Winterthur

«Ich rede so viel, weil ich zu Hause nichts zu sagen habe»

Der italienische Dirigent Gianluca Febo widmet sich mit Elan und internationaler Erfahrung der Weiterentwicklung der Winterthurer Symphoniker. Hoch gesteckte Ziele hat er nicht nur für das überwiegend aus Laien bestehende Orchester.

Solide Arbeitsbeziehung zu Winterthur: Gianluca Febo, seit Mitte 2016 Dirigent der Winterthurer Symphoniker.

Solide Arbeitsbeziehung zu Winterthur: Gianluca Febo, seit Mitte 2016 Dirigent der Winterthurer Symphoniker. Bild: Madeleine Schoder

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Es kommt ein Punkt, wo man sich fragt, ob all diese Pläne und Projekte wirklich existieren oder ob er sie sich gerade ausdenkt, improvisiert. Gianluca Febo, der — relativ — neue Dirigent der Winterthurer Symphoniker schildert seine weltweiten Unternehmungen in einem Café nahe des Gate 27 in der Theaterstrasse. Dort hat er soeben mit seinen Musikern und dem Pianisten Karl-Andreas Kolly geprobt. Sie bereiten das Klavierkonzert Nr. 1 in d-Moll von Johannes Brahms vor. Dazu kommen die Enigma-Variationen sowie der wirkungsvolle «Pomp and Circumstance-March Nr. 1» von Edward Elgar. Ein massives, anspruchsvolles Programm also, das das Amateurorchester in nur drei Monaten erarbeiten möchte.Ganz Kulturvermittler, oder — wie er es nennt — Brückenbauer, erzählt Febo von der Entstehungsgeschichte des Klavierkonzerts, die ihn fasziniere: Schon als junger Mann hatte Brahms die Gelegenheit, das Musikerpaar Clara und Robert Schumann kennenzulernen. Der etablierte Komponist ermutigte ihn, doch eine Symphonie in Angriff zu nehmen, und wenn er schon so begeistert von Beethovens Neunter sei, warum dann nicht auch in d-moll. So hatte Brahms die ersten Ideen dafür schon in einer Sonate für zwei Klaviere, die natürlich seine grossen Vorbilder aus Düsseldorf spielen sollten.

Mit Abbado im Zimmer

Der Zuspruch des Meisters motivierte Brahms jedoch, das Werk zu einem Klavierkonzert auszubauen. «Nach fünfjährigem Schaffen floppte die innovative Komposition», erzählt Febo, «er war seiner Zeit voraus gewesen.»

Eine derartige Anekdote könnte man sich auch in Febos Werdegang vorstellen. So besuchte er als junger Geiger unvermittelt Claudio Abbado in seinem Dirigentenzimmer, als dieser mit dem Gustav-Mahler-Symphonieorchester im KKL Luzern auftrat. Febo war soeben zum Dirigenten des Amateurorchesters von Malters berufen worden, eine formelle Ausbildung fehlte ihm jedoch. Abbado, der sich auf eine fünfstündige Parsifal-Aufführung vorbereitete, liess sich von seinem eloquenten Landsmann einnehmen und forderte ihn auf, etwas vorzudirigieren. «Sie sind ein geborener Dirigent, Sie sollten sich dem Dirigieren widmen», sagte Abbado zu ihm, daran erinnert er sich noch heute mit leuchtenden Augen. Es folgten noch ein paar Tipps des Maestro und eine dreijährige Ausbildung in Pescara bei dessen Assistenten Donato Renzetti. Ein Heimspiel für den heute 50-Jährigen, ist er doch in dieser Stadt geboren.

Opern-Projekt in Venedig

Die Liebe zu Musik und Theater hat er von seinem Vater, einem freischaffenden Bühnenbildner. Und schon ist er beim Projekt «Hänsel und Gretel» in Venedig. Die Humperdinck-Oper würde er am liebsten mit seinen Winterthurer Symphonikern aufführen, und er überlegt, die traditionelle Übungswoche von Arosa nach Venedig zu verlegen, um das Orchester im Kloster Cosma und Damiano auf der Insel La Giudecca zu präsentieren. Wohl erst im kommenden Januar, denn den Projektblock im Herbst muss er einem Kollegen überlassen, dem österreichischen Dirigenten Georg Sonnleitner — weil er selbst als Stimmführer bei den Festival Strings Lucerne engagiert ist. «Ich finde es aber gut, wenn ein Orchester verschiedene Dirigenten erlebt», sagt Febo.

