Pop

In der Musik von Jaël wird die Botschaft immer wichtiger

«Nothing to Hide», das neue Album von Jaël, ist folkiger und direkter als der Vorgänger. Am Sonntag tritt die Sängerin mit ihrer Band im Casinotheater auf.

Der neue Look ist ungeschminkt: Die Berner Musikerin Jaël Malli in einer Aufnahme vom Oktober 2019 in Zürich.

Der neue Look ist ungeschminkt: Die Berner Musikerin Jaël Malli in einer Aufnahme vom Oktober 2019 in Zürich. Bild: Helmut Dworschak

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Authentisch und ungeschminkt wollen sie sein: Die Songs auf «Nothing to Hide», nach «Shuffle the Cards» von 2015 das zweite Solo-Album von Jaël Malli, wirken direkter als jene auf dem Vorgänger. Die 1979 als Rahel Krebs in Bern geborene Musikerin sang schon mit dreizehn Jahren in Schülerbands. Bekannt wurde sie mit Lunik, wo sie von 1998 bis zur Auflösung der Band 2013 komponierte und sang. Das Album ist Anfang Oktober beim Label Seeland Records von Lunik-Pianist Cédric Monnier erschienen.

Nach einem Konzert lassen Sie sich im Moment jeweils einen Monat Zeit bis zum nächsten Auftritt. Was machen Sie in der Zwischenzeit?
Jaël Malli: Erstmal habe ich zwei Wochen Ferien gemacht. Der ganze Aufbau bis zum Release des Albums war eine recht strenge Zeit, da war nach der Plattentaufe der Moment, um Kraft zu tanken. Danach machte ich das, was man als Musiker halt so macht: Proben, üben.

Und neue Songs schreiben?
Ja und nein. Die kommen irgendwann, irgendwo, ich kann das meist nicht planen. Es kann sein, dass mir unterwegs eine Textzeile einfällt, und später, wenn ich an der Gitarre sitze, erinnere ich mich wieder daran.

Was ist zuerst da, der Text oder die Musik? Das neue Album kommt ja thematisch einheitlich daher.
Das entsteht erst im Nachhinein bei der Auswahl der Stücke. Es gibt auf dem Albun Songs, die ich schon länger in der Schublade hatte und die mir wieder einfielen, weil sie jetzt gepasst haben. Ich mache nicht vorgängig ein Konzept, worum es auf einem Album gehen soll, ich merke erst später, dass mich da ein Thema offenbar am meisten beschäftigt hat. Bei den einzelnen Songs gehe ich je länger je mehr vom Inhalt aus.

Mit Lunik machten Sie zu Beginn Trip-Hop. Dann kam ein Wechsel zu eingängigerer Popmusik. Weshalb?
Ich bin so schlecht mit solchen Bezeichnungen. Trip-Hop, da denke ich vor allem an Portishead und Massive Attack und an den Beginn der Neunzigerjahre. Wir kamen Ende der Neunziger, und da sagte man dann, wir seien die Schweizer Antwort auf Portishead.

Waren Sie von Portishead beeinflusst?
Ich kam als 18-jähriges Mädchen zur Band. Die anderen trugen alle Trainerjäckchen und waren Fans dieser Bands, von denen ich noch nie gehört hatte. Nachdem ich ihnen vorgesungen hatte, sagten sie, das ist jetzt unsere Beth Gibbons, sie muss genauso singen.

Die Stimmen haben schon eine gewisse Ähnlichkeit.
Ja, das Feine, Zerbrechliche, das Fehlen von R’n’B, die geradlinigen Koloraturen. Als das Lunik-Album «Rumour» 1999 herauskam, gab es in Bern noch CD-Läden, in denen man sich Musik anhören konnte. Dort gab mir die Verkäuferin, die mich erkannt hatte, einen Stapel CDs in die Hand und sagte, hör dir die mal an. Da merkte ich, dass es noch ganz viele andere gibt, die so singen wie ich, und so konnte ich meine Zweifel zur Seite legen. Bis dahin hatte ich gedacht, was ich hier mache, ist wahrscheinlich nicht so gut, denn ich kann ja nicht wie Mariah Carey Bögen rauf und runter singen.

