Begegnung

«Ich bin froh, dass mich der Storch nicht im Südsudan runter gelassen hat»

Kaum ein Komiker hatte so lange Erfolg wiePeach Weber, und doch wurde der Aargauer immer unterschätzt. Mit 65 Jahren geht er statt in Pension wieder auf Tour, «iPeach» heisst sein neues Programm. Ein Gespräch und eine Annäherung.

Bart, Kappe und ein Schmunzeln: Peach Weber ist kein Mann grosser Veränderungen. Seine Pensionierung hat er aufgeschoben und tourt stattdessen mit seinem 15. Programm durch die Schweiz.

Bart, Kappe und ein Schmunzeln: Peach Weber ist kein Mann grosser Veränderungen. Seine Pensionierung hat er aufgeschoben und tourt stattdessen mit seinem 15. Programm durch die Schweiz. Bild: Marc Dahinden

Seinen Nachruf in der NZZ würde er nicht lesen wollen. «Die werden auch da noch etwas finden, um mir ans Bein zu seichen», sagt Peach Weber. Eine gute Stunde ist um, das Gespräch im Café des Winterthurer Gewerbemuseums hat weite Bögen genommen. Peach Weber, der Mann der, wie er selbst sagt, die Stand-up-Comedy vor 40 Jahren als Sit-down-Comedy in die Schweiz gebracht hat, ist ein differenzierter Gesprächspartner. Knapp und scharf in seinen Ausführungen, nie ausladend. Vom Apfelstreuselkuchen auf seinem Teller sind nur noch Krümel übrig. Der Aargauer Bass lässt die leere Kaffeetasse fast vibrieren. Das Gespräch kreist um den Tod.

Sie haben sich offen zur Sterbehilfeorganisation Exit bekannt. Sie sind also Mitglied?
Ja, schon länger. Und ich habe auch eine Patientenverfügung gemacht. Davon reden viele, dass sie das wollen, aber man muss es dann auch einmal umsetzen. Bei Hoffnungslosigkeit abschalten, ist meine Vorgabe. Das ist eine persönliche Entscheidung, die jeder selbst fällen muss. Ich sehe auch die Argumente die dagegen sprechen.

Gab es eine Erfahrung, die Ihr Verhältnis zum Tod geprägt hat?
Meine Grossmutter ist am Ende fünf Jahre gegen ihren Willen ernährt worden. Das ist 20 Jahre her. Bei meiner Mutter habe ich dann gesehen, dass man mit Ärzten heute sehr vernünftig reden kann. Sie hatte eine Chemotherapie gemacht und sagte dann, noch eine mache sie nicht. Es hat sich einiges zum Guten verändert.

Beschäftigt Sie der Tod?
In dem Rahmen, in dem er alle beschäftigt. Es ist mir klar, dass ich irgendwann nicht mehr da bin, aber ich studiere nicht übermässig daran herum. In letzter Zeit haben viele meiner Bekannten, die pensioniert werden, eine Bucket List gemacht, mit Dingen, die sie noch machen wollen. Meine Bucket List ist leer.

Sie sind jetzt 65 Jahre alt, wären ordentlich pensioniert. Nur fürs Geld müssten Sie schon lange nicht mehr auftreten. Warum machen Sie weiter?
Warum sollte ich also nicht weitermachen? Ich reise nicht gern, ich spiele kein Golf, ich mache keine Kreuzfahrten. Bis jetzt ist mir das Auftreten nicht verleidet. Klar braucht man mit 65 etwas mehr Erholungszeit als früher, nach vier Vorstellungen am Stück brauche ich zwei Tage, um wieder runterzukommen.

«Was ich mache, ist Verbrauchsunterhaltung. Da schaut keiner in der NZZ nach, ob es lustig war.»Peach Weber

Streng genommen steht Peach Webers Abschied von der Bühne schon seit fast zehn Jahren fest. Am 15. Oktober 2027 hat er das Hallenstadion gebucht, am Nachmittag und am Abend. Es soll seine letzte Vorstellung werden, und eine für den guten Zweck. Sein Bruder, der ihn früher eine Weile auf Tournee begleitet hatte, hat sich das ausgedacht. Für die Nachmittagsvorstellung gibt es noch Karten, der Abend ist ausverkauft. Die Zufriedenheit darüber ist Peach Weber anzumerken.

