Literatur

«Für mich gibt es Geschichten, die einfach erzählt werden müssen»

Anna Kim hat sich mit «Die grosse Heimkehr», ein raffinierten Roman über den Koreakrieg, einen Namen gemacht. Zur Zeit lebt die Trägerin des EU-Literaturpreises als Gastautorin in der Villa Sträuli.

Artist in Residence Anna Kim lebt und arbeitet den ganzen September in der Villa Sträuli.

Artist in Residence Anna Kim lebt und arbeitet den ganzen September in der Villa Sträuli. Bild: Marc Dahinden

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Frau Kim, Ihre Eltern kommen aus Korea. Sie schreiben jedoch deutsch. Würden Sie sich als Österreicherin oder Koreanerin bezeichnen?
Anna Kim Ich bin Wienerin!

Das klingt grossartig! – Was ist eigentlich das Besondere an Korea im Vergleich zu Japan und China?
Die Koreaner werden als die Italiener Ostasiens bezeichnet. Sie sind lebensfreudig, lieben Musik und Spiele. Und sie zeigen viel Selbstironie.

In ihrem Buch erfährt man, das die Nordkoreaner ernster sind und eher als Draufgänger gelten.
Ja, so will es mindestens das Klischee.

Korea hat sich in der Vergangenheit gegenüber der Aussenwelt völlig abgeschottet. Führt Nordkorea also eine alte Tradition weiter?
Das könnte man so sehen. Nordkorea behauptet von sich auch, das koreanischere Korea zu sein. Das äussert sich etwa an der Sprache. In Nordkorea wurden englische Lehnwörter abgeschafft.

Zu Ihrem Roman «Die grosse Heimkehr»: Wie wurde er in der Öffentlichkeit aufgenommen?
Das Buch ist schon im Januar erschienen und damit für den Literaturmarkt nicht mehr neu. Doch bereits damals zeichnete sich eine Eskalation des Konflikts um Nordkorea ab. Daher stiess mein Roman über die Konflikte in Korea auf ein breites Medienecho.

Und wie wurde es von der Literaturkritik bewertet?
Im Grossen und Ganzen gut. Es gab aber ein paar Stimmen, die bemängelten, dass die Informationen zur Geschichte dem Roman zu viel Platz wegnehmen.

Dabei ist die Kombination von Dokumentation und Romanhandlung doch sehr modern. Im Film spricht man von Doku-Fiction. Würden Sie Ihren Roman auch als solche bezeichnen?
Mehr noch: Die historischen Passagen im Buch stehen den Romanszenen als gleichberichtigte Partner gegenüber.

In der Tat. Die Geschichte des britischen Journalisten, der über die grauenvollen Massaker unter der Diktatur in Südkorea berichtet, ist unglaublich.
Ja. Er wurde in Grossbritannien völlig fertig gemacht. Ich habe seinen Zeitungsbericht dazu in meinen Roman zitiert. Ich bin ein bisschen stolz auf mich, dass ich dieses Dokument gefunden habe.

Sie müssen sehr viel recherchiert haben.
Sehr viel. Neben den historischen Gegebenheiten auch unzählige Details. Wie waren die Leute damals in Korea in der Zeit nach dem Krieg gekleidet? Was waren ihre Gewohnheiten und konkreten Lebensbedingungen? Wenn wir schon von Film sprechen: Ich habe alte koreanische Filme angeschaut. Die Produzenten hatten zu wenig Geld für tolle Kulissen. So sieht man im Hintergrund oft ein Stadtbild mit Menschen.

Das klingt nach einem Berg Arbeit. Wie lange haben Sie an «Die grosse Heimkehr» gearbeitet?
Fünf Jahre. Das heisst, ich hatte den Romanstoff schon vorher im Kopf. Sagen wir also mindestens fünf Jahre.

Hatten Sie Krisen, Momente, in denen Sie das Romanprojekt hinschmeissen wollten?
Ja, am Anfang, im ersten Arbeitsjahr.

Das heisst, wenn Sie einen Stoff durchs erste Jahr bringen, dann schaffen Sie es, damit einen Roman zu gestalten?
Na ja… Ich habe inzwischen die nötige Erfahrung, um Schreibkrisen zu überwinden. «Die grosse Heimkehr» ist mein dritter Roman.

«Ich finde die ­Auswirkungen der Weltgeschichte auf den einzelnen Menschen hoch spannend.»Anna Kim

Kommt es vor, dass Sie einen Romanstoff während des Schreibens wieder verwerfen.
Anfangs schon. Doch inzwischen passiert mir das nicht mehr.

Sie haben also einen Instinkt entwickelt, der Ihnen sagt, welcher Stoff Sie ausreichend beschäftigt, um daraus einen Roman zu schreiben. Aus welchem inneren Interesse schrieben Sie «Die grosse Heimkehr»?
Ich interessiere mich brennend für den Kalten Krieg. Mit dem Jahrgang 1977 bin ich ein Kind jener Zeit, zumal ich ja in Wien aufgewachsen bin. In meiner Jugend befand sich der Eiserne Vorhang, also die gesicherte Grenze zur damaligen Tschechoslowakei und zu Ungarn, in unmittelbarer Nähe der Stadt. Grundsätzlicher gesagt, finde ich die Auswirkungen der Weltgeschichte auf den einzelnen Menschen hoch spannend. Für die bewegte und tragische Geschichte Koreas gilt dies besonders.

Was ist der urmenschliche Gehalt des Romans?
Es geht um Reue. Um das Bereuen einer falschen Entscheidung. Und damit wiederum um die Schwierigkeit richtig zu entscheiden.

Sie bringen das gut auf den Punkt. – Aber warum tun Sie sich das an? Diese riesige Arbeit, einen Roman zu schreiben, für das wenige Geld, das man damit verdient?
Für mich gibt es Geschichten, die einfach erzählt werden müssen. Ich fühle dafür eine Verantwortung. Als Schriftstellerin erreiche ich mehr als nur eine Person, die mir zuhört. Ich muss also schreiben.

Und jetzt in der Villa Sträuli, woran arbeiten Sie?
Ich arbeite an kürzeren Texten. Wobei… Ich bin zugleich in der Phase, in der ich einen neuen Romanstoff auswähle. Wissen Sie, das ist für mich das schönste an meiner Arbeit als Schriftstellerin. Da lasse ich mir Zeit. Es ist wie in einem Schokoladenladen. Ich stehe da, und könnte diese oder jene Schokolade auswählen.

Sie mögen also Schokolade? Da sind sie ja im richtigen Land!
Oh ja! Ehrlich gesagt: (lacht) Mir wurde ein Stipendium in Winterthur und in Belgrad angeboten. Nicht zuletzt wegen der Schokolade habe ich mich für die Schweiz entschieden.

Erstellt: 19.09.2017, 15:08 Uhr

Lesung

Dienstag, 26. September, 19.30 Uhr, Villa Sträuli

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