Kurzfilmtage

«In meinen Filmen suche ich nach Antworten»

Der thailändischen Filmemacherin Pimpaka Towira sind an den Kurzfilmtagen zwei Programme gewidmet. Sie ist eine wichtige Stimme im Filmschaffen Südostasiens, das dieses Jahr den Schwerpunkt des Festival-Programms bildet.

Pimpaka Towira kommt für die Kurzfilmtage nach Winterthur.

Pimpaka Towira kommt für die Kurzfilmtage nach Winterthur. Bild: zvg

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Frau Towira, in ihrem Kurzfilm «The Purple Kingdom» wird ein Mann von der Polizei entführt und bleibt verschwunden. «Mae/The Mother» zeigt einen korrupten Bestattungsbeamten. Stimmt der Eindruck Film, dass Sie sehr politische Filme machen?
Pimpaka Towira: Ja, mehr oder weniger. Wir leben in Thailand in einer unstabilen Gesellschaft. Das führt zu Gewalt. Der Verschwundene in «The Purple Kingdom» gehörte der Minderheit der Karen an. Dieses Volk lebt in den Grenzgebieten Nordwest-Thailands. Ich führte dort einen Filmworkshop durch. Das Ziel dabei war es, dass die Karen den Kurzfilm als Ausdrucksmittel kennen lernten. Unter den Werken der Karen war ein Film, der mich äusserst beeindruckte. Der Autor dieses Films wurde bald darauf entführt und ermordet. Er hatte sich mit einem mächtigen Staatsbeamten angelegt.

«The Purple Kingdom» thematisiert Polizeigewalt an einer thailändischen Minderheit. Quelle: youtube

Das heisst, dass «The Purple Kingdom» ein dokumentarisches Werk ist. Der Frau in der Hauptrolle …
… ist die Ehefrau des verschwundenen Filmers.

Tatsächlich? Das überrascht mich.
Es hat mich sehr berührt, wie diese Frau und ihre Familie um eine Antwort auf das Verschwinden des Mannes ringen. Das möchte ich in diesem Film zeigen. Ausserdem wurde der Fall, der sich in Nordthailand tatsächlich abgespielt hat, in Thailand totgeschwiegen.

«Ich will ausdrücken, was mich im Inneren bewegt.»Pimpaka Towira

Ist es für Sie persönlich ein Risiko, politisch so klar Stellung zu beziehen?
Eher nicht. Ich habe mich für diesen Film mit einem Anwalt abgesprochen und verzichte darauf, eine konkrete Person zu beschuldigen. Ausserdem hat «The Purple Kingdom» auch eine fiktionale Ebene. Sie wird durch das Lied, das am Anfang über die Szene läuft, eingeführt. Es ist ein populäres Liebeslied aus den 1990er Jahren. Es signalisiert, dass der Film über den dokumentierten Fall hinaus auch von allgemeinen Themen wie Liebe, Verlust und Sehnsucht handelt.

In welchem Sinn ist «The Mother» politisch?
Zu diesem Film muss ich den Hintergrund erläutern. Nach blutigen Zusammenstössen zwischen der Armee und Demonstranten forderten Angehörige eine Aufklärung über die Todesursache ihrer Verwandten sowie eine Entschädigung vom Staat. Das war im Mai 2011. Der Film zeigt eine Mutter, die um die Entschädigung für den Tod ihrer 13-jährigen Tochter kämpft. Im weiteren Sinn geht es auch hier darum, wie Menschen mit einem schweren Verlust umgehen. Für mich ist das entscheidend: In meinen Filmen suche ich nach Antworten.

The Mother ist ein spezieller Kurzfilm. Er besteht aus einer einzigen Kameraaufnahme. Quelle: youtube

Schöpfen Sie daraus Ihre Motivation, Filme zu machen?
Ich will ausdrücken, was mich im Inneren bewegt. Ich will mit anderen teilen, was für einen Eindruck die Gesellschaft meines Heimatlandes bei mir hinterlässt. Da ist zum Beispiel die Frage, wie sie mit Minderheiten umgeht. Solche Dinge möchte ich zeigen. Davon träume ich. Die Crew, mit der ich arbeite, trägt diese Motivation mit. Wir wollen zusammen etwas erreichen. Mit Filmen. Der Film hat in meinen Augen eine stärkere Wirkung als nur Text.

Die meisten ihrer Hauptfiguren sind Frauen. Weshalb?
Ich bin eine Frau. Deshalb sind meine Hauptfiguren fast automatisch Frauen. Ich entwickle mein Drehbuch aus meinem Innern. Wenn dabei eine weibliche Figur entsteht, kann ich mit ihr den weiteren Handlungsverlauf eines Films erforschen. Ich kann gut nachvollziehen, was sie tut und was sie empfindet. Bei einer männlichen Figur fühle ich mich weniger sicher.