Auch wenn Trip-Hop jetzt für Sie längst kein Thema mehr ist, haben Sie doch die intime Singweise beibehalten, Sie bleiben nahe am Mikrofon und man hört Ihren Atem. Beim neusten Album bewegen Sie sich davon etwas weg, hier klingen Sie folkiger.
Das könnte sein. Letzte Woche sagte jemand zu mir, es ist so schön, wie du singst, du bist so da. Das ist schon etwas, das ich nach wie vor zelebriere. Meine Stimme hat so am meisten emotionelle Durchsetzungskraft. Ich bin sicher keine Strassensängerin, mein Organ ist dafür nicht geschaffen, es hat mehr etwas Flüsterndes. Auch wenn ich Musik höre, berühren mich Stimmen mehr, wenn sie mir etwas erzählen, als wenn sie Kraft einsetzen.

Alle elf Songs auf dem Album «Nothing to Hide» sind bereits vor über zwei Jahren entstanden. Warum hat es solange gedauert bis zur Veröffentlichung?
Wir hatten alle Demos parat und wollten im April 2018 nach meinen drei Monaten Mutterschaftsurlaub mit den Aufnahmen beginnen. Das kam dann aber nicht in Frage, denn Eliah war ein Schreikind, und ich war sehr gefordert. Ich betreue Eliah sehr intensiv, er ist nicht in der Kita. So konnten wir erst Anfang 2019 ins Studio gehen. Ich liess mir Zeit.

«Ich merkte, dass es der Mensch ist, der mich interessiert.»Jaël Malli, die Musikerin hat unter anderem eine Ausbildung in Sportmassage und als Coach absolviert.

Das zweite Album setzt auf Authentizität, das deuten schon der Albumtitel und der erste Song «Done With Fake» an, im Video dazu sehen wir, wie Sie sich abschminken. Das erste Album war poppiger und enthielt mehr elektronische Klänge. Warum dieser Stilwechsel? Popbands neigen sonst eher dazu, einen erfolgreichen Sound beizubehalten.
Das bekam ich schon mit Lunik immer zu hören: Einmal klingt ihr so, dann wieder so, damit verärgert ihr eure Fans. Ich glaube, es wird mir sehr schnell langweilig, wenn ich nochmals dasselbe mache. Es sind drei Herzen in meiner Brust, das eine schlägt für melodiöse, poppige Melodien, das zweite für akustische Sachen, das dritte für Streicher. Das ist meine «Dreifaltigkeit», darin bewege ich mich. In der gegenwärtigen Tour spielen und singen wir nun bis Ende Jahr zu fünft, mit Domi Schreiber an der Gitarre, Cédric Monnier am Piano, Marco Blöchlinger am Bass und Simon Britschgi am Schlagzeug. Ab März machen wir eine Trio-Tour, und darauf gibt es wieder Konzerte mit Orchester.

Sie organisieren alles selbst, Sie sind also gleichzeitig auch noch Unternehmerin.
Ja, zusammen mit meinem Pianisten Cédric Monnier, wir sind das Kleinunternehmen Jaël.

Mit dreizehn haben Sie bereits in einer Schülerband gespielt. Dieses Jahr sind Sie vierzig geworden. Hatten Sie den Wunsch, einmal etwas anderes zu machen?
Immer wieder.

Was zum Beispiel?
Ich hatte das Lehrerinnen-Seminar gemacht und wollte studieren. Nach einem Semester Psychologie merkte ich, dass das nichts für mich ist. In dem Fach dominieren heute die quantifizierenden Methoden, das interessiert mich überhaupt nicht. Danach besuchte ich Vorlesungen am C. G. Jung-Institut und machte in Köln eine Coaching-Ausbildung, was mir mehr entsprach. Ich merkte, dass es der Mensch ist, der mich interessiert. Die Psychosomatik zum Beispiel, die Emotionen, das Zwischenmenschliche. Halt die Dinge, die mich in meinem Leben beschäftigen. Aber egal was ich mache, ich komme immer wieder zum Songwriting zurück, zu dieser Art von Ausdruck. In meinen Songs kann ich auch Dinge thematisieren, die etwas mit dem Menschsein zu tun haben, die Angst oder traurig machen können. Insofern war nie etwas von dem, was ich gemacht habe, unnötig.

Jaël: Sonntag, 8.12., 19 Uhr, Casinotheater. CD: Nothing to Hide (Seeland Records/Phonag).

Erstellt: 06.12.2019, 14:07 Uhr

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