Zu Winterthur hat er eine solide Arbeitsbeziehung: Seit vergangenem Sommer kommt er zu den (drei) dreimonatigen Vorbereitungsphasen pro Jahr jeweils für die Montagsprobe in die Stadt. Mit der Bahn, wenn es die Verbindung zulässt, denn Febo muss wieder zurück zu seiner Familie nach Comano ins Tessin. «Ich rede so viel, weil ich zuhause nichts zu sagen habe», scherzt er, und spielt auf seinen Vier-Mädel-Haushalt mit Ehefrau Sandra und den Töchtern Anna Sophia (16), Francesca (14) und Giorgia (4) an. Eine tolerante Partnerin muss er da haben, wo er schon vom nächsten Einsatz erzählt. «Ja, sie ist flexibel», räumt er ein; ausserdem habe sie ihre eigene Beschäftigung als mehrsprachige Übersetzerin, und im übrigen liebe sie die Musik wie er.

Denn auch für CAMI New York (Columbia Artist Management Inc.) ist er als Regisseur weltweit unterwegs und reist mit der Broadway-Produktion von «Herr der Ringe» je eine Woche nach Lissabon, Prag, Barcelona, Rom, Genf. Die Livemusik-Filmvorführung mit einem von ihm geleiteten Orchester sei eine «ganz neue Dimension von Oper».

Festival im Tessin

Im Sommer startet er sein Festival in Morcote, ein Wandelkonzert, während dessen der Besucher den Ort ganz im andalusischen Stil erkunden wird. «Il Barbiere di Siviglia», 1. Akt, wird zwischen Kirche und Kloster gegeben, dann schliessen sich weitere Stationen an, wo Rossini-Arien und Ausschnitte aus «Carmen» erklingen. Morcote wird also zu Sevilla. Dabei kooperiert Febo mit dem Zürcher Opernregisseur Dieter Kaegi. Auch hier gibt es eine «Brücke», haben die beiden doch schon Mozarts «Così fan tutte» am Opernhaus Dublin zur Aufführung gebracht.

Zwei Tage in der Woche sind für seine Professur für Violine am Konservatorium G. Verdi in Como reserviert. Man glaubt ihm, wenn er sagt: «Ich kann auch am Strand nicht still sitzen.» Auf die Ausschreibung in Winterthur habe er sich mit Freude gemeldet. Amateurorchester seien oft dankbarer und gäben mehr zurück als routinierte Profis. Die Atmosphäre schätze er sehr, allerdings könnte sich die Stadt noch stärker für das seit 1990 bestehende Orchester einsetzen, auch finanziell. «Wenn es ein Musikkollegium und ein Theater mit Opern- und Ballett-Gastpielen gibt, gehen die Amateure manchmal vergessen.» So tragen die Musiker mit einem Beitrag von 80 Franken pro Konzertprojekt ihr eigenes Budget zusammen. Febos Vision, Musiktheater mit Kindern für Kinder auf die Bühne zu stellen, muss bis auf weiteres ein Wunsch bleiben.

Sagt er, und zieht ein selbst designtes Portemonnaie in Violinenform aus der Tasche, das er — auch in anderen Instrumentenmodellen — in einer Manufaktur in Pescara fertigen lässt. Es versteht sich von selbst, dass zur «Elegance»-Kollektion von Gianluca Febo auch ein Lederetui für Dirigierstöcke gehört.


Winterthurer SymphonikerDienstag, 16. Mai, 19.30 Uhr, Tonhalle Zürich. Karten: Fr. 25.- bis 55.-. Sonntag, 21. Mai, 19 Uhr, Stadthaussaal Winterthur, Eintritt frei. (Der Landbote)

Erstellt: 12.05.2017, 17:25 Uhr

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