Literatur

«Ich wünschte, ich wäre unter normalen Umständen aufgewachsen»

Der 37-jährige Schriftsteller Shahnaz Bashir unterrichtet an der Universität seiner Heimatstadt Srinagar in Kashmir Journalismus. Zurzeit lebt er in der Villa Sträuli, wo er an seinem zweiten Roman schreibt.

Wenn der Tod ständig gegenwärtig ist, schwindet die Furcht davor. Der Schriftsteller Shahnaz Bashir aus Srinagar.

Wenn der Tod ständig gegenwärtig ist, schwindet die Furcht davor. Der Schriftsteller Shahnaz Bashir aus Srinagar. Bild: Ibrahim Mussa

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Herr Bashir, Sie leben in Srinagar, der Hauptstadt des indischen Bundesstaats Jammu & Kashmir. Seit 1989 gibt es eine Aufstandsbewegung gegen die indische Staatsgewalt. Auf welcher Seite steht die Mehrheit der Bevölkerung?
Shahnaz Bashir: Im Lauf der Geschichte lebte die Bevölkerung Kaschmirs immer wieder unter fremder Herrschaft. Vor dreihundert Jahren waren es die Moguln, dann kamen die Afghanen, die Sikhs, später die Briten und seit 1947 Indien. Wir hatten nie eine eigene Regierung. Indien behauptet, die Bewohner Kashmirs seien freiwillig Teil des indischen Staates, und das zeige sich jeweils bei den Wahlen. Wahlen können jedoch ein Referendum nicht ersetzen. Um herauszufinden, was die Kaschmiri wollen, genügt es nicht, Meinungen einzuholen. Man müsste eine Volksabstimmung abhalten. Wie immer das Resultat ausfiele, man müsste es akzeptieren. Indien wie auch Pakistan sollten uns diese Möglichkeit geben.

Sind die Chancen dafür gewachsen, seit Narendra Modi 2014 indischer Regierungschef wurde?
Ich denke ja. Bereits Nehru kam 1947 nach Kashmir und versprach ein Plebiszit. Auf die Einlösung warten wir bis heute. Ein indisches Narrativ lautet, eine Unabhängigkeit des mehrheitlich von Muslimen bewohnten Kashmir würde die über 150Millionen Muslime Indiens in Gefahr bringen, weil man sich dann an ihnen rächen könnte. Doch die indischen Muslime leben ohnehin gefährlich, das hat sich mit der hinduistisch ausgerichteten Modi-Regierung noch verstärkt. Die Unabhängigkeit Kashmirs würde daran nichts ändern.

«Der Augenblick des Widerstands ist der Augenblick der absoluten Freiheit.»Shahnaz Bashir, Schriftsteller

Dient eine Verschärfung des Konflikts wie bei den Unruhen im Sommer 2016 der Sache der Separatisten?
Das ist tatsächlich faszinierend. Es ist natürlich nicht günstig, in einer Atmosphäre des Widerstands aufzuwachsen. Die Bewohner Kashmirs würden es bevorzugen, in einem Wohlfahrtsstaat wie der Schweiz zu leben. In einer Konfliktregion aufzuwachsen, bringt jedoch auch Vorteile mit sich. Widerstand zu leisten, ist mit einem Gefühl verbunden, das mit nichts zu vergleichen ist.

Es verleiht einem eine Identität.
Ja. Der Augenblick des Widerstands ist der Augenblick der absoluten Freiheit. Ist die Freiheit erst einmal erreicht, dann ist das Gefühl nicht mehr so intensiv wie im Moment des Widerstands. Natürlich ist der Zustand der Unfreiheit ungesund. Der Bildungssektor etwa kann darin nicht richtig funktionieren. Es ist schwierig, in einem Spital behandelt zu werden. Es findet keine Entwicklung statt. Es gibt Korruption und alles Schlechte, das es in einer Nicht-Wohlfahrtsgesellschaft gibt. Aber dann sagst du dir, das werden wir alles haben, wenn wir eines Tages frei sind und in einer Wohlfahrtsgesellschaft leben.