«Ich bin eine Frau. Deshalb sind meine Hauptfiguren fast automatisch Frauen.»

In ihren Filmen zeigen Sie viel Natur. Immer wieder nimmt die Kamera den Dschungel, einzelne Pflanzen oder den Himmel auf. Welchen Bezug haben Sie zur Natur?
Bangkok ist eine Grossstadt. Wenn ich hinaus auf das Land fahre oder sogar in den Dschungel, fühle ich mehr Gestaltungsfreiheit als zwischen den Gebäuden der Stadt. Da draussen kann ich mithilfe des Kurzfilms meine eigene Welt erschaffen. Das Land ausserhalb der Städte fordert mich heraus, die Gegend zu erforschen und ihre Bewohner kennen zu lernen. Wie zum Beispiel die Karen, die noch immer sehr einfach leben.

Und Ihr Bezug zum Wasser? Wir sehen einen alten Mann im Fluss baden, zwei Frauen am Fluss, ein verlassenes Schwimmbecken...
Ich schreibe meine Drehbücher selbst. Zuerst mache ich eine grobe Auslegeordnung. Nehmen wir zum Beispiel «Nimit Luang/Prelude to the General». Ich hatte ein Gebäude als Schauplatz ausgewählt und besichtigte es. Dabei entdeckte ich das verlassene Schwimmbad. Bei der Überarbeitung des Drehbuchs habe ich das Schwimmbad für die Handlung genutzt. Dank dieser Arbeitsweise bleibe möglichst lang flexibel. Das gilt auch für die Dialoge. Für die meisten Filme schreibe ich sie nicht aus. Vielmehr gebe ich den Darstellungen Anweisungen, was sie in einer Szene ausdrücken sollen, mit eigenen Worten. Eine Ausnahme ist «The Mother». Dieser Film besteht aus einer einzigen Kameraaufnahme, ohne Schnitt. Wir mussten also alles auf einmal drehen. Für diesen Film habe ich feste Dialoge geschrieben.

Das ist jetzt interessant. Ich wollte Sie schon nach der ganz besonderen und schönen Kameraführung in diesem Film fragen. – Nun kommen Sie dieses Jahr als Person im Fokus und als Jurymitglied nach Winterthur. Wie fühlen Sie sich jetzt kurz vor der Abreise?
Für uns in Thailand sind Winterthur und überhaupt Europa ganz weit weg. Ich bin also schon etwas angespannt. Anderseits bietet mir das Kurzfilmfestival Winterthur eine wunderbare Gelegenheit, mein Werk zu zeigen. Es war das erste Festival in Europa, das meine Kurzfilme ins Programm aufnahm. Das ehrt mich.

Der Filmblock «Pimpaka Towira I» läuft am Freitag um 17 Uhr, «Pimpaka Towira II» am Samstag um 14.30 Uhr, jeweils im Casino 2.

Erstellt: 07.11.2017, 11:45 Uhr

Wegen überbuchten Kinosälen: Kurzfilmtage mit neuem Reservationssystem

Erstmals können an den Kurzfilmtagen dieses Jahr Reservationen vorgenommen werden. Der Grund: Bei ausverkauften Vorführungen war bis jetzt für Besucher mit Multi- oder Festivalpass kein Sitzplatz garantiert.

Wer einen Multi- oder Festivalpass hat, kann neu bis zu 24 Stunden vor der Vorstellung eine Reservation tätigen. Dies garantiert zwar keinen spezifischen Sitzplatz, aber man kommt ganz sicher in den Saal rein. Für Personen mit Einzeltickets ändert sich nichts. Mit dem Ticketkauf hat man einen Sitzplatz auf sicher. Wie bisher gilt aber die freie Platzwahl, bestimmte Sitzplätze sind nicht buchbar.

Für alle Ticket-Kategorien gilt zudem: Mindestens 20 Minuten vor Vorführungsbeginn sollte man vor Ort sein. Trotz der Neuerung sagt die Medienbeauftragte Lea Rindlisbacher: «Grundsätzlich ist in keinem Fall eine Reservation notwendig. Aber Personen mit Multi- oder Festivalpass, die ganz sicher in eine Vorstellung wollen, sollten sich eine Reservation überlegen.»

Laut Rindlisbacher sei es für die Macher des Festivals jeweils sehr schwierig, die tatsächliche Anzahl Besucher einer Vorstellung abzuschätzen. «Auch wenn das Risiko eher klein ist, mussten wir in Einzelfällen leider schon Zuschauern mit Multi- oder Festivalpass den Eintritt verwehren.»

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