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Das muss man sich vorstellen: Die Überholspur war leer!

MeinungHelmut Dworschak

Ohne Hast bewegt sich die Karawane am frühen Abend durch das Tunnel, niemand hat es pressant, keiner drängt, alles fliesst. Das ist hier gerade der gemütlichste Ort der Welt, und genügend hell ist es auch, man sieht alles, den vorne und den hinten, sogar die Mittelstreifen zwischen den Fahrspuren.

Nach dem nächtlichen Schneeregen ist es, als wäre man in die wirkliche Welt, in die lichte Vernunft zurückgekehrt – obwohl Tunnels im Allgemeinen doch eher unbehaglich sind, da möchte man hindurch und ab ins Freie. Jetzt würde man gerne noch bleiben, von mir aus könnte die ganze Strecke bis zum Schluss ein einziges Tunnel sein.

Kein Status-Geschoss, das an einem vorbei zischte, nur das Rauschen des Regens.

Vor wenigen Minuten war die Welt noch ein unfreundlicher Ort. Unangenehm der Abschnitt bei der Baustelle, die orangen Streifen, die bei Fahrbahnverengungen zum Einsatz kommen, in der dunklen Nässe kaum zu sehen, Regenschwaden peitschten auf die Windschutzscheibe, es war mehr zu erraten als zu erkennen, wo es lang ging. Auszuhalten war das nur, weil alle es aushielten und weil man sich daran gewöhnte.

Wie in Trance ist man gefahren, wieder einmal ist es gut gegangen. Man hatte sogar einen Moment der Musse erlebt um mit einem Blick in den Rückspiegel festzustellen, dass heute niemand Lust hatte auf die Überholspur. Sie war leer. Kein Status-Geschoss, das an einem vorbei zischte, nur das Rauschen des Regens, der kein Ende nahm. Dass der Drang zum Überholen aufhören konnte! Das muss man sich vorstellen: Die Überholspur war leer!

Was war im Kopf von Otto Status passiert? Hatte er sich gesagt, jetzt nicht, Otto, wir holen das später nach? Vermutlich hatte sich folgender kleiner Dialog ereignet. «Wir holen das nach – sicher?» hatte Otto gefragt. «Na klar», hatte Otto geantwortet.

Die kleine Vernunftrestmenge, im Normalfall ohne Stimmrecht, um die drohende Persönlichkeitsspaltung zu verhindern, hatte rechtzeitig ein Comeback gegeben. Es heisst ja, oder hiess einmal, «They never come back», aber das stimmte schon bei Cassius Clay alias Muhammad Ali nicht, auch der kam mehrmals wieder. Sie war Otto ja auch nützlich gewesen, diese Vernunft, die damals noch keine Restmenge war und ihm auf seinem Aufstieg bei den nötigen Berechnungen geholfen hatte. Wen er treffen musste. Wann er dort sein musste. Wie schnell er fahren musste, um rechtzeitig dort zu sein.

Jetzt also plötzlich kein Müssen mehr, nur noch Dürfen. In einer Kolonne fahren dürfen mit allen andern, genauso schnell und genauso langsam wie sie, geborgen in der Gemeinschaft, die den Weg vorgibt und nur ein Ziel kennt: Heil ankommen. Einer nach dem andern, keine Hierarchie mehr, Grösse und Preis egal. Es gibt ja Autos, die billiger sind als andere. Sie lösen im Status-Fahrer ebenso sicher einen Überholreflex aus wie ein LKW. Aber jetzt, egal, eingeebnet alle Unterschiede. Ich freue mich, dass du da bist, Vorfahrer; schön, dass du mir vertraust, Nachfahrer, und genügend Abstand lässt.

Dann ist die Schonzeit zuende. Die Kamele verlassen das Tunnel und kehren in die Nacht zurück.

Credits: Der treffende Ausdruck «Status-Geschoss» stammt von Sebastian Herrmann aus der «Süddeutschen Zeitung», der ihn kürzlich in seinem Artikel «Rüpel am Steuer» gebraucht hat, dort in voller Länge: «Mercedes-BMW-Audi-Porsche-Status-Geschoss».

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