Bühne

Gleichnishafter Tanz mit den Dingen

«Hallo» rief der Bewegungskünstler Martin Zimmermann in den Zuschauerraum des Theater Winterthur. Von dort kam ein mehrstimmiges «Hallo» zurück.

Der Bewegungskünstler Martin Zimmermann verblüffte das Publikum im Theater Winterthur.

Der Bewegungskünstler Martin Zimmermann verblüffte das Publikum im Theater Winterthur. Bild: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Er steigt in eine flache Kiste am Boden, klappt den Deckel zu. Die Kiste dreht sich, fährt über den Boden, dazu hämmert ein Klavier aus dem Off. Es ist eine surreale, unheimliche Szene zu Beginn des Stücks, wie wenn Gegenstände in einer spiritistischen Sitzung in Bewegung geraten. Immer wieder tritt der Mann dann durch eine Tür in den Raum, steigt durch einen Stuhlrahmen, verheddert sich darin, steigt auf einen rechteckigen Rahmen, faltet ihn zusammen, klappt ihn wieder auf oder zieht gar seinen Kopf bis zur Brust herunter.Elegant tanzt der Bewegungskünstler Martin Zimmermann mit den trägen Requisiten, die Bewegungen fliessen ineinander, es gibt nichts, was er nicht kann. Die Komik ergibt sich aus dem Zusammenspiel mit den Gegenständen, die manchmal ein Eigenleben entfalten. Eine Geschichte erzählt er nicht, aber man könnte zu den Bewegungsfolgen wohl eine hinzu erfinden. Denn manches wirkt gleichnishaft. Es liegt auch etwas die Existenz und die Einsamkeit Betreffendes in dem, was uns da vorgeturnt wird.

Martin Zimmermann – Hallo. PD via Youtube

Etwa wenn er verloren unter den zu einem Unterschlupf zusammen gestellten Brettern hockt und weint oder sinnend einen Snack isst und dabei seine Zähne zeigt wie ein Hase - einen vorgestellten Snack natürlich. Diese Kunst kommt mit wenig aus, sie setzt auf die Vorstellungskraft; das wenige erscheint zufällig anwesend, obwohl es gerade das nicht ist. Das rote Quadrat im Hintergrund, die weissen und schwarzen Tücher, die immer wieder den Ort wechseln, sie sind ebenfalls Akteure in diesem Ballett der Dinge. Es gibt in diesem Spiel so viele Ideen und Variationen, dass man sie unmöglich alle in Erinnerung behalten kann.

Humor: Eine Frage der Perspektive

Seit über zwanzig Jahren steht Zimmermanns auf der Bühne, «Hallo» ist sein erstes Solostück, seit 2014 ist er damit unterwegs, nach der Premiere in Lausanne kamen Zürich, Neapel, Paris, New York. Am Dienstag und Mittwoch war er im Theater Winterthur zu Gast. Es ist eine subtile, stille Nummer zwischen Stummfilm, Zirkus und dem absurden Theater von Samuel Beckett, unterlegt mit Klaviermusik des Jazzpianisten Colin Vallon. Zimmermann, Jahrgang 1970, ist in Wildberg im Zürcher Oberland aufgewachsen, auf eine Lehre als Schaufensterdekorateur folgte eine Ausbildung am französischen Centre national des arts du cirque. Er sehe seine Figur als Clown, sagte er 2015 dem «Landboten».

Ein grosses, raumbildendes Rechteck ist in diesem Stück der grosse Mitspieler, es stellt sich selbständig auf und deutet dann ein Wohnzimmer oder Schaufenster an - das Stück soll biographische Elemente enthalten - und klappt wieder zusammen. Manchmal muss es von innen gestützt werden, das ist anstrengend und sieht lustig aus, darüber lacht dann das Publikum. Aber der Mann, der arbeitet, lacht nicht mit, er äfft die Lacher nach: Humor ist immer auch eine Frage der Perspektive. Und wer soviel zu tun hat wie der Mann in enger schwarzer Stretchhose und weissem Leibchen, dessen ernste Miene ein wenig an Buster Keaton erinnert, der ist beschäftigt, dem steht der Sinn nicht nach Zerstreuung.

Er weckt unsere Sympathie, der Mann, der sich da abrackert, wir sehen uns in ihm gespiegelt. Es gibt Slapsticks in «Hallo» und viele Szenen, die so absurd sind wie manches im Leben. Und es gibt, gegen Ende der rund 70 Minuten, eine berührende Szene, in der der Mann oben auf dem Rahmen steht, sich suchend umschaut und «Hallo, hallo» ruft. Dann bekommt er von den Rängen ein mehrstimmiges «Hallo» zur Antwort. (Landbote)

Erstellt: 23.01.2019, 15:59 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Newsletter

Das Beste der Woche.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitagmorgen Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!