Konzert

Im Kanon zeigt sich der Meister

Der Kammerchor Winterthur singt Kanons und Fugen aus dem 15. bis 20. Jahrhundert.

Der Kammerchor Winterthur singt Kanons und Fugen, beispielsweise «Am Scheideweg» vom österreichisch-amerikanischen Komponisten Arnold Schönberg.

Der Kammerchor Winterthur singt Kanons und Fugen, beispielsweise «Am Scheideweg» vom österreichisch-amerikanischen Komponisten Arnold Schönberg. Bild: Keystone

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Schon Kinder mögen Kanons. Einer der bekanntesten ist das vierstimmige «Frère Jacques». Das Spannende daran: Es gibt vier Gruppen, jede singt unabhängig von den drei andern – und trotzdem ergibt sich daraus ein Ganzes. Im Kinderlied steckt eine alte Kompositionstechnik, die schon in der Renaissance gepflegt wurde.

Der Kammerchor Winterthur schlägt in seinem Programm «Ars fugata et canonica» den Bogen von Johannes Ockeghem aus dem 15. bis zu Anton Webern im 20. Jahrhundert. Der Chor besteht zurzeit aus 24 Sängerinnen und Sängern, je sechs in jeder Stimme.

Im Kanon und in der verwandten, aber freieren Fuge hängen die Stimmen eng zusammen, was den Eindruck grosser Dichte erzeugt. Jede Stimme singt zunächst dasselbe oder eine kunstvolle «Kopie» davon. Und der Komponist kann zeigen, dass er sein Handwerk beherrscht, denn die zeitlich verschobenen Einzelstimmen müssen stets auch ein stimmiges Ganzes ergeben. «Es war also schon immer ein Zeichen kompositorischer Meisterschaft, wenn man in der Lage war, komplizierte Kanons und Fugen zu komponieren», sagt Kammerchor-Leiter Burkhard Kinzler.

Messe als roter Faden

Als roter Faden durch das Programm dient die «Missa prolationum» von Ockeghem, ein frühes Meisterwerk der Kanonkunst. Darin finden sich bereits vielfältige Kanontechniken. So beginnen etwa im «Kyrie» alle Stimmen gleichzeitig, aber in unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Kinzler findet es «ganz erstaunlich, wie Ockeghem es schafft, eine Renaissance-typische Klangfülle zu erzeugen und gleichzeitig die Kanonik streng durchzuziehen».

Vergleichsweise einfach, nämlich genau wie «Frère Jacques», funktioniert dagegen «Am Scheideweg» von Arnold Schönberg. Darin macht sich Schönberg über seine Zeitgenossen lustig, die wenig Geschmack an der von ihm miterfundenen atonalen Musik fanden.

«Es war also schon immer ein Zeichen kompositorischer Meisterschaft, wenn man in der Lage war, komplizierte Kanons und Fugen zu komponieren.»Burkhard Kinzler, Kammerchor-Leiter

Auf den ersten Blick mag es erstaunen, dass selbst Schönberg, der mit seiner Zwölftontechnik die abendländische Musik erneuerte, Kanons komponierte. «Schönberg, der immer angefeindet wurde als rücksichtsloser, die Tradition negierender Erneuerer, hat sich im Gegensatz dazu als Komponist begriffen, der aus der Tradition kommt und von dieser gelernt hat», sagt Kinzler.

Dass er die Tradition keineswegs verachtete, zeigt auch seine Bearbeitung des Volkslieds «Es gingen zwei Gespielen gut» aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Durch das Übernehmen der alten Technik wolle Schönberg zeigen, dass er all das selbstverständlich souverän beherrscht, was die Grossen vor ihm auch konnten.

Auch Schönbergs Schützling Anton Webern hat sich intensiv mit der Polyfonie der Renaissance beschäftigt und viel davon gelernt, weiss Kinzler. In Weberns berückendem Chorlied «Entflieht auf leichten Kähnen …» nach einem Gedicht von Stefan George ist die Technik des Kanons erstaunlicherweise immer noch dieselbe wie bei Ockeghem, nur das Klangerlebnis sei – «scheinbar», sagt Kinzler – völlig verschieden, weil die Harmonik hier «äusserst gespannt» ist.

Dies wiederum passt ausgezeichnet zur Aussage des Liedes, zu seiner intensiven, Tod und Erneuerung vereinenden Stimmung.

Religiöser Touch

Ein grosser Meister der Kanons und Fugen war bekanntlich Johann Sebastian Bach. Von ihm singt der Kammerchor die für ein Begräbnis komponierte, doppelchörige Motette «Fürchte dich nicht». Besonders raffiniert und bei Bachs Zeitgenossen kaum zu finden sei die darin vorkommende Doppelfuge, in der zwei verschiedene Themen gleichzeitig verarbeitet werden: «Das eine chromatisch in zwei absteigenden Linien, das andere diatonisch, in zwei aufsteigenden Linien.»

«Eine Zeit lang war es eine Art sportliches Hobby, zu geselligen Anlässen Kanons zu schreiben.»Burkhard Kinzler

Seit Bach haben Fugen, könnte man sagen, einen religiösen «Touch». Es habe sich nach Bach eingebürgert, geistliche Texte kompositionstechnisch «rückwärtsgewandt» zu vertonen, sagt Kinzler. Das gilt auch für den Spätromantiker Brahms. Der habe sein Vorbild Bach genau studiert. Immer wenn er, wie in seiner Motette «Aus dem 51. Psalm», geistliche Texte vertone, greife er auf polyfone Techniken wie Kanon und Fuge zurück, in denen die einzelnen Stimmen sich selbstständig entwickeln.

Kinzler, der an der Zürcher Hochschule der Künste unterrichtet, hat selbst auch schon Fugen und Kanons komponiert: «Eine Zeit lang war es eine Art sportliches Hobby, zu geselligen Anlässen Kanons zu schreiben. In ‹seriösen› Werken geht es auch bei mir um die Schaffung von Verbindungen und Bezügen, wenn ich diese Techniken verwende.»

Samstag, 6.4., 20.15 Uhr, Reformierte Kirche Elgg. Sonntag, 7.4., 17 Uhr, Reformierte Kirche Winterthur-Wülflingen.

Erstellt: 31.03.2019, 16:40 Uhr

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