Winterthur

Illustratorin mit Hang zur spekulativen Forschung

Die Illustratorin Sarah Gasser erhält den städtischen Kulturförderpreis. Zurzeit beschäftigt sie sich mit Mutationen, die von Plastikteilen ausgelöst werden, wenn sie in die Nahrungsmittelkette gelangen.

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Sie habe eigentlich keine Hobbys, die nicht irgendwie mit ihrem Beruf zu tun hätten, sagt Sarah Gasser, und macht für einmal ein nachdenkliches Gesicht. Wenn sie nicht zeichnen oder mit Papier arbeiten könne, sei sie nicht glücklich. Und glücklich muss sie sein, die 31-jährige vielseitige Illustratorin, denn sie sprüht vor Ideen und Tatendrang. Aufträge erhält sie aus der ganzen Schweiz. Für die diesjährige Basler Buchmesse und für das Jubiläumsfest der Winterthurer Alten Kaserne vor einem Jahr gestaltete sie Plakatmotive.

Jetzt hat sie alle grösseren Aufträge abgesagt. Seit dem Sommer konzentriert sie sich auf ihre Masterarbeit an der Zürcher Hochschule der Künste, im Fach Art Education. Daneben unterrichtet sie an verschiedenen Orten, während etwa dreissig Prozent ihrer Arbeitszeit, schätzt Gasser. Aufgewachsen ist sie als Tochter einer malaysischen Mutter und eines Schweizer Vaters in Weinfelden.

Das kleine Atelier im Subparterre eines Altstadthauses wirkt aufgeräumt. In einer Ecke stehen Plastikkisten mit Material aus vergangen Arbeiten, auf einem Regal sind Altstadthäuser aus Papier aneinander gereiht, an der Wand hängen gerahmte Kunstwerke, es sind 3-D-Collagen aus verschiedenen Materialien.

Fiktive Meeresbewohner

Was sie für ihre Arbeiten braucht, stellt sie selbst her, analog oder digital. Mit feiner Bleistiftschrift hält sie ihre Gedanken und Bild-Ideen in einem A-4-Heft fest. Zwei Setzkästen enthalten feine, fiktive Meeresbewohner, eine Qualle etwa, die, wenn man sie umkehrt, auch ein Seegras mit einer Rübe unten dran sein könnte, aus weissem Papier gefaltet und geschnitten.

Die Gestalten sind so angeordnet, dass sie evolutionäre Formen darstellen: So hätten sie sich entwickeln können. Ordnungssysteme faszinieren Gasser.

Bei Auftragsarbeiten stehe die Dienstleistung im Vordergrund, sagt sie, die Funktion, die ein Bild erfüllen soll. Am schönsten sei es, wenn sich die Auftraggeber auf Überraschungen einliessen, aber Gasser hat keine Mühe damit, vorgeschlagene Motive zu übernehmen. Die digitale Arbeitsweise ist insofern günstig, als Änderungen schnell gemacht sind. Eine Besonderheit sind animierte Bildmotive, wie Gasser sie für die Buch Basel produzierte. Bewegte Bilder liegen im Trend, immer mehr Auftraggeber wollen ihre Informationen auf diese Weise vermitteln, beobachtet Gasser: «Man wird von den optischen Reizen im Internet dressiert und zunehmend lesefaul.» In der Folge nähere sich der Beruf des Illustrators dem des Animationskünstlers an.

Kunst und Wissenschaft

Seit ihrem Bachelor-Abschluss 2012 als Illustratorin an der Hochschule für Gestaltung in Luzern kann Gasser von den Aufträgen leben. Trotzdem möchte sie unterrichten, erstens weil sie das gerne macht, zweitens als Altersvorsorge. Sie rechnet damit, dass sie in einem höheren Alter vielleicht nicht mehr so werde arbeiten können wie jetzt.