An wen geht eigentlich das Geld Ihrer Abschiedsvorstellung?
Das wird noch bestimmt. Die Empfänger 19 Jahre im Voraus festzulegen wäre nicht sinnvoll gewesen. Was ich schon weiss, ist, es wird einen fetten sechsstelligen Betrag geben und es werden wohl mehrere Institutionen berücksichtigt werden. Was mich sehr freut, ist, dass mir die Leute vertrauen. Ich weiss zum Beispiel nicht, ob das bei Pierin Vinzenz auch so gewesen wäre, hätte er so einen Anlass angekündigt.

Bild: Marc Dahinden

2027 ist noch eine Weile hin, so lange wollen Sie durchspielen?
Die Hälfte der Zeit seit der Ankündigung habe ich ja schon einmal überlebt. Aber ja, das ist der Plan, wenn es geht noch ein, zwei Programme zu machen in der Zwischenzeit.

Haben Sie keine Angst, dass Ihnen nichts mehr einfällt?
Es könnte schon passieren, dass irgendwann nichts mehr kommt. Ich habe darum früher manchmal Ideen aufbewahrt, für den Fall, dass sie ausbleiben. Ich habe dann aber gemerkt, eine Idee, die man weglegt, bleibt eine Idee, eine, die man braucht, bringt weitere.

Wie sieht Ihr Arbeitsprozess heute aus, wenn Sie ein Programm schreiben?
Da sind diese Zettel, die ich ansammle, aber etwas die Hälfte der Ideen kommen beim Schreiben selbst. Wenn es nicht läuft, gehe ich einen Kaffee trinken oder mähe den Rasen. Wenn es gut läuft, arbeite ich auch einmal bis Mitternacht durch. Manchmal arbeitet ich auch zwei Tage an etwas und muss hinterher sagen: Das kannst du fortwerfen. Und dann schreibe ich in einer halben Stunde ein Lied. Ich habe gemerkt, für ein ganzes Programm brauche ich in drei Monaten 20 bis 21 gute Arbeitstage, das reicht.

Sie klauen auch bei anderen und sind tatsächlich einer der wenigen, der das zugibt.
Einzelne Gags, das ist ein rechtsfreier Raum. Da kann man alles klauen, aber alles kann einem auch geklaut werden.

Ist es für Sie im Markt über die Jahre schwieriger geworden?
Als ich anfing, vor vierzig Jahren hatte ich kaum Konkurrenz. Seit etwa 2000 gibt es eine Inflation in der Unterhaltungsbranche. Das Lustige ist dabei das Einzige, was überlebt. Ein Zauberer ist heute nicht mehr gefragt, ausser er ist ein lustiger Zauberer. Ein Jongleur ist auch nicht mehr gefragt, ausser er ist ein lustiger Jongleur.

Sie selbst sind ihrem Stil treu geblieben. Das neue Programm heisst «iPeach», aber so modern ist nur Verpackung. Reicht das noch, um Junge anzusprechen?
Das ist etwas, das mich selbst überrascht, dass es bei mir im Publikum immer auch 14- bis 18-Jährige hat. Manche kommen sogar in Gruppen und kaufen nach der Show eine CD.

Sie hatten schon früh das Etikett Blödel-Komiker, ein Ausdruck gegen den Sie sich danach lange gewehrt haben.
Ich bin sogar selbst schuld daran. Als ich anfing, hatte ich noch ein Management, das mich drängte, meinem Stil einen Namen zu geben. Das war damals mitten in der Blödelwelle mit Dieter Hallervorden. Dann habe ich den Ausdruck Blödel-Komiker erfunden. Der dann nur für mich Verwendung fand und immer noch in der Presse auftaucht. Aber die Leute merkten schon, dass hinter der Figur Peach Weber kein Volltrottel steckt.

«Das Schweizerkreuz hatte ich schon immer, also bevor die Fahne politisch gekapert wurde.»Peach Weber

Das Thema hat Sie weiter verfolgt. Das Feuilleton hatte nie etwas für Peach Weber übrig.
Ich habe immer gewusst, dass das nie so sein würde. Ich mache Verbrauchsunterhaltung. Da geht niemand hin und liest in der NZZ nach, ob es lustig war. Als ich anfing, schickten die Redaktionen die Kritiker zu mir, die sonst über die Oper schrieben. Die konnten mich nicht lustig finden, auch um sich höher zu stellen. Auch wenn ich viele beobachtet und gesehen habe, wie sie bei mir gelacht haben. Nach zehn Jahren hatte ich davon genug und habe keine Kritiker mehr gratis reingelassen. Ich habe gesagt: Ihr könnt einen Verriss schreiben, aber dann zahlt bitteschön Eintritt.

