Winterthur

Gehässigkeiten im Treppenhaus

Mit «Wir sind die Neuen», einem Stück zu Alter und Jugend, beschliesst das Sommertheater die diesjährige Saison.

«Wir sind die Neuen» ist ein kleines, feines Stück, das ohne Slapstick und schenkelklopfende Witze auskommt.

«Wir sind die Neuen» ist ein kleines, feines Stück, das ohne Slapstick und schenkelklopfende Witze auskommt. Bild: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Laute Rockmusik, nächtelange Diskussionen und viel Rotwein: Alles soll wieder so sein wie früher, finden die drei Alt-68er Anne (Verena Leimbacher), Eddie (Philippe Roussel) und Johannes (sehr Dude-haft: Wolff von Lindenau), die als Rentner wieder in einer WG zusammenziehen. Da schwingt ein bisschen Sentimentalität mit, vielleicht aber ist es auch ein Versuch, der Einsamkeit und der finanziellen Enge des Rentnerdaseins zu entkommen. Doch: «The times, they are a-changin’» – wie Bob Dylan damals sang. Denn Wand an Wand zu den «Alten» lebt eine WG von drei jungen Studierenden.

Während die Senioren nach ihrer Pensionierung den Idealen ihrer Jugend nachleben, das Leben wieder wie früher gemeinsam und unbeschwert geniessen wollen, sind die «heutigen Jungen» hinter der trennenden (aber dünnen) Mauer zielorientiert und effizient – aber auch gestresst und gnadenlos egoistisch. Dementsprechend schlecht kommen nicht nur die spätnächtlichen Partys der Neuzuzüger, sondern auch ihr «kollegialer» Antrittsbesuch an: Vom angebotenen Du sind die Jungen befremdet, die nachbarschaftlichen Avancen der Rentner-WG (die gar von gemeinsamen Festen träumt) lehnen sie rundweg und geschlossen ab: Keine Zeit! Und überhaupt: Der ständige Lärm nervt und muss subito aufhören.

Die Alten wundern sich über die sonderbaren Jungen. Aber sie amüsieren sich auch darüber, dass diese zu Hause ihre Schuhe ausziehen und sorgfältig versorgen. Oder dass sie das Essen vom Lieferservice kommen lassen, statt selber zu kochen: «Die Hölle, das sind die anderen», zitiert Johannes das 68er-Idol Jean-Paul Sartre. Und Anne fragt ob der Verweigerung eines realen Zusammenlebens: «Von wem kriegt ihr die Zeit zurück, die ihr im Internet verschwendet?»

«Wir sind die Neuen» (Regie Claudia Marks) ist ein kleines, feines Stück, das ohne Slapstick und schenkelklopfende Witze auskommt. Zu lachen gibt es trotzdem genug. Und darüber hinaus einige Denkanstösse übers Alter und das Jungsein.

Derweil eskaliert die Lage: Die Jungen rächen sich mit lauter Musik frühmorgens und mit Gehässigkeiten im Treppenhaus. Das Blatt wendet sich erst, als die junge Katharina (Marie Philipp) völlig verzweifelt Hilfe benötigt: Vom Studium überfordert, hat sie Angst, «das Examen nicht zu schaffen und so zu enden wie ihr». Derweil liegt ihr Mitbewohner Thorsten (Nick Robin Dietrich) mit einem Bandscheibenvorfall darnieder und Barbara (Regina Speiseder), die dritte Junge, leidet unter massivem Liebeskummer. Da könnten vielleicht die Alten helfen?

Aber auch bei ihnen gibt es Spannungen: Alte Geschichten brechen auf, Rollen werden hinterfragt und Anne überlegt sich gar, aus der WG wieder auszuziehen. Doch in der Not wächst man schliesslich zusammen, in der eigenen WG ebenso wie auch nachbarschaftlich: Die gemeinsame Party kann doch noch steigen!

Vorbellen beim Direktor

Eine kleine Feier gibt es bei der Premiere auch auf der Bühne – zu Ehren von Verena Leimbacher: Theaterdirektor und Ehegatte Hans Heinrich Rüegg hält sich kurz (weil er versprochen hat, keine Rede zu halten), aber er erzählt eine Anekdote: Die einzige Rolle, auf der seine Frau in all den Jahren aktiv bestanden habe, sei diejenige des Hundes in einem Loriot-Sketch gewesen. Dafür habe sie bei ihm vorbellen müssen. Kollege Philippe Roussel bezeichnet Verena Leimbacher als seine «Lieblingsschauspielerin» und nennt sie «die Seele des Sommertheaters». Auch Stadtpräsident Michael Künzle gratuliert: Er dankt Leimbacher und sichert dem Sommertheater weiterhin seine Sympathie und Unterstützung zu.

Erstellt: 21.08.2019, 16:31 Uhr

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles