Winterthur

«Historiker sind Detektive»

Keiner kennt sich so gut aus in der Winterthurer Geschichte wie der Historiker Peter Niederhäuser. Kürzlich hat er den mit zehntausend Franken dotierten Carl-Heinrich-Ernst-Preis erhalten.

Der Historiker Peter Niederhäuser möchte auch von einem breiten Publikum verstanden werden

Der Historiker Peter Niederhäuser möchte auch von einem breiten Publikum verstanden werden Bild: Johanna Bossart

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Anfang 2020 erscheint sein Buch über Winterthur zur Zeit der Reformation, als Neujahrsblatt der Zürcher Antiquarischen Gesellschaft, im Chronos-Verlag, wo viele seiner zahlreichen Bücher und Aufsätze erschienen sind. An dem Nachmittag im November, an dem wir uns im Restaurant Casinotheater zum Gespräch treffen, kommt er gerade von der Arbeit am Layout. Weil das Buch von Peter Niederhäuser stammt, ist es nicht einfach ein weiteres Buch zum Thema: Historiker forschen dort, wo unser Verständnis lückenhaft ist.

Bisher sei die Reformation vor allem als Stadtzürcher Angelegenheit behandelt worden, führt Niederhäuser aus. Viele Quellen würden jedoch zeigen, dass auch in Winterthur viel los gewesen sei. 1524 beschlossen die Winterthurer Geistlichen, sich fortan nicht mehr dem Bischof von Konstanz, sondern dem Rat der Stadt unterzuordnen. Eine weitere Zäsur liegt 1573 mit dem Tod der letzten Tössemer Nonne vor: Damit endete ein Streit darüber, was mit dem Kloster geschehen sollte.

Das Kloster Töss beschäftigt die Geschichtsschreibung bis heute. Bis Frühling 2020 dauern die Ausgrabungen auf dem Areal der Firma Rieter, wo das Kloster stand. Das könnte an sich eine ähnlich «grosse Kiste» werden wie vor einigen Jahren die Grabungen beim Zürcher Opernhaus, wo unter anderem Überreste von Pfahlbausiedlungen zum Vorschein kamen, sagt Niederhäuser. Doch die Umstände seien anders, man müsse sich in Töss auf eine Teilgrabung beschränken, die aber zweifellos spannende Ergebnisse ans Tageslicht bringe.

Spezialist für Adel und Mittelalter

Niederhäusers Kerngebiet ist die mittelalterliche und die Adels-Geschichte. Wie vielseitig das Schaffen des 1964 geborenen Historikers tatsächlich ist, zeigt ein Blick in die Liste seiner Publikationen: «Oberwinterthurer Kirchengeschichten» lautet der Titel eines Bandes; ein «historischer Spaziergang durch die Steinberggasse» erzählt Wissenswertes und Kurioses über einzelne Häuser; ein Sammelband beschäftigt sich mit dem Leben des Konstanzer Bischofs Hugo von Hohenlandenberg, zahlreiche Schriften dokumentieren die Geschichte von Stadtquartieren, Burgen und Kirchen.

Seine Interessen machen vor der Neuzeit nicht Halt, so hat er sich auch mit Schweizer Auswanderern nach Russland, mit der ehemaligen Winterthurer Unterwäscheherstellerin Sawaco und dem Verhältnis von Zürich zum Kloster Einsiedeln auseinandergesetzt. Immer wieder greift er die Geschichte der Juden in Winterthur auf, das er entdeckt und für das er lange Grundlagenarbeit betrieben hat. Davon zehre er bis heute.

Rund dreissigtausend Urkunden und Akten enthält seine persönliche, digitalisierte Datenbank, teils sind sie im Volltext transkribiert, mehrheitlich zusammengefasst. Das Schöne daran sei, dass man die Datenbank stets erweitern könne. Da hat sich einer mit Leib und Seele der Geschichte und dem Sammeln und Bewahren verschrieben. Viele Archive lagern bislang unerschlossen in Kisten, weiss Niederhäuser. Dort mache er immer wieder Entdeckungen.

