreich: Entweder man säuft sich «kaputt» oder wird konformistisch.

Drastisch ist nicht nur die Umgangssprache

Nicht nur der Umgang untereinander ist drastisch. Wenn der Autor die Kindheit von Kaspar referiert, trägt er dick auf: die Eltern kamen bei einem Hausbrand um, der Bruder machte Schlagzeilen als Posträuber, Kaspar selbst hatte nach einer abgebrochenen Hochbauzeichnerlehre schon zwanzig Jobs, auf dem Arm trägt er ein «Fuck You»-Tattoo.

Als er das Eck betritt und sieht, wie SP-Politiker Severin einen Arm um Gerda gelegt hat, knallt er ihm die Faust ins Gesicht. Das ist durchaus symptomatisch: Wenn sich die Figuren begegnen, reagieren sie oft genervt. Bereits auf der ersten Seiten schildert eine anonyme Stimme einen Badeunfall.

Humor blitzt selten auf, weder auf seiten der Figuren, die sich durchwegs sehr ernst nehmen, noch auf seiten des Erzählers. Das mag erstaunen bei einem Autor, der kürzlich in der Presse als «Komik-Profi» porträtiert wurde. Nicht zuletzt wegen der bekannten Schauplätze bewegt man sich dennoch gerne in dieser Welt.

Es fällt einem allerdings nicht leicht, als Leser Empathie für die Figuren zu entwickeln. Es ist vor allem die harte Schale, die man zu sehen bekommt, das Innenleben wird ausgelagert in eigene Abschnitte, in denen, oft am Ende der Kapitel, Befindlichkeiten zu improvisiert wirkenden Monologen montiert werden.

Die Exkurse sind jeweils eingerahmt von musikalischen Anweisungen – diese Abschnitte, die zu den besten des Buches zählen, sind nicht immer klar zuordenbar, aber einige zumindest stammen vom Architekten Bruno, der sich in der Freizeit als Klangtüftler betätigt. Darin ist er eine Art Alter Ego des Autors, der auch schon mit Klanginstallationen in Erscheinung getreten ist. Vielleicht ist Bruno auch der Erzähler des Romans.

Lyrische Intermezzi mit Anklängen an Slam-Poetry

Die ein wenig lyrischen Intermezzi sind in einem Stil gehalten, der Klangbewusstein verrät und an Slam-Poetry erinnert – auch das ein Kennzeichen des Autors, der einst mit dieser Performance-Kunst erstmals auf der Bühne erschien –, und sie liefern am ehesten etwas, was der Autor sonst weitgehend vermeidet, nämlich Erklärungsansätze für das Verhalten der Figuren.

Gerda ist ziemlich kompliziert – crazy trifft es noch besser.

So heisst es einmal: «Schlag, dumpf, morsche Buche, drei helle Schläge, dazu Knistern und Rascheln, leiser werdend mit weiteren dumpfen tiefen Schlägen, Scham, sie lähmt alles. Wenn ich mich schäme, muss ich mich ergeben. Es ist etwas Grösseres, das mich dann im Griff hat.» Bei der Befreiung würden dann «manchmal Dinge kaputt» gehen, heisst es weiter. An einem anderen Ort ist von einem Band die Rede, das sich spannt und zurück schnellt, was als das Lebensmotto von mehr als einer Romanfigur gelten kann.

Manchmal lösen sich die Figuren vorbergehend von dem auf Coolsein getrimmten, auf Dauer anstrengenden Szene-Sprech, sie gewinnen dann Konturen und werden liebenswert. Allen voran Gerda, die erfrischend spontan sein kann, aber ziemlich orientierungslos durch das Leben segelt.

Ausgehen bedeutet in ihrem Fall Saufen und an «Scheisstypen» geraten. Wenn ihre Zerrissenheit überhand nimmt, zieht sie sich tagelang in ihr Zimmer zurück. Bezeichnend auch, wie ihre Beziehung mit Kaspar angefangen hat: Als er sie küssen wollte, gab sie zu bedenken, dass sie danach nicht mehr mit ihm würde zusammen sein wollen. Gerda ist ziemlich kompliziert – crazy trifft es noch besser.

Die verrückteste Figur ist die liebenswerteste

Sie ist die menschlichste Figur in diesem Milieu, und es ist wohl auch kein Zufall, dass ihr eine der schönsten Szenen gehört: Wenn Gerda einer spontanen Eingebung folgend mit SP-Politiker Severin dessen Oma im Altersheim besucht, hat es Raum zwischen den Figuren, ihre Gefühlsäusserungen verlassen das enge Schema der Phrasen, dem sie sonst folgen müssen.

Zu diesem Schema gehören Sätze wie «Fick dich! Oh so süss! Hau ab du Arsch»: Damit kennzeichnet der Erzähler den von Gerda sogenannten «Modus», die instabile Stimmung, in der ihre Emotionen ein ums andere Mal ins Gegenteil kippen.

Lesung: 12.9., Kraftfeld. Buch: Tom Combo: Inneres Lind. Roman. Berlin 2019, Verbrecher-Verlag, 248 Seiten.

Erstellt: 01.09.2019, 14:48 Uhr

Tom Combo hat seinen zweiten Roman veröffentlicht. Foto: pd

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