Winterthur

In die Zeughaus-Baustelle kehrt Leben ein

Das Zeughaus 1 nimmt immer mehr Form an. Neue Mieter sind eingezogen, finanziell aber noch Löcher zu stopfen.

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Von aussen wirkt er noch immer unscheinbar, bis abweisend, mit seinem Stacheldrahtzaun mit Kletterschutz und der kleinen Eingangspforte. Man denkt: Lagerhaus, Militär. Doch drinnen herrscht im vorderen Riegel des Zeughausareals längst eine ruhige, aber geschäftige Dynamik. Die ersten Mieter sind in diesem Sommer eingezogen, die nächsten ziehen bald nach. Handwerker treten ein und aus, denn noch ist der Umbau in vollem Gange

Ständig eingerichtet hat sich bereits die Schuhmacherin Lisa Gautschi. An der Schleifmaschine korrigiert sie gerade den Absatz eines Schuhs, den sie selber entworfen und gefertigt hat. Leicht femininer soll er noch werden, der Absatz noch etwas mehr nach innen abgeschrägt. Dass es im Zeughaus 1 mit der eigenen Schuhmacherei geklappt hat, freut die ursprünglich gelernte Pflegefachfrau besonders: «Das ist ein Biotop hier, und deshalb auch für meine Kunden interessant, einmal vorbeizuschauen.» Ein pensionierter Schuhmacher schenkte Gautschi sein gesamtes Inventar: Altes, solides Werkzeug, Schleif-, Durchnäh- und Poliermaschinen stehen nun in ihrer kleinen Werkstatt, die klassisch-modern eingerichtet ist, wie der lederne unisex Konfektions-Schuh, den man in ein paar Monaten bei ihr bestellen kann.

Retro und zeitlos mag es auch ihr Nachbar Elie Vanvlasselaer. Er teilt sich seine Velowerkstatt mit Pascal Vogel, dem «Reparateur»: Auf der einen Seite des lang gezogenen Raums hängen an Decke und Wand flott gemachte Rennvelos aus den 50ern bis 80ern, weiter hinten stehen Verstärker und Tonband-Geräte der Traditionsmarke Revox. «Wir ergänzen uns bestens», sagt der Velo-Mechaniker. Stolz zeigt auf sein Bijou-Renner, der über ihm hängt: «Ein echter Eddy Mercks, mit leichtem SLX-Stahlrahmen. 2500 Franken.» Aber er mache Renner in jeder Preisklasse fix. Seine Sammlung hat er kürzlich um diejenige des «Admirals» erweitert, des Musikers David Langhard.

Good News aus Zürich

Das Kulturangebot im Zeughaus wird künftig vor allem die Esse Music-Bar prägen. Der Jazz-Club zieht vom Hauptbahnhof her. Das alte Lokal wird abgerissen. Die zwei bekannten Esse-Gesichter Tom Schmid und Thomas Wicki mussten einen fliessenden Übergang managen. Am 10. Oktober ist Neueröffnung, es gibt noch viel zu tun. Auf dem staubigen Boden verteilen sich Abdeckfolien, Farbkübel und Baumaterial über den ganzen Raum. Doch das neue Lokal nimmt Formen an: Es wirkt deutlich geräumiger als das alte. Holzbalken und die lange Bar in Weinrot stechen ins Auge. An der Decke sind Schall-Absorber montiert. «Die Akustik wird auch für uns die grosse Überraschung», sagt Tom Schmid.

Mit dem Baufortschritt ist er zufrieden und doch lächelt er leicht gequält. Er und sein Team haben eine strenge Zeit hinter sich. Sie mussten einen Rohbau zu einem wohligen Jazz-Club umbauen. Kostenpunkt: Knapp 700000 Franken. Von den rund 60 eingereichten Gesuchen bei Stiftungen, war nur eines erfolgreich. Die Rotary Clubs Winterthur und Zürich-Flughafen packten beim Umbau an und schossen grosszügig Geld ein. Am Samstag kam dann gestern kam dann die gute Nachricht aus Zürich: Vom Lotteriefonds erhält die Esse 180000 Franken, was wiederum die Türe zur Stadt aufstösst. Zum städtischen Darlehen von 100000 kommt nun à-fonds-perdu Zustupf von 80000 Franken dazu. Angesichts höherer Fixkosten ist die Esse darauf angewiesen, dass der Neustart glückt. Doch Schmid ist sich sicher: «Unsere Stammkunden werden uns auch hierhin folgen.»

Investoren gesucht

Nicht nur die Betreiber der Esse Music-Bar, auch ihre Vermieter, die Initianten des Gesamtprojekts, sind auf zusätzliches Geld angewiesen: Die Basis Winterthur GmbH. Vom Umbau sind bereits 3,3 Millionen Franken finanziert. Doch es sind Mehrkosten von total 700000 Franken dazugekommen. Zum wegen strengerer Auflagen beim Umbau. Aber auch, weil die früheren Mieter sich lange vehement gegen einen Auszug gestemmt hatten. So sammelten sich offenbar Gerichtskosten, Mietausfällen und Verzögerungen von 250000 Franken an. Die Basis Winterthur ist deshalb auf der Suche nach neuen Privatdarlehen, für eine «nachhaltige und lokale Investition», wie es in der Broschüre heisst. Grob ins Wanken bringt das finanzielle Defizit das Zeughaus 1 aber nicht. Notfalls, heisst es, werde man eine weitere Hypothek aufnehmen.

Der Umbau ist in der letzten Phase. Auch im ersten Obergeschoss sind nun sämtliche Räume entkernt, sodass die alten Trägerbalken und die Holzdecke wieder zur Geltung kommen. Mit Zwischenwänden werden auch dort die Räume neu strukturiert, während nebenan bereits in einer Taiji und Qi Gong-Schule unterrichtet wird. Auch ein Illustrator und ein Grafiker haben ihre Büros bezogen. «Der Mietermix ist sehr breit», sagt Marco Frei von der Basis Winterthur-Geschäftsleitung. 10 der 25 bis 30 Einheiten sind noch zu vermieten. Nächsten Sommer soll das Zeughaus dann voll ausgelastet sein.

Bleibt das Rosa Pulver?

Offen ist nach wie vor, was mit dem Restaurant Rosa Pulver passiert. Letzten Frühling sind die Jung-Gastronomen mit einem Pop-up-Projekt vom Roten Turm dorthin ausgewichen, wo einmal ein Mehrzweckraum entstehen soll. Ihr Vertrag läuft Ende Januar aus. Und auch sie müssten voraussichtlich gut 100000 Franken in den temporären Umbau investieren, um alle Auflagen zu erfüllen und ein paar Jahre bleiben zu können.

Erstellt: 22.09.2019, 15:03 Uhr

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