Ausstellung

«Freunde sorgen dafür, dass man gerne lebt»

«Freundschaft» lautet das Motto der Kunstausstellung «Morgenstund hat Kunst im Mund» im Hotel Wartmann.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Dieses Wochenende kann man wieder Kunst und Künstler im Hotelzimmer besuchen: Das Konzept von «Morgenstund hat Kunst im Mund» setzt auf die ­persönliche Begegnung zwischen Kunstschaffenden und Kunst­betrachtern. Die zweite Ausgabe des Events zählt über dreissig Teilnehmer, das Motto lautet Freundschaft.

Neben den Ausstellungen und Spoken-Word-Auftritten gibt es eine Lesung des Kulturwissenschaftlers Iso Camartin aus seinem 2011 erschienenen Buch «Im Garten der Freundschaft»: In seinem anregenden erzählerischen Essay denkt der 1944 geborene Autor darüber nach, was Freundschaft ausmacht und welchen Gefahren sie ausgesetzt ist. Iso Camartin war unter anderem Professor für rätoromanische Literatur an der ETH Zürich und Leiter der Kulturabteilung des Schweizer Fernsehens.

Herr Camartin, wie viele ­Freunde haben Sie? Und wie viele gute Freunde?
Iso Camartin: Ich kenne wirklich über ein Dutzend Menschen männlichen und weiblichen Geschlechts, von denen ich sagen würde: Sie sind meine guten Freunde. Mein alter Cellolehrer sagte: «Gute Freunde sind jene Menschen, denen du dein Portemonnaie und deine Frau anvertrauen kannst.» Ich würde hinzufügen: sogar deine Gedanken und deine Gefühle.

Dank den technischen Mitteln wird heute wahrscheinlich mehr kommuniziert als jemals zuvor. Haben die Chancen, Freunde zu gewinnen, damit zugenommen oder abgenommen?
Bekanntschaften, Kontakte und Menschen, mit denen man im Internet Gedanken austauscht, sind noch lange keine Freunde. Freundin oder Freund kann nur jemand werden, die oder der aus Eigeninitiative und in eigenem Stil mir sagt, was sie oder er für mich sein möchte. Nicht jeder, der mir hilft oder mich unterstützt, ist ein Freund. Freunde haben ­etwas mit geschenkten Lebensoptionen und Perspektiven zu tun.

In Ihrem Buch «Im Garten der Freundschaft» kommt die Liebe gegenüber der Freundschaft schlecht weg, sie sei fordernd und egoistisch, heisst es. Der Freundschaft gestehen Sie durchaus zu, dass sie auch mit Eigeninteresse verbunden sein kann. Weshalb sind Sie so ­intolerant gegenüber der Liebe?
Das ist ein Missverständnis. Ich habe in meinem Buch Liebe und Freundschaft gegeneinander ­abzugrenzen versucht und gesagt, dass bei der Liebe – zumal beim Wirbelsturm des Verliebtseins – oft Trieb, Leidenschaft und Begehren die Gefühle mitbestimmen. Freundschaft hingegen ist etwas, das zwar ebenso mit ­Zuneigung, Wohlwollen und Einfühlungsvermögen in einen anderen Menschen zu tun hat, jedoch geradezu «im Windschatten der Sinnlichkeit». Es gibt keine echte Freundschaft, der keine Liebe beigemischt wäre.

Die fiktive Figur der Stella, die Briefe an Ihr Alter Ego Grigione schreibt, relativiert das Talent von Künstlern, Philosophen und Erfindern zur Freundschaft. Woran könnte das liegen und teilen Sie diese Ansicht?
Unter Künstlerinnen und Künstlern, Philosophen und Mönchen gibt es viele, denen das Geschenk der Freundschaft versagt bleibt. Es gibt auch eine Lebenskultur der Einsamkeit, die bestimmten Menschen mehr entspricht als ­jene der Zweisamkeit oder des ­gemeinsam erlebten und geteilten Glücks. Man sagt: «Jeder stirbt für sich allein.» Auch das ist nur eine Halbwahrheit. Es gibt viele, die leichter sterben, wenn ein Freund oder eine Freundin dabei ihre Hand hält. Für mich jedenfalls ist das Leben mit Freunden viel erträglicher und beglückender als ohne diese.

Stella schreibt auch einmal, ­Tiere seien oft die besseren Freunde als Menschen. Haben Sie eine solche Freundschaft zu Tieren selbst kennen gelernt?
Sind wir Menschen die einzigen Lebewesen, für die es möglich ist, sich in ein anderes Lebewesen einzufühlen? Ich glaube nicht. Jeder Hundebesitzer weiss, dass sein Hund mitfühlt und mitempfindet. Es gibt eine moderne Empathieforschung, die sich nicht auf den Menschen beschränkt, sondern Tiere miteinbezieht. Mich hat es immer beglückt, wenn Pferdebesitzer berichteten, was sie unternommen haben, damit ihr Pferd im Stall nicht vereinsame. Schon ein Schaf oder eine Ziege mit im Stall können offenbar dafür sorgen, dass das Pferd nicht apathisch wird und vereinsamt. Freunde – in was immer für Gestalten – sind für den Menschen jene Mitbewohner des Planeten, die dafür sorgen, dass man gerne lebt und ohne zu verbittern.

Wie hat das Schreiben des Buches Ihre Haltung zu Ihren Freunden verändert?
Jedes Buch, auch wenn der Autor dies nicht direkt beabsichtigt, ist in einer nicht gänzlich voraussehbaren Weise die Auslotung und Vertiefung einer geheimen Daseinsfrage. Oft auch einer Sinnsuche. Das Schreiben dieses Buchs hat mir deutlich werden lassen, dass Freunde zu haben und in jeder Lebensphase sogar wieder neu zu gewinnen eine der beglückendsten Lebenserfahrungen ist. Hoffentlich lasse ich meine Freundinnen und Freunde inzwischen noch deutlicher als früher spüren, wie wichtig sie mir sind.


Lesung: Samstag, 18 Uhr, Hotel Wartmann, Hotellounge. Ausstellungen: Samstag, 15.30 bis 20 Uhr, Sonntag, 10 bis 13.30 Uhr. Vernissage: Samstag, 15 Uhr. Eintritt frei.

Erstellt: 12.01.2019, 10:20 Uhr

Der Essayist Iso Camartin liest ­am Samstag aus seinem Buch. (Bild: pd)

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Den Landboten digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!