Kulturpreis

«Ich kann jeden Ton erklären»

Reto Parolari gründete das «Internationale Festival der Unterhaltungsmusik» und arbeitet für Prinzessin Stéphanie von Monaco. Am Dienstag erhält er den städtischen Kulturpreis.

In der Welt der schönen Klänge zuhause: Der Dirigent, Komponist und Arrangeur Reto Parolari.

In der Welt der schönen Klänge zuhause: Der Dirigent, Komponist und Arrangeur Reto Parolari. Bild: Marc Dahinden

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der erste Gedanke, den Reto Parolari fasste, als er vom Kulturpreis erfuhr, war: «Mein Vater.» Jetzt, genau 30 Jahre nachdem die Stadt seinem Vater Egon Parolari den Kulturpreis verlieh, tritt er in seine Fussstapfen. Das mache ihn stolz. Egon Parolari ist heute 95 Jahre alt und war bis 1989 Solo-Oboist im Stadtorchester. Natürlich freut es den Dirigenten, Komponisten und Verleger Reto Parolari auch, dass er nun eine Anerkennung erhält für das, was er macht.

Das sei nicht selbstverständlich. Schliesslich bewege er sich auf einem Gebiet, das nicht Mainstream sei. Da habe man keine Lobby und mit der Akzeptanz sei es schwierig. Der 67-jährige Parolari spricht von der «gehobenen Unterhaltungsmusik», also von Operetten, Musicalmelodien oder Musik zu Stummfilmen. «Viele zeigten früher mit dem Finger auf mich», erzählt er. Vor allem Parolaris Engagement beim Zirkus war vielen suspekt. Heute seien das teilweise aber seine Kunden, die ihn anrufen und etwas fragen oder diese Musik mittlerweile sogar selber spielen. «Also habe ich vieles richtig gemacht.»

Mit Musik aufgwachsen

Parolari wuchs durch seinen Vater mit der Musik auf. Auf seiner Website findet sich ein Foto, auf dem er als Dreijähriger mit dem Dirigierstab dasteht. «Ich habe es schon damals richtig gemacht», sagt er, und ahmt die Geste sogleich nach. Vieles habe er durch Abschauen und Hören gelernt. Später genoss er eine klassische Ausbildung am Konservatorium Winterthur, mit den Hauptfächern Schlagzeug und Klavier. Zu dieser Zeit habe er ein Flair fürs Rhythmische und für tänzerische Musik entwickelt. 1973 gründete er sein eigenes Orchester, das Orchester Reto Parolari, und spielte ein erstes Konzert: auf dem Serenandenplatz des Konservatoriums, unmittelbar neben dem Haus, wo er heute wohnt.

Das war der Anfang von Parolaris Karriere. Auf einer Schiene, die Leute in seinem Alter damals wenig interessierte. Die Musik, die damals «in» war, Beatles oder Rolling Stones – das alles sei an ihm vorbei gegangen. Er komme klar aus der klassischen Musik – «ich kenne die klassische Musik wohl besser, als viele meiner Kollegen» – doch die Unterhaltungsmusik hat es ihm angetan.

Anerkennung im Ausland

Als ehrgeizig bezeichnet sich Parolari selber, der gerne, sprunghaft und viel aus seinem Leben erzählt. Eigentlich hätte er es ruhiger haben können, zum Beispiel als Perkussionist beim Winterthurer Stadtorchester oder später in St. Gallen. In beiden Orchestern spielte er noch während des Studiums als Zuzüger. Doch das reizte ihn zu wenig. Immer wieder gab es aber Schlüsselmomente und -figuren in Parolaris Leben, die ihn bestärkten, seinen eigenen Weg zu gehen. Er wusste: «Ich will das auf allerhöchstem Niveau machen: Konzerte.» Tanz- und Bankettmusik lehnte er deshalb ab.

Als Dirigent arbeitete Parolari schon früh im Ausland. Er war in Deutschland, Holland, Tschechien und Österreich tätig. Da sei die Akzeptanz für die Unterhaltungsmusik viel grösser. Das merkte er vor allem auch an seinem «Internationalen Festival der Unterhaltungsmusik», das er 1991 in Winterthur gründete und bis 2017 jährlich durchführte. «Da gab es Wallfahrten von Fans aus Wien, Stuttgart, München, Berlin und sogar aus Amerika.»

«Zum Alter habe ich keinen Bezug, das ist mir völlig egal.»Reto Parolari, Musiker.