Vielleicht interessiert sie sich auch deshalb für das Unterrichten, weil Kunst und Wissenschaft zu ihren Hauptinteressen zählen, wie sich im Gespräch zeigt. Sie will zwar nicht als Künstlerin bezeichnet werden. Doch die Stillleben, die zurzeit in der Eingangshalle des Volkart-Hauses zu sehen sind, gehen sicher in diese Richtung. Und ihre Master-Arbeit ist «spekulative Forschung», wie sie selbst es nennt: Sie beschäftigt sich mit dem Mikroplastik im Pazifik, das über das Plankton in die Nahrungsmittelkette gelangt.

Im sogenannten «Great Pacific Garbage Patch», einem riesigen schwimmenden Abfall-Haufen im Stillen Ozean, sammelt sich der Plastik, er zerbröselt, verbreitet sich über das Plankton, das Grundnahrungsmittel der Meere, in anderen Lebewesen und führt dort schliesslich zu Mutationen. Gassers fiktive Untersuchung basiert auf Fakten, aber die «Fundstücke» stammen nicht aus dem Pazifik, sie werden aus Papier hergestellt. Man kann das vielleicht vergleichen mit Wettermodellen, die ebenfalls nur ein Bild der Realität liefern. Was Gasser eigentlich interessiert, sind Fragen wie diese: Was ist ein Bildbeweis? Und: Woraus wird Realität konstruiert?

Die Realität ist nicht gegeben

Die Realität sei nicht etwas Gegebenes, sie werde hergestellt, glaubt Gasser. Dies geschieht unter anderem über die Sprache und die in ihr steckende Ordnung. Sie habe eine Vorliebe für Ordnungssysteme und Systematiken, sagt Gasser, und erläutert es am Beispiel der Tomate, die als Beere oder als Gemüse klassifiziert werden könne: «Systematiken sind immer Ausdruck einer Ideologie.» Auf dem Arbeitstisch liegen Zeichnungen von Linné, des schwedischen Botanikers, der im 18. Jahrhundert das lange massgebliche Werk zur systematischen Einteilung der Pflanzen geliefert hat.

Die Benennung ist nicht nur eine sprachliche Frage, sie bestimmt auch die Realität des Benannten. Die Folgen können gravierend sein. Die Frage etwa, ob Neuseeland als eigener Kontinent anerkannt werden soll, habe eine geopolitische Dimension, sagt Gasser: «Gehört die umliegende, 4,9 Quadratkilometer grosse submarine Landmasse zu Neuseeland? Und wem steht folglich das Recht zu, die dort liegenden, reichen Erdölvorkommen abzubauen?»

Die Herstellung von Ordnung ist immer mit Macht verbunden. Vom ökologischen Problem des Plastikabfalls im Ozean sind wir zur politischen und philosophischen Fragestellungen gelangt.

Stillleben aus Papier

Eine ganze andere Arbeit war bis Ende November in der Eingangshalle des Volkart-Hauses zu sehen. Dort zeigte Gasser Stillleben aus Papier. Beim Start des Projekts war ihr in der Halle eine Obstschale aufgefallen, mit Äpfeln, die «vergammelt» aussahen. Sie lieferten die Inspiration für die wechselnde Installation in der Tradition der barocken Stillleben. Gasser ist fasziniert von der ihnen zugrunde liegenden Idee, das Leben im Moment des Zerfalls festzuhalten, es mit den Anzeichen des Vergehens zu konservieren. Von Zeit zu Zeit brachte sie kleine Veränderungen an, eine Apfelschale etwa oder eine Blume, die «welkt»: «Das verleiht der Sache einen gewissen Unterhaltungswert.» Die Installation ist ab Januar wieder zugänglich.

Der städtische Kulturpreis und der Förderpreis werden am Dienstag im Kunstmuseum beim Stadthaus übergeben. Beide sind mit je 10'000 Franken dotiert. Die Feier ist nicht öffentlich. (Landbote)

Erstellt: 07.12.2018, 11:24 Uhr

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