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«Ich habe alles richtig gemacht»

Im Stück «Alles trennt», das bis Sonntag im Kellertheater gezeigt wird, geht es nicht nur um eine kranke Mutter-Tochter-Beziehung. Das macht schon das Bühnenbild klar.

Nur wenn die Mutter schläft, kann Leo mit Lina reden: Doris Strütt, Romeo Meyer und Judith Koch (von links).
Nur wenn die Mutter schläft, kann Leo mit Lina reden: Doris Strütt, Romeo Meyer und Judith Koch (von links).
zvg

Mutter trinkt und schläft, Tochter Lina arbeitet in der Fleischfabrik. Wenn sie nach Hause kommt, liefert sie das Geld ab und sortiert die leergetrunkenen Flaschen nach Farben. Die Rollen sind klar verteilt, und die Mutter wacht darüber, dass es so bleibt.

«Du stinkst.»

Jeden Abend muss Lina belegen, dass sie alles richtig gemacht hat: Sie darf draussen mit niemandem sprechen und nichts anfassen, muss bei Begegnungen immer zu Boden sehen. Trotzdem sagt die Mutter stets als erstes zu ihr: «Du stinkst.»

Im Stück «Alles trennt» von Rebecca C. Schnyder ist der Titel wörtlich gemeint: Alles, was von aussen kommt, stört die Mutter-Tochter-Symbiose. Mit dem Erscheinen von Leo, dem Jura-Studenten, der eingeschriebene Gerichtsbeschlüsse vorbeibringt und sich für Lina zu interessieren beginnt, bricht die fatale Zweierbeziehung schliesslich auf. Die Mülltrennung, die im Titel ebenfalls anklingt, verweist auf die Ordnung, von dem alles durchwirkt ist. Lina würde auch sagen: Alles hat System. Ihr Lieblingssatz ist: «Ich habe alles richtig gemacht.»

Eine Frage der Gewöhnung

Die Inszenierung der Uraufführung vor zwei Monaten in St. Gallen ist seit Samstag im Kellertheater zu sehen (Regie: Stefan Camenzind). Gespielt wird vor einem zweistöckigen Puppenhaus, das gerade gross genug ist, dass sich die Schauspieler auch drinnen hinsetzen oder gar ins Bett legen können.

Zu sehen, dass das geht, dass man auf dem kleinen Spielzeughocker und dem Mini-Sofa tatsächlich auch sitzen und liegen kann, hat einen merkwürdigen Effekt, der an die Werke des österreichischen Künstlers Erwin Wurm erinnert: Man muss sich eben an die Verhältnisse anpassen, es ist alles nur eine Frage der Gewöhnung (Bühne: Angelica Paz Soldan). Damit ist klar, dass es in dem Stück um mehr als um eine kranke Mutter-Tochter-Beziehung geht.

Die klaustrophobe Situation ruft zum einen Fälle wie den des Entführungsopfers Natascha Kampusch in Erinnerung. Aber der Realismus wird durchbrochen von komischen und absurden Momenten und vor allem von der Sprache. Lina hat einen Tick: Sie hat die Slogans und Dialoge der Werbung so verinnerlicht, dass sie sie für reale Vorbilder hält. «Alles trennt» ist auch ein Stück, das über die Wirkung der Werbung nachdenkt.

Die Sprache dreht sich im Kreis

Die 1986 in Zürich geborene Autorin Rebecca C. Schnyder ist nicht auf Pointen aus. Die Sätze sind formelhaft und fragmentarisch, vieles dreht sich im Kreis. Auch wenn zuweilen schnell aus der Hüfte geschossen wird, es kommt nie zum Feuerwerk der geschliffenen Dialoge, wie man es von Yasmina Reza kennt. Lina beginnt in zwei Welten zu leben: Mit der Mutter, von der sie emotional erpresst wird, und mit Leo, der ihr den Weg zur Freiheit weist. Den hat sie indessen, wie man später erfährt, längst eingeschlagen.

Wird es Leo gelingen, in das System einzudringen? Romeo Meyer verleiht Leo eine sympathische Unsicherheit mit therapeutischem Touch. Lange zweifelt der gutmütige, leicht unbeholfene Schutzengel, ob er wirklich eingreifen soll – Lina ist ihm nicht geheuer, es könnte gefährlich sein, sich auf sie einzulassen. Um überhaupt sinnvoll mit ihr kommunizieren zu können, beginnt er schliesslich ihre vorgefertigten Dialoge mitzuspielen. So macht es gleich viel mehr Spass, mit Lina zu reden.

Zwischen Kind und Maschine

Die Mutter, von Doris Strütt mit dem grenzenlosen Egoismus einer verbitterten Alkoholikerin ausgestattet, merkt schnell, dass etwas gegen ihre Interessen im Gange ist, und knöpft sich Leo mit heimtückischem Charme vor, unter dem sie ihre Verachtung für die Männer versteckt. Judith Koch schliesslich lässt Lina zwischen schutzbedürftigem Kind und autonomer Maschine schweben – eine beunruhigende Kombination. Lina gelingt es zwar, sich von der Mutter zu emanzipieren, sie bleibt aber bis zum Schluss gefangen im Optimismus der angelernten Verkaufssprache, die sie für ein Abbild der Wirklichkeit hält. Wir alle sind dieser Sprache täglich ausgesetzt.

Weitere Vorstellungen: Mittwoch und Freitag, 20 Uhr, Sonntag 19 Uhr.

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