Winterthur

«Ich glaube stets an die Zukunft»

Die Oxyd Kunsträume zeigen einen Überblick über Werner Hurters Schaffen aus den letzten vier Jahrzehnten. Für den 84-jährigen Winterthurer Künstler ist diese Ausstellung die erste Retrospektive überhaupt.

Ein frühes Farbbild: Werner Hurter, Tisch, 1985, Acryl auf Papier, 99 x 133 cm.

Ein frühes Farbbild: Werner Hurter, Tisch, 1985, Acryl auf Papier, 99 x 133 cm. Bild: Peter Huber

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Als Werner Hurter 2007 für eine Einzelausstellung ins Kunstmuseum Winterthur eingeladen wurde, wollte er von einer Retrospektive noch nichts wissen und zeigte stattdessen eigens für die Ausstellung neu geschaffene Werke. Für die Ausstellung im Oxyd hat er nun gemeinsam mit seinem Sohn, dem Künstler Theo Hurter, seinem Galeristen Walter Büchi und anderen engen Vertrauten Werke aus mehreren Schaffensperioden seit den 1980er Jahren ausgewählt. Kein leichtes Unterfangen, denn bei Hurters überbordendem Schaffensdrang ist im Verlauf der letzten Jahrzehnte ein unglaublich grosses Konvolut entstanden. Als Auftakt stösst man auf zwei fesselnde Entdeckungen. Da ist einerseits das grossformatige Bild «Brackwasser». Der unprätentiöse Titel - angespielt wird auf den Bereich einer Flussmündung, wo sich Süss- und Salzwasser mischen und wo sich Mengen von Schwemmmaterial ansammeln – steht für ein abstraktes Werk vorwiegend in Grautönen. Die Farben sind vielschichtig, kraftvoll, beinahe dramatisch und doch mit souveräner Leichtigkeit aufgetragen. Der Malprozess sei ihm wie eine Explosion vorgekommen, erinnert sich Hurter – eine Explosion, die sein malerisches Können bezeugt.

«Himmelskarte»

Neben diesem Werk hängt die zweite grossartige Überraschung: Eine sechsteilige Werkserie von Frottagen. Die Frottage ist eine Technik, bei der die Oberflächenstruktur eines Gegenstandes mittels Abrieb auf ein darüberliegendes Papier übertragen wird. Hurter zeigt sechs Blätter, die durch den Abrieb einer verputzten Wandfläche entstanden sind. Neben zahlreichen Nagellöchern mäandert der Schatten von gespannten Schnüren über die Bilder – man scheint das Abbild einer überwältigenden Sternenlandschaft vor sich zu haben, ein darüber gezogenes Raster versucht der unübersichtlichen «Himmelskarte» eine eigene Systematik überzustülpen.

Die Gegenüberstellung dieser beiden Arbeiten zeigt einen wichtigen Wesenszug im Schaffen Hurters auf: Es lässt sich keine lineare Werkentwicklung ableiten – Hurters Werk ist geprägt von Brüchen. Arbeiten bedeutet für Hurter letztendlich Experimentieren. Einzelne Themen und Werkaspekte werden ausgeführt, geraten dann in Vergessenheit oder werden verworfen, um dann Jahre später wieder aufgegriffen zu werden.

Enorme Werkfülle

Die Ausstellung im Oxyd weist daher auch keine chronologische Hängung auf, sondern ist nach Werkgruppen sortiert. Wenn man bedenkt, welche enorme Werkfülle für die Retrospektive zur Verfügung stand, ist diese sehr gelungene Hängung letztendlich der Kunst des Weglassens geschuldet. Hurter selbst bereitet es eine grosse Freude, einige seiner Arbeiten nun wiederzusehen. Zum Teil sind es Arbeiten, die er über die Jahre vergessen hat, oder grossformatige Arbeiten, die er nun in den Räumen des Oxyd endlich einmal wieder gehängt betrachten kann.

Dazu gehören auch die beiden grossformatigen «Elbstücke» aus den 1980er Jahren. Entstanden sind sie wie das Werk «Brackwasser» nach wiederholten Reisen nach Schleswig-Holstein, in die Heimat seiner Frau. Hurter erzählt, wie er dort anfangs die Landschaft regelrecht gesucht habe und doch nur ihre extreme Horizontalität wahrnahm, bis er plötzlich Wolkenlandschaften über sich hinweg sausen sah – Wolken, die so gar nicht in helvetischer Langsamkeit weiterzogen, sondern vom Wind gepeitscht über die flache Ebene jagten.

Der andere Hurter

Und dann gibt es natürlich den anderen Hurter, den ehemaligen Architekten. Eine Serie aktueller Zeichnungen zeigt Parallelen zu Hurters wohl bekanntestem Kunst-am-Bau-Projekt in Winterthur, dem «Gwülch» bei der Berufsschule Mühletal.

Auch bei den gezeigten Zeichnungen kann sich Hurter eine Umsetzung als Skulptur gut vorstellen. Würde hier der Weg von der zweidimensionalen Zeichnung zum dreidimensionalen Objekt eingeschlagen, so ging Hurter bei der im oberen Kabinett gezeigten Serie der Tische den umgekehrten Weg. Diese Serie von fünf grossformatigen Blättern zeigt jeweils einen Tisch und einen Hocker – ausgeführt in unterschiedlichen Farbnuancen. Wenn man den Tisch als elementares Architekturelement liest – als vier Stützen mit einer Decke – schlug Hurter hier gekonnt den Bogen von der Dreidimensionaliät in die Fläche.

Im oberen Stockwerk dann noch eine weitere gelungene Überraschung: Hurter wendet sich in seinem aktuellen Schaffen den Farben zu. Wie er selbst sagt: «Ich war lange Zeit ein Graumaler, aus dem einfachen Grund, weil ich Angst vor Farben hatte. Farben setzte ich immer mit Schönheit gleich, und diese Art von Schönheit wollte ich vermeiden.»

Befreit von «schönen Tönen»

Damit meint der Künstler die Malerei von Vuillard, Zender und Schmid, die in Winterthur mit ihren «schönen Tönen» das Feld besetzt hielten. Heute hat sich Hurter von den Vorgaben der vermeintlich «schönen, bürgerlichen» Malerei befreien können – Farbe ist für ihn möglich geworden. Von seiner Fähigkeit, damit umzugehen, zeugen die aktuell entstandenen Arbeiten eindrücklich.

Wenn man in den gezeigten Werken nach einem gemeinsamen Nenner sucht, dann ist es sicherlich die Freude am Experiment, die Spontaneität, die Offenheit, immer wieder Neues zu wagen und sich unvermittelt in den Schaffensprozess hineinzuwerfen. Oder wie Hurter es selbst zusammenfasst: «Ich glaube stets an die Zukunft.»
Werner Hurter: Von dort nach hier. Bis 2.10. Oxyd Kunsträume, Wülflingen, Wieshofstr. 108. Fr/Sa 14-17, So 11-16. (Landbote)

Erstellt: 30.08.2016, 12:27 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Newsletter

Das Beste der Woche.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitagmorgen Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!