Das gilt auch für Firmenarchive, die jedoch meist nur Unterlagen der letzten paar Jahrzehnte aufbewahren, weshalb er für weiter Zurückliegendes oft auf Zeitungsartikel, Inserate und Notariatsquellen angewiesen ist. «Historiker sind Detektive», sagt Niederhäuser. «Mit der Zeit weiss man, wo man etwas finden kann.»

Tatsächlich hatte er sich beim Studienende 1996 ein Zeitlang vorstellen können, als Detektiv bei der Polizei zu arbeiten. Bei der Verwertung der Funde sind Liebe zum Detail und oft auch Fingerspitzengefühl gefragt, zwei Dinge, über die Niederhäuser in hohem Masse verfügt.

Alle sollen verstehen, was er sagen will

Man könne ihn durchaus als Literaten betrachten, sagt der freischaffende Historiker mit Blick auf den Carl-Heinrich-Ernst-Preis, den er Mitte November erhalten hat. Die gute Lesbarkeit seiner Schriften ist ihm ein Anliegen. Es gibt nicht viele Fachgelehrte, die sich auch einem breiteren Publikum so verständlich machen können wie Niederhäuser. Auch zu seinen Vorträgen in Dörfern kämen manchmal siebzig bis achtzig Leute, das motiviere ihn.

Seit 1996 schreibt Niederhäuser auch pro Jahr mehrere Artikel für den «Landboten». Im laufenden Jahr etwa über die Mörsburg, das 125-Jahr-Jubiläum des Quartiervereins Breite-Vogelsang und den 500. Todestag von Kaiser Maximilian, dem letzten Habsburger mit engeren Beziehungen zu Winterthur. Seinen ersten journalistischen Text schrieb Niederhäuser für die «Neue Zürcher Zeitung»: In einem Artikel mit der Überschrift «Allerheiligen und Allerseelen» beschäftigte er sich mit dem mittelalterlichen Geisterglauben.

Ein freischaffender Historiker ist auf ein grosses Beziehungs- und Kontaktnetz angewiesen. Umso mehr, als sich der Spezialist für mittelalterliche und Regionalgeschichte heute ebenso mit der Geschichte von Firmen und Familien beschäftigt, oft in privatem Auftragsverhältnis. So etwa mit der Baufirma Toggenburger, die der Carl-Heinrich-Ernst-Stiftung nahesteht. Deren Preis bekam Niederhäuser «für seine unermüdlichen Bestrebungen, Licht in die Geschichte der Stadt und des Bezirks Winterthur zu bringen», wie es in der Begründung hiess.

Reich wird man mit der Arbeit als Historiker nicht, für Schriften gebe es nur einen kleinen Markt, sagt Niederhäuser, doch seit einigen Jahren könne er von seinen Einkünften anständig leben. Niederhäuser arbeitet auch als historischer Reiseführer und ist in Winterthur noch bis 2022 Präsident des Heimatschutzes; von 2003 bis 2010 war er Präsident des Historischen Vereins.

Die Geschichte ist nie endgültig erforscht

«Zweien ‘gnädigen Herren’ untertan. Das spätmittelalterliche Winterthur zwischen Österreich und Zürich», so war der erste Aufsatz überschrieben, den Peter Niederhäuser 1996 für das Zürcher Taschenbuch, das Publikationsorgan des Staatsarchivs, verfasste. Diesen Titel kann man symbolisch lesen: Auch Niederhäuser hat zwei «Herren», denen er dient, die Wissenschaft und das breite Publikum.

Schon damals zeichnete sich ab, was Niederhäuser heute kurz und bündig so zusammenfasst: «Winterthur hat mehrere geschichtliche Identitäten.» Die Neuzeit sei wichtig, aber man solle darüber den Rest nicht vergessen. Die Arbeit wird ihm nicht ausgehen, denn das Bild, das wir uns von der Vergangenheit machen, wandelt sich immer wieder: «Die Geschichte ist nie endgültig erforscht.»

Peter Niederhäuser: Eine Stadt im Wandel. Winterthur und die Reformation. Unter Mitarbeit von Ruedi Gamper und mit Beiträgen von Hansjörg Brunner, Thomas Gehring und Brigitte Meile. Chronos-Verlag Zürich, 2020.

Erstellt: 08.12.2019, 16:17 Uhr

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