Sebastian Bohren

«Ich will ein grosser Geiger werden»

Der Winterthurer Violinist setzt an zur internationalen Karriere. Vor seinem Konzert in der Kirche Brütten spricht er über das Glück beim Üben, den 30. Geburtstag und Klassik, die keine ist.

Geboren in Winterthur: Der Geiger Sebastian Bohren erobert die Konzertbühnen.

Geboren in Winterthur: Der Geiger Sebastian Bohren erobert die Konzertbühnen. Bild: Marco Borggreve

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Es ist halb elf am Vormittag. Ich nehme an, Sie haben heute schon geübt.
Sebastian: Bohren: Nein, weil ich den Tag mit der Steuererklärung begonnen habe. Meistens erledige ich alle dringenden Probleme zuerst, und wenn ich das gemacht habe, setze ich mich am liebsten in den Zug und fahre nach Rheinau, so vier, fünf Tage im Monat. Es gibt für mich nichts Schöneres als dort zu Üben, wenn das Sonnenlicht in den Raum fällt. Vor allem, wenn man ganz allein ist.

Das kann ich nachvollziehen. Aber welchen Tipp geben Sie einer Hobbymusikerin, die ganz frustriert ist, weil sie nie genügend Zeit zum Üben findet?
Also ohne ein konkretes Ziel bin ich auch verloren. Die Kunst besteht darin, mir selbst Meilensteine zu setzen, die mir Richtung und Konsequenz in der Arbeit geben. Auch als Laie sollte man versuchen, mit einem besonderen Stück ein Ziel vor Augen zu haben, eine Aufführung oder das Üben mit Kollegen im Ensemble.

«Es gibt für mich nichts Schöneres als dort zu Üben, wenn das Sonnenlicht in den Raum fällt. Vor allem, wenn man ganz allein ist.»

Was ist denn Ihre persönliche Motivation?
Ich möchte unbedingt ein hervorragender Geiger werden, ein grosser Geiger. Mit den 70 bis 90 Konzerten pro Jahr, könnte ich auch von Woche zu Woche leben. Ich habe Kollegen, die den gleichen Weg gehen, aber zu wenig den Mount Everest im Blick haben. Ich setze mir halbjährliche Ziele, jährliche und habe einen 30-jährigen Plan! Denn ein Geigerleben dauert sehr lange – mein jetziger Mentor Hansheinz Schneeberger ist 90. Da sollte man immer mit der gleichen Liebe und Arglosigkeit üben, immer die gleiche Feldarbeit machen. Ich strebe Vereinfachung an und Konzentration.

Wer coacht Sie dabei? Immerhin spielen Sie im September in der Hamburger Elbphilharmonie; 2018 debütieren Sie beim Lucerne Festival.
Ich versuche, mein eigener Coach zu sein, lerne aber zurzeit auch viel von Hansheinz Schneeberger. Einmal im Monat rufe ich ihn an, ob ich zum Vorspiel kommen darf. Ich arbeite auch mit einem Mentaltrainer an allem, zum Beispiel an Ernährung und Bewegung. Zu meinen Freunden gehören Sportler, durch sie bin ich darauf gekommen.

«Ich setze mir halbjährliche Ziele, jährliche und habe einen 30-jährigen Plan!»

Bei Ihrer neuen CD Op. 2, gemeinsam mit den Chaarts Chamber Aartists, wird die ungewöhnliche Programmauswahl betont: ein stilistischer Mix aus Hartmann, Mendelssohn, Respighi und Schubert. Was war dabei Ihre Leitidee?
Die Idee war, sich in den ersten Jahren auf das deutsche Repertoire zu konzentrieren. Man soll verstehen, aus welchem Kulturkreis kommt dieser Geiger. Zweitens ist das Concerto Funebre von Karl Amadeus Hartmann ein wichtiges Statement des 20. Jahrhunderts, wo ich stark bin. Mein Einstieg war ja mit dem eher unbekannten Pleyel-Konzert, dann kam das Beethoven-Violinkonzert auf CD. Die Leute, die den Geiger Sebastian Bohren zum Beispiel auf Spotify kennenlernen wollen, sollen eine gewisse Bandbreite sehen. Fünf weitere CDs habe ich bereits geplant.