Sie haben auch als Journalistgearbeitet, heute lehren Sie journalistisches Storytelling und Konfliktberichterstattung. Über welche Konflikte haben Sieberichtet?
Nur über den Kashmir-Konflikt. Ich und meine Studenten sind damit aufgewachsen, für mich spiegeln sich darin die politischen Konflikte der übrigen Welt. Das Hauptinteresse bei der Berichterstattung sollte den gewöhnlichen Menschen und ihren Perspektiven gelten. Diese Art des Journalismus ist mit Risiken verbunden, man kann dabei verletzt oder getötet werden, darauf muss man sich mental vorbereiten. Wenn Sie etwas publizieren, sind die Konfliktparteien hinter Ihnen her.

Ihr erster Roman «The Half Mother» und die Erzählungen im Band «Scattered Souls» spielen in den 1990er-Jahren. Weshalb?
Das war eine turbulente Zeit in Kashmir. Die ersten fast zehn Jahre bin ich ohne Soldaten, Camps und Bunker aufgewachsen. 1989 kamen die indischen Bataillone, 700 000 Soldaten, Kashmir ist die am höchsten militarisierte Zone der Welt. Dann mussten sich frühmorgens alle Männer in Einerkolonne vor einem Militärjeep anstellen. Wenn der Informant der Armee auf die Hupe drückte, wurde der Betreffende verhaftet. Das kam in den 90ern zwei-, dreimal pro Woche vor. Die Häuser wurden geplündert, Nahrungsmittel wie Reis und Mehl vermischt, damit sie unbrauchbar wurden. Das sollte uns davon abhalten, Aufstände zu unterstützen. Es wurden monatelange Ausgangssperren verhängt. Wir ernährten uns von Reis, Chilipulver und Salz. Waren die Vorräte aufgebraucht, konnten meine Cousins und ich nicht schlafen vor Hunger. So sickerten die 90er in mich hinein. Und es war ein natürlicher Vorgang, sie in der Literatur wieder aus mir herauszulassen.

«Die Muslime in Kashmir sind die coolsten, die man sich vorstellen kann.»Shahnaz Bashir, Schriftsteller

Das hat Sie zum Schriftsteller gemacht.
Ich glaube, ich wäre auch in einem Land, in dem Frieden herrscht, Schriftsteller geworden. Das Problem an einem Konflikt ist, dass man als Schriftsteller immer nur davon zu erzählen hat. Weil er ständig in der Luft ist. Ohne ihn kannst du keine Liebesgeschichte erzählen oder deine eigenen Erinnerungen verarbeiten – der Konflikt ist überall. Lässt man ihn weg, wird es als ein politisches Statement verstanden, in dem Sinn, dass du nichts mit dem Konflikt zu tun haben willst. Ich wünschte, ich wäre unter normalen Umständen aufgewachsen. Die Dinge, die passiert sind, sind so real. Literarisch gesehen, ist das mit Kosten verbunden. Die Imagination kann sich nicht so frei entfalten wie sonst. Denn sie tendiert ja dazu, das Reale zu zerstören, was wiederum gefährlich ist. Die literarische Fiktion ist jedoch eine höhere Wahrheit. Bis jetzt habe ich über die 90er-Jahre geschrieben, in meinem neuen Roman wechsle ich in die Gegenwart. Trotzdem entkommt man dem Konflikt nicht, er ist die Luft, die man atmet.

Hat Sie das Schreiben jemalsin Gefahr gebracht?
Ich wurde einmal von einem Militärkommandanten angerufen, ich weiss nicht, ob es als Drohung gemeint war. Er meinte, er habe mein Buch gelesen, es sei sehr interessant, und er fragte: Wann werden Sie über uns schreiben? Ich erwiderte, das mache ich, wenn Sie uns verlassen haben. Da hängte er auf.

