Naturmuseum

Jäger und Sammler im Museum

Die neue Ausstellung zeigt die Menschen hinter den Ausstellungsstücken. Das wirft Fragen auf: Kann eine Jagdtrophäe wissenschaftlich wertvoll sein?

 Kuratorin Sandra Scherrer hat die Ausstellung des Naturama Aargau auf Winterthurer Verhältnisse adaptiert.

Kuratorin Sandra Scherrer hat die Ausstellung des Naturama Aargau auf Winterthurer Verhältnisse adaptiert. Bild: Marc Dahinden

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Im Eingangssaal des Naturmuseums türmen sich die Holzkisten. Die neue Wechselausstellung kommt komplett in Frachtboxen daher, die Texte stehen auf den Frachtetiketten. Die Ausstellung «Fragile - gesammelt, gejagt, erforscht» des Naturama Aargau gewann 2018 den Prix Expo der Akademie der Naturwissenschaften Schweiz. Seit zwei Wochen ist sie im Naturmuseum zu sehen. Kuratorin Sandra Scherrer hat sie adaptiert und um zahlreiche Winterthur-Bezüge ergänzt.

Ein Blickfang ist die grösste der Kisten, die einen ausgestopften Eisbären enthält. Geschossen hat das «kapitale Männchen» ein Antonio Töna Lansel, Frauenheld und Spross einer reichen Bündner Familie. 1907 charterte er mit drei anderen wohlhabenden Kumpanen ein Schiff und fuhr und mit viel Wein und gutem Essen zur Jagd nach Grönland und schoss, was ihm vor die Flinte kam. Töna Lansels liess den Bären präparieren und in seinem Palazzo ausstellen, später kam er ins Bündner Naturmuseum, dann ins Zoologische Museum Zürich.

Souvenirs aus der Kolonie

Neben Wissenschaftlern haben also auch Hobbyjäger zu den Sammlungen beigetragen, die wir heute in Museen sehen. Und Kolonialisten. Kaufleute oder Plantagenbetreiber brachten Souvenirs in die Heimat zurück oder legten sich regelrechte Sammlungen an. Auch Winterthurer, denn die Stadt war ja eine wichtige Drehscheibe im Baumwoll- und Kaffeehandel. Ein Themenfeld, das unbequeme ethische Fragen aufwirft. Würde das Museum zum Beispiel Exponate von Sammlern zeigen, die nachweislich in Sklavenhandel involviert waren? Die Frage stelle sich in Winterthur zum Glück bisher nicht, sagt Sandra Scherrer. Zumindest sei sie auf der Plattform Cooperaxion.org, wo im Sklavenhandel involvierte Schweizer gelistet werden, nicht fündig geworden.

Das Naturmuseum sei aber sehr interessiert daran, seine Sammlung noch besser zu dokumentieren und Hintergrundinformationen aufzuarbeiten. Und auch sichtbar zu machen. «Gerade diese Ausstellung zeigt, dass man auch hinter die Objekte schauen soll, auf die Umstände dahinter», sagt Scherrer. «Es ist gut, wenn man zeigt, das manches Präparat eine Jagdtrophäe war - und heute unter Umständen doch von wissenschaftlichem Wert sein kann.»

Neben Jägern finden sich in der Ausstellung auch Sammler. Ein Prototyp ist Rudolf Meyer-Dür, der im 19. Jahrhundert eine Kerzenfabrik in Burgdorf erbte, aber im Leben nichts anderes wollte, als Käfer zu sammeln. Dabei liess er sich weder durch den Bankrott der Firma, noch durch den Tod seiner Tochter bei einem Auswanderungsversuch nach Argentinien bremsen. War dieses besessene Zusammentragen von wissenschaftlichem Wert? Ja, sagt Scherrer, weil Meyer-Dür penibel Fundorte, Zeiten und Spezies dokumentierte. Aus seinen Sammlungen lassen sich darum heute noch wertvolle Rückschlüsse über die Artenvielfalt in der Schweiz und Argentinien ziehen.

Im All und vor der Haustür

Heute ist die Welt fertig erforscht – oder doch nicht? Eine Box widmet sich der Tiefsee, wo laufend neue Arten entdeckt werden. Doch soweit müsse man gar nicht gehen, sagt Scherrer. Die Schweizer Forscherin Seraina Klopfstein fand im Bündnerland neue Schlupfwespenarten. Scherrer selbst erforschte Flechten, die sie an ihrem Fahrradunterstand fand.

Brandaktuell ist die Kiste zur Erkundung des Weltalls. Sie enthält Teile des Cheops-Teleskops, das nach Exoplaneten sucht. Es ist Teil des ersten Schweizer Satelliten überhaupt - und der wird im Dezember ins All geschossen. Die zweite Aktualität: Der Schweizer Forscher Didier Queloz wurde vor gut einem Monat mit dem Nobelpreis ausgezeichnet für die Entdeckung des ersten Exoplaneten.

Erstellt: 01.12.2019, 10:38 Uhr

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