Winterthur

«Ich sehe deine Albträume»

Das Festival «augenauf!» zeigte im Theater im Waaghaus Bilder des Schreckens – als Schattenspiel.

Madame Silva: Die Puppe im Rollstuhl ist die Hauptfigur des Stücks «Opéra Opaque».

Madame Silva: Die Puppe im Rollstuhl ist die Hauptfigur des Stücks «Opéra Opaque». Bild: zvg

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Während sich die Zuschauer noch plaudernd einen Platz suchen, stehen die beiden Schauspieler bereits auf der Bühne und flüstern aufgeregt miteinander: Eine Frau im altmodischen Kostüm mit grossen Puffärmeln und ein Mann mit Zylinder, Taschenuhr und Schnauz; neben ihnen ist eine Art Zelt mit grossem Vorhang aufgebaut. Sie wirken wie zwei Schausteller auf einem Markt und präsentieren die skurrile Madame Silva, eine lebensgrosse Puppe im Rollstuhl. Bis die launische Diva aber zu ihrem Auftritt kommt, geht einiges schief, und als würde die Frau das ahnen, zieht sie ein Stück des Vorhangs beiseite, wirft einen kontrollierenden Blick ins Innere und flüstert besorgt mit ihrem Begleiter. Man ist mitten im Theater, bevor es überhaupt begonnen hat.Das Stück «Opéra Opaque» wurde am Dienstag von zwei Darstellern (Polina Borisova und Pierre Tual) der französischen Truppe Plexus Polaire im Rahmen des Jugendtheaterfestivals «augenauf!» gespielt. Dementsprechend bestand das Publikum hauptsächlich aus Sekundarschülern.

Es geht auch ohne Blut

Das Stück kommt ohne Dialoge aus und ist simpel. Die Schauspieler flüstern viel Unverständliches miteinander, schreien und kreischen, wenn sie erschrecken; und wenn sie sich in Sicherheit wiegen, singen sie verträumt. Im ganzen Stück fällt nur ein ganzer Satz: «Ich sehe deine Albträume.» Die eigenartige Madame Silva sagt ihn, bevor sie hinter dem Vorhang verschwindet und auf einer runden, mondähnlichen Scheibe ein Schattenspiel erscheint.

Ein Mädchen taucht im Freibad ab, und als es wieder an die Oberfläche schwimmt, befindet es sich auf dem offenen Meer. Es dauert nicht lange, bis Haie ihre Kreise um das Mädchen ziehen; bald gleitet nur noch eine abgelöste Hand durchs Wasser. Keine der Visionen von Madame Silva haben ein Happy End. Das Schattenspiel regt die eigene Phantasie an, und ohne das blutige Gemetzel zu zeigen, hat jeder ein Bild im Kopf von dem, was passiert ist. Es ist ein Gegenstück zu den oft blutrünstigen Filmen des Horror-Genres.

Weshalb die launische Madame Silva auf der Bühne steht, erfährt man erst gegen Ende des Stücks. Eine wirkliche Geschichte gibt es nicht, es ist eher, als würde man eine 45-minütige Szene irgendwo auf einem Platz beobachten. Die beiden Schausteller bemühen sich, die sibirische Diva auf der Bühne zu halten, sie kämmen sie und ihren seltsamen pelzigen Schal, bis dieser plötzlich zum Leben erwacht. Sie raufen sich und tanzen auf der Bühne, sie töten und holen wieder ins Leben zurück.

Fehlende Spannung

Das Publikum war Teil der Szenerie und stets mittendrin; so wurden die Schüler in der ersten Reihe von der Schaustellerin mit einem Händedruck begrüsst. Mit leiser Hintergrundmusik, man nahm sie fast nicht wahr, schufen die beiden Künstler eine Spannung, die die jungen Zuschauer bei jedem unerwarteten Schrei zusammenzucken liess. Die fehlenden Dialoge ersetzten die beiden Darsteller durch ausdrucksstarke Mimik. Trotzdem vermisste man eine packende Handlung.

So plötzlich wie das Stück begonnen hatte, so abrupt endete es auch. Die beiden Schausteller verbeugten sich, zogen ihre Jacken an und bedeuteten den Zuschauern, mit leicht gereiztem Lächeln und hektischem Fingerzeigen zur Tür hin, zu gehen.

(Der Landbote)

Erstellt: 19.05.2017, 17:37 Uhr

Festival "augenauf!"

«Opéra Opaque» war die letzte Aufführung im Rahmen des Festivals «augenauf!», welches Jugendlichen von 13 bis 16 Jahren das Theater näher bringen sollte. «Das Publikum bestand zu 80 Prozent aus Schulklassen, ich bin insgesamt zufrieden mit dem Festival», bilanziert Annette Rommel, Leiterin von «augenauf!» Nebst den sechs Stücken führte das Festival zusammen mit der Sekundarschule Büelwiesen eine Projektwoche mit Workshops, Bühnenbesichtigungen und Schauspielkursen durch. Eine Jury aus neun Schülerinnen kürte zudem das Stück «Flex», das sich mit Fragen rund um die Selbstbestimmung auseinandersetzte, und das Pubertätsstück «Co-Starring» zu den besten des Festivals.

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