Musikfestwochen

Hymnen zum Schwelgen

Madrugada und Emilie Zoé tauchen heute die Steinberggasse in ein melancholisches Klangbad. Dazwischen kann man sich vom ästhetischen Gitarrenrock von Nothing But Thieves wegtragen lassen.

Comeback nach über zehn Jahren Pause: Madrugada. Foto: PD

Comeback nach über zehn Jahren Pause: Madrugada. Foto: PD

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Die Songs von Emilie Zoé leben von einer intensiven Stimmung, produziert durch konsequente Reduktion, darüber legt sich ihre bewegliche, klangvolle Stimme. Letztes Jahr war sie bereits dreimal in Winterthur zu hören, zuletzt im Dezember im Kraftfeld. Heute eröffnet Zoé den Abend auf der Steinberggasse.

Die Neuenburger Rockmusikerin war drei Jahre mit Anna Aaron auf Tour, ihr erstes Album «Dead-End Tape» erschien 2016. Die dominierende Gefühlslage auf dem im November 2018 erschienenen zweiten Album «The Very Start» ist dunkel und melancholisch und kommt in Songtiteln wie «A Fish In a Net» und «Loner» zum Ausdruck.

In «6 O’clock» allerdings, dem eingängigen ersten Song, erinnert das Material an die frühen Coldplay, der Gesang ist warm und eindringlich: Musik, die sofort für sich einnimmt. Melodiös ist auch das hübsche «Dead Birds Fly».

Eine Überraschung bietet «The Barren Land», wo auf ein längeres, choralartiges Intro ein zügig vorgetragenes, etwas feierliches Lied folgt, das am Ende von schmerzhaften Störgeräuschen wie von einer Bohrmaschine überlagert wird. Mit dem folkigen «Sailor» kehrt das Album am Ende zum viel versprechenden Anfang zurück.

Verwandte von Muse

Zur jungen englischen Gitarrenrockband Nothing But Thieves ist den Schweizer Medien noch nicht viel eingefallen. Auf der Suche nach Fakten stösst man unter anderem auf Trump, der dazu rät, den Brand der Notre Dame in Paris mit Wasserflugzeugen zu löschen. Vielleicht ist es das Wort «Thieves» (Diebe), das hier die Verbindung zum amerikanischen Präsidenten herstellt.

Es passt tatsächlich auch zu dieser Band: Im Gesang von Conor Mason sind Ähnlichkeiten zu Muse und zum bombastischen Rock der 1980er-Jahre feststellbar. Der englische «Guardian» bezeichnete das letzte, im November 2017 erschienene Album «Broken Machine» sogar als «Fusion» aus Muse und (den frühen) Radiohead.

Innovativ ist dieser Sound also nicht, aber er ist immerhin gut gemacht. Und das Spektrum ist breit, es reicht von opulenten Stadionwalzen bis zu süffigen Balladen, wobei auch in ersteren das Gitarrengewitter gerne von luftig-melodiösen Klangwolken gebrochen wird. Stets im Vordergrund bleibt Masons hohe, meist inbrünstige Stimme, sie hält die musikalischen Einfälle zusammen.

Tiefgründige Norweger

Weit dringlicher und tiefgründiger als bei Mason wirkt der sonore Gesang von Sivert Høyem, dem Frontmann der wieder auferstandenen norwegischen Band Madrugada. 2008, ein Jahr nach dem Tod des Gitarristen Robert Burås, hatte sich die Band aufgelöst – im selben Jahr waren sie noch an den Musikfestwochen aufgetreten. Danach widmete sich Høyem seiner Solokarriere.

KONZERTINFO
Sivert Høyem, der Sänger von Madrugada, wurde wegen eines medizinischen Notfalls ins Spital eingeliefert. Die Band kann ihr Konzert von Samstag an den Musikfestwochen nicht spielen, teilen die Veranstalter mit. Zum Artikel mit weiteren Infos...(far)

Jetzt ist er mit Madrugada auf Comeback-Tour, und zwar mit dem zwanzigjährigen Album «Industrial Silence», mit dem die Band 1999 bekannt wurde. Anfang März spielte sie in Zürich, heute ist sie die Hauptband des Abends auf der Steinberggasse.

«Industrial Silence» ist ein abwechslungsreiches Album mit einigen sehr guten Songs, hinreissend etwa das dunkel-verführerische «Electric» mit Elementen aus dem Country.

Zu den besten Madrugada-Songs zählt ferner «The Kids Are On High Street» vom 2005 erschienenen Album «The Deep End»; der Drive und die Melodiebögen erinnern hier an die kalifornische Band R.E.M. Bekannt ist auch das runde «Majesty», eine ruhige, sehnsüchtig-melancholische Ballade vom Album «Grit» von 2002.

Samstag, Musikfestwochen, Steinberggasse: Emilie Zoé: 18.45 Uhr. Nothing But Thieves: 20.30 Uhr. Madrugada: 22.25 Uhr. Es sind noch Tickets erhältlich.

Erstellt: 16.08.2019, 13:19 Uhr

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