Winterthur

«Gesellschaftskritik ist auf der Bühne Pflicht»

Die Lesereihe «lauschig» feiert heute ihren fünften Geburtstag mit einem Lesemarathon.

Lisa Christ kann von Slam-Poetry leben. Foto: Claude Hurni

Lisa Christ kann von Slam-Poetry leben. Foto: Claude Hurni

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Ihr Kollege Christoph Simon sagt von Ihnen: «Lisa Christ sagt uns selbstbewusst die Meinung.» Was braucht es, damit daraus Kunst oder gar ein ganzes Abendprogramm wird?
Lisa Christ: Leute, die meine Meinung hören wollen, Zuversicht, Arbeit und Hingabe.

Üben Sie zu Hause vor dem Spiegel?
Nein. Das würde mich nur ablenken.

Sie üben oft Kritik an gesellschaftlichen Tendenzen, zum Beispiel am sogenannten «Schlankheitswahn». Sie fordern im Grunde den Gegentrend, dass man also zum Beispiel im Ausgang mit Genuss Alkohol trinken soll, statt sich nur mit Wasser zu begnügen. Droht da nicht die Gefahr des Moralisierens?
Ich finde Moral an sich nichts Schlechtes, aber ja, es ist ein feiner Grat zwischen Zeigefinger hochhalten und Meinung loswerden. Natürlich sind gewisse Texte überspitzt formuliert, das liegt in der Natur der Komik, des Bühnenjargons. Gerade bei Slamtexten braucht es oft einen schmissigen Schluss. Gesellschaftskritik halte ich auf der Bühne für eine Pflicht. Kabarett sollte immer den Spiegel vorhalten.

«Gesellschaftskritik halte ich auf der Bühne für eine Pflicht.»

In Ihrem ersten Soloprogramm, mit dem Sie seit April unterwegs sind, behandeln Sie Themen der Identitätssuche im Erwachsenenalter. Zum Beispiel stellen Sie sich die Frage nach der Rolle der Frau in der heutigen Zeit. Beschäftigt Sie das auch privat oder ist es vor allem ein Stoff für die Bühne?
Fragen, die ich mir privat nicht stelle, schaffen es nicht bis auf die Bühne. Der Ursprung liegt immer im Persönlichen. Sonst fehlt mir die Motivation, mich mit etwas auseinanderzusetzen.

Auf Ihrer Website ist zu lesen, dass Sie von Poetry-Slam leben können. Ich nehme an, damit sind vor allem die Gagen gemeint. Wie oft treten Sie durchschnittlich pro Monat auf?
2019 sind es bis jetzt durchschnittlich 13 Auftritte im Monat.

Daneben geben Sie auch Poetry-Slam-Workshops an Schulen. Was raten Sie den jungen Leuten, die Ihnen nacheifern?
Habt Spass, bleibt dran, versucht nicht, jemanden zu imitieren. Und: Man muss nicht zwingend leiden, um zu erschaffen.

Sie engagieren sich für mehr Mädchen und Frauen in der Poetry-Szene. Denkt man an Aushängeschilder wie Sie oder Hazel Brugger und Lara Stoll, so könnte man meinen, die Szene sei inzwischen nicht mehr von Männern dominiert. Täuscht der Eindruck?
Wenn man explizit an weibliche Aushängeschilder denkt, findet man auch welche. Denkt man an Männer, fallen einem aber schnell mehr ein. Die Slam-Szene ist von gesamtgesellschaftlichen Strömungen nicht ausgenommen. Es ist immer noch anspruchsvoller, ein weibliches Line-up für einen Slam zusammenzubekommen als ein männliches. Dass es nun einige Frauen auf die professionelle Schiene geschafft haben, heisst noch lange nicht, dass es keine strukturelle Benachteiligung mehr gibt. Aber wir sind auf einem guten Weg.

Am Sonntag läuft im Fernsehen SRF die erste Folge der neuen, von Ihnen moderierten «Comedy Talent Show». Oft zu hören ist die Meinung, Schweizer hätten wenig komisches Talent. Welche Erfahrung haben Sie im Rahmen der neuen Show gemacht?
Ich halte solche Generalisierungen für unsinnig. Ob jemand Schweizerin oder Schweizer ist oder nicht, hat wenig damit zu tun, ob die Person Humor hat. In der «Comedy Talent Show» ist für alle Geschmäcker etwas mit dabei. Auch für meinen.

Nicht weniger als 15 Autorinnen und Autoren lesen heute in der Stadtgärtnerei, vom Romanautor Lukas Hartmann über die Lyrikerin Lea Gottheil bis zu Ruedi Widmer, Cartoonist des «Tages-Anzeigers». Die 28-jährige Slam-Poetin Lisa Christ zeigt bei ihren drei Kurzauftritten von je 30 Minuten auch Ausschnitte aus ihrem Bühnenprogramm «Ich brauche neue Schuhe». Das folgende Interview wurde schriftlich geführt.

Heute, 11 bis 22 Uhr, Stadtgärtnerei Büel, Hochwachtstrasse 23. Lesungen ab 12.30 Uhr. Lisa Christ tritt um 13, 14 und 15 Uhr auf.

Erstellt: 14.06.2019, 15:13 Uhr

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