Eine leichte Animosität ist Peach Weber noch anzumerken, dabei ist er heute längst Teil des Systems. Die Aargauer Zeitung engagierte ihn zuerst als Kolumnisten, bald sprangen die Regionalzeitungen des NZZ-Verlags auf. Heute erreicht Peach Weber mit seinen meist gesellschaftspolitischen Beiträgen Menschen von Luzern bis ins Baselbiet. Ein politischer Mensch war er schon viel länger. Als 25-jähriger kandidierte er in seinem Heimatort Wohlen fürs Parlament. Peach Weber erzählt die Geschichte gern, denn sie hat eine Pointe. «Euse Ma» hiess seine Liste, er stand ganz allein drauf, machte aber zwei Sitze. Über die Jahre wurden acht Sitze daraus und aus «Euse Ma» wurden «Eusi Manne» und «Eusi Lüüt». Peach Weber zog sich nach drei Legislaturen zurück, die Bewegung schloss sich später den Grünen an. Mehrmals wurde er angefragt, ob er für den Nationalrat kandidieren wolle. Mehrmals lehnte er ab. Die Parteipolitik ist nicht seine Sache. Er entscheidet nach Thema, unterstützte etwa die Spekulations-Stopp-Initiative der Juso und hat jetzt Sympathien für die Vollgeld-Initiative.

Als Kolumnist mischen Sie sich in gesellschaftliche und politische Debatten ein. Worum geht es ihnen?
Ich habe keine Mission, die dahinter steckt, sondern entscheide sehr spontan. Es kann zum Beispiel sein, dass ich sehe, dass die Pöstler immer schneller arbeiten müssen und finde, das ist noch ein gutes Bild für unsere Gesellschaft. Alles muss immer schneller und billiger werden. Und am Schluss hat man nur noch Schrott

Fühlen Sie sich als Kolumnist ernst genommen?
Es gibt immer einzelne Leute, die mir schreiben, ich als Komiker hätte mich zu diesem oder jenem nicht zu äussern. Aber die meisten Reaktionen sind sehr positiv, die Leute schätzen die humorvolle Beschreibung ernster Probleme.

Sie sind schon immer mit einem Schweizerkreuz am Notenständer aufgetreten. Für einen Patrioten sind Sie aber viel zu kritisch. Wie würden Sie Ihr Heimatverständnis beschreiben?
Ich bin froh, hat mich der Storch hier runtergelassen und nicht im Südsudan. Ich finde, man darf gerne in einem Land leben, solange man sich deshalb nicht über andere erhoben fühlt. Das Schweizerkreuz hatte ich schon immer. Also bevor die Fahne politisch gekapert wurde – was ich übrigens eine Sauerei fand. Ich bin trotzdem dabei geblieben. So wie ich auch immer eine Kappe aufhatte und einen Bart, lange bevor Bärte wieder Mode wurden.

Sie gehören heute selbst zur Schweizer Folklore.
Bestenfalls. Es wäre mir nicht unwohl dabei.

Bild: Marc Dahinden

Der zweite Cappuccino ist ausgetrunken. Eineinhalb Stunden sind um. Peach Weber muss gleich weiter, er trifft einen Freund, der in Winterthur lebt, und der ihn auf der Tournee manchmal begleitet und unterstützt.

Hätten Sie sich auch etwas anderes vorstellen können in Ihrem Leben?
Ich wäre gerne ein guter Schlagzeuger geworden. Als junger Mann habe ich in zwei Bands gespielt, ich musste aber schnell einsehen, dass ich nie richtig gut werden würde, nicht mit der grössten Anstrengung. Und wenn etwas keinen Sinn macht, lasse ich es bleiben. Die Frage ist natürlich, ob man manchmal zu früh aufgibt mit dieser Mentalität.

Sie machen das, was Sie können und nichts anderes.
So ist es. Ich würde zum Beispiel gerne Dialekte nachmachen oder Personen imitieren, da steckt viel Potenzial drin, aber ich kann das nicht.

Was Sie können hat bisher ausgereicht.
Ich habe mir immer gesagt, wenn es nicht mehr funktioniert, dann ist fertig, das nächste Programm könnte das letzte ein. Ich bin nie davon ausgegangen, dass das länger als ein paar Jahre dauert. (landbote.ch)

Erstellt: 11.04.2018, 16:02 Uhr

iPeach

Peach Weber gastiert mit seinem Programm «iPeach» am 14. und 15. Mai in der Alten Kaserne Winterthur, Technikumstrasse 8, Infos und Tickets via www.peachweber.ch

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