Parolari spricht eloquent, ist höflich und lacht viel. Über sich selber sagt er, er sei ein fairer Chef, immer korrekt und anständig. Doch er sei «nicht auf allen Gebieten so leicht verdaulich». Der Maestro hatte immer genaue Vorstellungen davon, wie etwas sein muss, und ärgerte sich schnell. Der erfolgreiche österreichische Komponist Erwin Halletz, der etwa für Peter Alexander komponierte, beeindruckte ihn in dieser Hinsicht. Ihn fragte er, wie er damit umgehe, dass er keinen Titel wie Magister oder Hofrath führe. Halletz antwortete lapidar in österreichischem Dialekt: «Brauchi des?» Das habe sich auch Parolari zu Herzen genommen. Schliesslich gab ihm der Erfolg Recht – vor allem beim Publikum im Ausland. «Ich habe mich nie geschert um das, was die anderen sagen.»

Seriöse Zirkusarbeit

Das kam ihm vor allem zu Gute, als er zum Zirkus ging. Als Dirigent arbeitete er beim Zirkus Knie und schwärmt noch heute von seinem damaligen Chef, Fredy Knie senior, der ihn geprägt habe: «Der wusste, mit dem Parolari muss man anders umgehen.» Auch beim Zirkus habe er nämlich seriös gearbeitet. War immer bestens vorbereitet und ging wohlüberlegt an die Arbeit – das sei sein Geheimnis. «Ich kann jeden Ton erklären.» Weshalb er etwa genau eine Röhrenglocke oder genau zehn Geigen braucht. Kompromisse gehe er ungern ein.

Ab 1997 war Parolari Chefdirigent beim Internationalen Zirkusfestival Montecarlo. Prinzessin Stéphanie sei eine «Kollegin» von ihm. Dieses Engagement als Dirigent gab er letztes Jahr auf. Doch organisatorisch bleibt er immer noch dabei. «Es war wahnsinnig anstrengend.» Das ging nicht spurlos an ihm vorbei. Zwei Mal erlitt der Musiker ein Burn-out. Das letzte 2016. Davon habe er sich allerdings gut erholt. Heute schaue er besser zu sich und seiner Gesundheit. Und dass er alle zwei bis drei Tage im «Geisi» einen Kilometer schwimme. Da freue er sich, wenn ihn der Bademeister mit Namen begrüsse. «Das bedeutet mir viel mehr als die Welt der Prominenten.»

Familie durch Karriere zu kurz gekommen

Herzblut steckt Parolari auch in sein Archiv. Im ehemaligen Notspital an der Albanistrasse lagern Noten von rund 100’000 Titel. «Je abgegriffener die Noten, desto bekannter das Stück», erläutert der Dirigent. Wenn er ein Heft aus dem Gestell nimmt, und die Noten anschaut, flackert sofort Begeisterung in seinen Augen auf. «Das könnte ich auch wieder einmal machen», sagt er dann zum Beispiel. Oder: «Die Ouvertüre von Mary Poppins – mit ihren 18 Taktwechseln viel anspruchsvoller als Haydn.»

Die Noten leiht er an viele Orchester aus. Die Liste, die an einem Gestell hängt, ist lang, müsste allerdings auf den aktuellen Stand gebracht und somit erweitert werden. Ans Aufhören denkt Parolari trotz AHV-Alter nicht. Das sei kein Thema. Vor allem zum Alter habe er «keinen Bezug», das sei ihm völlig egal. Wohl auch, weil seine Tochter Seraina erst 17-jährig ist. «Wir haben es lustig und das hält mich jung.» Die Familie sei durch seine Karriere manchmal zu kurz gekommen. Nicht selten habe er deshalb mit seinem Beruf gehadert. «Ich war schon nah an der Pleite.» Mit einem privaten Orchester könne man einfach nicht so viel Geld verdienen.

Keine Lust auf China

Heute kann Parolari immerhin sagen, dass er immer von der Musik leben konnte. Und er wählt seine Engagements gezielt aus. Er hätte über Weihnachten/Neujahr nach China reisen können, um zehn Konzerte zu dirigieren. Darauf habe er einfach keine Lust. Viel mehr freue er sich, in seiner freien Zeit wieder selber ins Konzert zu gehen, selber Instrumente zu spielen, oder zu lesen. «Da habe ich grossen Nachholbedarf.»

Freizeitpläne hat Parolari viele. In seinem Haus will er bald eine neue Modelleisenbahn aufstellen. Auch das ist eine Leidenschaft von ihm. Platz dafür hat er genügend. «Ich wohne sehr gerne hier. Winterthur ist meine Basis.» Jetzt ehrt ihn die Heimatstadt endlich mit dem Kulturpreis, der mit 10000 Franken dotiert ist.

Das ist eine grosse Auszeichnung für einen, der sich manchmal unverstanden fühlte. Vor allem, weil man sich mit seiner Musik, der Unterhaltungsmusik, zu wenig auseinandersetzte. «Wahrscheinlich lebe ich eine Generation zu spät», sagt Parolari. Im nächsten Sommer präsentiert er mit seinem Orchester wieder «Sternstunden der Unterhaltungsmusik» auf dem Serenadenplatz des Konservatoriums. Das Publikum bleibt ihm treu.

Erstellt: 01.12.2019, 12:50 Uhr

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles