Musikkollegium

Französische Träume

Der grandiose, ausgesprochen empfindsame Cellist Steven Isserlis spielte im Abonnementskonzert unter der Leitung von Douglas Boyd das poetische Violoncellokonzert «Tout un monde lointain» von Henri Dutilleux – ein Traum!

Steven Isserlis ist ein begnadeter Interpret auch moderner Werke.

Steven Isserlis ist ein begnadeter Interpret auch moderner Werke. Bild: pd

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Das Konzertprogramm war ganz dem „Mysteriösen“ gewidmet, das sich in Frankreich über die symbolistische Poesie auch in der Musik entfaltete. Mit dem erotischen Traum eines Fauns hatte Claude Debussy die Harmonien von ihrem Regelsystem befreit, die Klangfarben begannen zu schweben, die Moderne brach an. Debussys «Prélude à l’après-midi d’un faune» ist mit seinen knapp 10 Minuten Dauer ein Meilenstein der Musikgeschichte.

Ein Meilenstein der Musikgeschichte

Und es ist für grosses Orchester komponiert: mit üppiger, bis vierfacher Bläserbesetzung und entsprechend riesiger Streichergruppe. In dieser neuartigen Musik geht es um ein poetisches Schweben und Weben um ein geheimnisvolles Flötenmotiv, die Farben sind unerhört. Und im Mittelteil gibt es sogar eine Referenz an Richard Wagner, der mit seinem berühmten «Tristanakkord» das Tor zur Moderne aufgestossen hatte.

Darf man ein derart geschichtsträchtiges, auf die Farben ausgerichtetes Werk wie das «Prélude à l’après-midi d’un faune» einfach so in einer kammermusikalischen Bläserfassung aufführen? Douglas Boyd tat dies, er entschied sich für David Walters Arrangement von 1990. Walter lebt und wirkt in Paris, ist Oboist, Dirigent und Hochschuldozent; er hat hunderte von Meisterwerken arrangiert, wohl auch zu pädagogischen Zwecken.

Der Inbegriff von Poesie

Dies tat übrigens einst auch Arnold Schönberg, um gross besetzte Werke in seinem Privatzirkel präsentieren zu können. Aber dieses Walter-Arrangement für Bläserensemble, Harfe und Streichquintett wird Debussys Intentionen nicht gerecht, es vermittelt ein falsches Klangbild. Kommt dazu, dass im Programmheft gar nichts zu Walters Bearbeitung steht.

An sich aber hätte Debussys revolutionäres Werk gut auf das Cellokonzert von Henri Dutilleux eingestimmt. Dieses ist der Inbegriff von Poesie, die in absolute Musik transformiert wird. Nicht nur der Werktitel «Tout un monde lointain», sondern auch die Namen der fünf Sätze des Werks – etwa «Énigme» oder «Miroirs»- stammen aus Charles Baudelaires Gedichtsammlung «Les fleurs du mal».

Steven Isserlis, ein begnadeter Interpret auch moderner Werke, nahm einem mit in diesen betörenden französischen «Traum». Der Solist wird hier stark gefordert, fast ununterbrochen spielt er, gibt Impulse, reagiert aufs Orchester, und verleiht schon fast jeder Phrase eine andere Farbe, eine neue Schattierung, eine poetisch verdichtete Innigkeit, von der Ausdrucksemphase bis ins Flüchtige. Das alles ist dicht mit dem transparent gehaltenen Orchester verwoben, Isserlis und das Musikkollegium unter Douglas Boyd musizierten aufmerksam und sensibel, das Publikum war begeistert.

Ganz anders die etwas schwerfällige romantische Klangemphase des Briten Ralph Vaughan Williams (1872-1958). Seine Sinfonie Nr. 5 D-Dur (1936-1943), die zum Schluss des Programms erklang, hat etwas vom mysteriösen «Französischen Traum», vor allem das inspirierte «Scherzo: Presto misterioso». Vaughan Williams war ja 1908 nach Paris gegangen, um bei Maurice Ravel zu studieren.

Diese impressionistische Erfahrung hat auch ihm zu einer harmonischen Eigenständigkeit verholfen, die jedoch noch stark der Romantik verhaftet ist. Das Musikkollegium und sein Chefdirigent haben diese bis ins Triumphale gesteigerte Sinfonie klangemphatisch ausgekostet.

(Der Landbote)

Erstellt: 08.03.2018, 16:28 Uhr

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