In Indien wird behauptet, von Kashmir gehe eine islamistische Gefahr aus. Ist das der Fall?
Hier wird das Narrativ kopiert, das die USA an anderen Orten verwenden. Es ist ein Vorwand, um Gegner zu jagen, die einem nicht genehm sind. Dafür gibt es ein Sprichwort: Gib dem Hund einen Namen, dann kannst du ihn töten. Die Einwohner von Kashmir sind die coolsten Muslime, die man sich vorstellen kann, sie neigen dem Sufismus zu. Aber wenn du so unterdrückt wirst und damit aufgewachsen bist, dann hast du die Unterdrückung internalisiert. Die Mehrheit der Bevölkerung ist depressiv. Und es gibt nur eine einzige psychiatrische Anstalt. Der herrschende Stress macht aus uns allen mental Gestörte. Aus Hoffnungslosigkeit oder weil die Leute mitbekommen, was rund um sie passiert.

Worum geht es in Ihrem neuen Roman?
Um einen Vater und seinen Sohn. Der Vater ist todkrank, ohne sich darum zu sorgen; der Sohn, der Anwalt ist, ist sich dessen mehr bewusst als der Vater – so sehr, dass es aussieht, als würde er selbst sterben. Es wird erzählt, wie er seinen Vater ins Spital begleitet und was zu Hause und in der Gesellschaft passiert. Der Kashmir-Konflikt erweist sich dabei als eine Art von Mitspieler, der sich überall einschleicht. Das Thema des Romans ist also das Bewusstsein des Todes in einer Gesellschaft wie derjenigen Kashmirs. Und wie die Furchtvor dem Tod schwindet, wenn er im Konflikt ständig gegenwärtig ist. Das ist alles noch am Entstehen, ich weiss nicht, was genau dabei herauskommt. Beim Schreiben kommen Dinge an den Tag, die in dir drin waren, ohne dass du es wusstest. Man überrascht sich selbst damit. Der Roman sollte im nächsten Jahr erscheinen.

Was hat Sie zu dieser Geschichte inspiriert?
Neun Jahre nach «Anna Karenina» schrieb Tolstoi dieses schmale Buch, das mich stark beeindruckt hat, «Der Tod des Iwan Iljitsch». Iwan Iljitsch ist ein Richter, der mit seiner Frau ein ganz normales Leben führt. Dann teilt ihm sein Arzt mit, dass er krank ist und sterben wird. Er stirbt also und ist sich dessen bewusst. Beim Schreiben meines Romans habe ich mich an dieses Buch erinnert. Es ist nicht dieselbe Geschichte. Mein Protagonist stirbt nicht selbst, aber er ist sich des Sterbens der anderen bewusst und stirbt so jeden Tag, wie Iwan Iljitsch.

Schreiben Sie den Roman in einem Zug?
Nein, ich bin kein disziplinierter Autor. Manchmal schreibe ich den ganzen Tag, mit der Nervosität eines Mörders. Dann sollte mich niemand stören. Dann wieder schreibe ich wochenlang nicht. Manchmal schreibe ich eine Stunde pro Tag. Ich halte es für wichtig, hinauszugehen und mich umzusehen. Wenn ich dann zurückkomme, habe ich einen anderen Blick auf das Geschriebene. Aber ich lese täglich. Manchmal erwache ich nachts und schreibe bis zum Morgen auf meinem Telefon, weil mich ein Traum oder eine Idee beschäftigt.

Erstellt: 14.02.2018, 10:59 Uhr

Lesung mit Shahnaz Bashir

Dienstag, 20. Februar, 19.30 Uhr, Villa Sträuli, Museumstrasse 60. Lesung und Gespräch mit Akshay Pathak, Leiter der Aussenstelle Indien von Pro Helvetia, in Englisch.

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