Dieses Concerto Funebre war für den Komponisten eine «Todesmusik für die Opfer des Grossdeutschen Weltherrschaftswahns». Sie haben es als ein Schlüsselwerk bezeichnet, das Sie schon durch Ihre Kindheit begleitet hat. Aber nicht in Winterthur, an der Talackerstrasse…
Nein, ich habe erst mit acht begonnen, Violine zu lernen, und mit sieben sind wir in den Kanton Aargau gezogen. Aber ich habe es früh kennengelernt, im Studium behandelt und die ganze Thematik hat mich geschichtlich sehr interessiert; der 2. Weltkrieg und Terror im Dritten Reich. Rein musikalisch ist es ein singuläres Werk. Hartmann hat in ihm alle seine Qualitäten aufs beste zusammen kommen lassen. Der äussere Anlass, Krieg und Emigration, haben ihn so bewegt, dass er ein Stück geschrieben hat, das 200 Prozent stimmig ist, in Proportion, Inhalt und Qualität.

«Man sollte nicht Unterscheidungsmerkmale zu anderen anstreben, sondern authentisch sein.»

Bei klassischen Musikern wird stets hervorgehoben, wessen Schüler sie gewesen sind. Aber zeichnet nicht der eigene, unverkennbare Stil den reifen Solisten aus?
Der eigene Ton entwickelt sich automatisch über Jahrzehnte, auf der stetigen Suche nach Qualität. Man sollte nicht Unterscheidungsmerkmale zu anderen anstreben, sondern authentisch sein. Ich bewundere Nathan Milstein und Yehudi Menuhin. Ihr ruhiges Stehen und das Konzentrieren auf die Musik hat etwas wahnsinnig Edles.

Sie werden in diesem Jahr 30. Wie empfinden Sie das?
Mit 30 wird man langsam erwachsen, aber nur langsam. Manche werden gar nie erwachsen.

Was heisst denn, Erwachsen werden?
Dass man aufhört, anderen die Schuld zu geben. Meine Perspektive ist, mit 80 noch Geige zu spielen, als ganzer Mensch, der sich auch in der Gesellschaft positiv engagiert. Ich werde wohl kaum Lehrer sein, dafür bin ich zu sehr mit mir selbst beschäftigt, und ich bin froh, dass ich das nicht muss.

«Meine Perspektive ist, mit 80 noch Geige zu spielen, als ganzer Mensch, der sich auch in der Gesellschaft positiv engagiert.»

Vielleicht wären Meisterkurse eher Ihr Format.
Ich weiss nicht, ich bin oft negativ und überkritisch und man darf das nicht auf die Schüler übertragen. Ich bewundere die positive, gelassene Ausstrahlung meines früheren Lehrers Ingolf Turban!

Wie gehen Sie damit um, dass Klassikstars heutzutage auch fotogen sein sollten?
Diese Reduzierung auf das Äussere hat schon auf Plattencovern aus den Vierzigerjahren stattgefunden, das habe ich anhand einer alten Sammlung festgestellt. Künstler haben immer schon gewusst, wie sie wirken, wenn man an Liszt oder Paganini denkt. Das mache ich auch ganz bewusst; ich habe mit einer Agentin in Berlin viele Stunden darüber gesprochen, wie die Bilder auf meiner Webseite aussehen sollen. Da die Umsätze bei den Plattenlabels so rückläufig sind, wird oft günstig produziert. Es kommen auch immer mehr Klassik-CDs, auf denen keine klassische Musik mehr drauf ist: etwas Czardas, Bohemian Rhapsodie und Filmmusik — das ist doch wie Fast Food... nicht mal als Einstigesdroge geeignet.

Sebastian Bohren spielt am Sonntag, 25. Juni, 17 Uhr, ein Solo-Bach-Recital in der Kirche Brütten. Dies wird auch das Programm seiner nächsten, im Herbst erscheinenden CD sein. Eintritt frei, Kollekte.

(Der Landbote)

Erstellt: 09.06.2017, 14:30 Uhr

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