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Kämpfernatur mit einer Vision

Tendol Gyalzur kam als Flüchtlingskind in die Schweiz und holte später in Tibet Waisenkinder von der Strasse. Die Winterthurer Journalistin Tanja Polli schildert ihren abenteuerlichen Weg im fesselnden Buch «Ein Leben für die Kinder Tibets».

Dank ihrer ehrlichen und direkten Art und mit einer grossen Portion Zivilcourage meisterte Tendol Gyalzur den Behördenmarathon in Tibet.
Dank ihrer ehrlichen und direkten Art und mit einer grossen Portion Zivilcourage meisterte Tendol Gyalzur den Behördenmarathon in Tibet.
Privatarchiv

Wer in Tibet etwas auf die Beine stellen will, braucht einen langen Atem. Für das Kinderheim, das sie in den 1990er Jahren in einem Dorf nahe der Hauptstadt Lhasa bauen will, hat Tendol Gyalzur nach vielen Verhandlungen und ritualartigen Gesprächen fast alles zusammen. Bereits hat sie sieben Kinder aufgenommen und vorübergehend in einer Pension untergebracht. Für den Neubau fehlt nur noch die Unterschrift eines hohen Beamten, der sich aber tagelang nicht blicken lässt. Also macht sie sich auf die Suche und findet ihn schliesslich in einem Restaurant. Dort stellt sie sich vor ihn hin und redet lauter als nötig, damit auch die übrigen Gäste es hören. So angegangen zu werden, noch dazu von einer Frau, ist dem Mann sehr peinlich. Das bleibt stehen, bis er zusagt, sie im Büro zu empfangen.

Die Winterthurer Journalistin Tanja Polli erzählt das Leben dieser mutigen und tatkräftigen Frau in einem dichten und spannend zu lesenden Buch. Auf der Basis von zahlreichen Interviews ist ein detailreicher, reportageartiger Bericht entstanden. Dass Polli mit viel Empathie an die Sache herangeht, spürt man in jedem Satz.

Emigration aus Tibet in die Schweiz

Tendol Gyalzurs Biographie lässt sich nicht erzählen ohne die ihres Mannes Lobsang und der beiden Söhne Songtsen und Ghaden, die in Rapperswil aufwuchsen. Auch sie kommen in dem Buch zu Wort, das einen exemplarischen Blick wirft auf die Emigration von Tibet in die Schweiz, eine Beziehung, die 1963 begann, als der Bundesrat beschloss, tausend Flüchtlinge aus dem von China annektierten Gebiet aufzunehmen. Gegenwärtig leben rund 2500 Exiltibeter in der Schweiz. Ihr spirituelles Zentrum befindet sich in Rikon im Tösstal. In das Tösstal kam auch Lobsang Gyalzur 1967, nach Turbenthal, wo er zunächst als Hilfsarbeiter in einer Spinnerei arbeitete.

«Wir haben immer in zwei Welten gelebt»

Songtsen Gyalzur

Der lebendige Bericht beginnt mit Tendols Flucht aus Tibet, einer entbehrungsreichen Odyssee durch Flüchtlingslager und Schulen, die sie nach Bhutan und Indien und von da über München zunächst in das Pestalozzidorf Wahlwies am Bodensee führt. Als Tendol dort ankommt, ist sie etwa zwölf Jahre alt und hat auf der Flucht Erfahrungen gemacht, die ihr Leben prägen sollten: Sie begegnete zwei Mutterfiguren, die sie stark beeindruckten. Und sie begegnete dem Dalai Lama, dem geistlichen Oberhaupt der Tibeter, der die Schülerinnen und Schüler auf das tibetische Erbe und auf Wohltätigkeit verpflichtete: «Macht von eurem Glück Gebrauch und teilt es mit anderen.»

«Wir haben immer in zwei Welten gelebt», sagt der ältere Sohn Songtsen später über sich und seinen Bruder. Das gilt genauso für seine Eltern. Wobei die Voraussetzungen, wie sich zeigen wird, je nach Geschlecht verschieden sind. Tendol wird in Wahlwies zum einen nach der Lehre von Rudolf Steiner unterrichtet, die auf die Freiheit des Individuums setzt, und zum andern von einem strengen buddhistischen Lehrer. In Tibet, wie auch in China, kommt das Individuum nicht in Betracht, was etwa daran ersichtlich ist, dass keine persönlichen Geburtstage gefeiert werden, stattdessen ein gemeinsamer Geburtstag, das Neujahrsfest. Als Tendol sich in einen deutschen Jungen verliebt, verbietet ihr der tibetische Lehrer weitere Treffen. Nur eine Verbindung mit einem Landsmann kommt in Frage, denn Tendols Leben ist für die Weiterführung der tibetischen Tradition bestimmt.

Sie wusste, dass sie nicht würde frei wählen können

Die junge Frau wird Pflegehelferin und später Krankenschwester. Das ist eine kleine Sensation, es spricht sich herum, Tendol erhält Besuch von Männern, die sie heiraten möchten, darunter auch von dem um 14 Jahre älteren Lobsang Gyalzur, der damals bereits in Rapperswil lebt und in einer Elektro-Firma arbeitet. Tendols Betreuer sind von dem Mann mehr begeistert als sie selbst. «Sie wusste, dass sie als Tibeterin ihren Ehemann nicht frei würde wählen können, und sie ging davon aus, dass Lobsang es gut mit ihr meinte», schreibt Polli. Lobsang erinnert sich, dass er seine zukünftige Frau «sexy» fand. An der Hochzeit in Männedorf, zu der alle Tibeterinnen und Tibeter der Schweiz eingeladen sind, sagt er zu ihr, sie heirate nicht nur ihn, sondern die ganze Gemeinschaft.

Mit den beiden Söhnen Songtsen und Ghaden erlangt die Familie 1983 das Schweizer Bürgerrecht – und damit erstmals die Möglichkeit, ins Ausland zu reisen. Die erste Reise nach Tibet 1989 ist für alle ein Schock, besonders für die Söhne, aber auch für die Eltern: Es gibt keine Toiletten, überall Dreck und Ungeziefer, ständige Ausweiskontrollen, abends ist es dunkel, Fernsehen gibt es nicht. Ein Jahr später reist Tendol erneut nach Lhasa, um für Lobsangs Vater zu beten, der inzwischen gestorben ist (der Arbeitgeber ihres Mannes erlaubt ihm die Reise nicht). Unmittelbar neben dem kostbaren Tempel herrschen Abfall und Elend, sie ist erschüttert. Sie lädt zwei Strassenkinder, durch die sie sich an ihr eigenes Schicksal erinnert fühlt, zum Essen ein und beschliesst, fortan solchen Kindern zu helfen.

Ab 1993 beginnt sie ihr Projekt in Tölung, einem Dorf, das zwanzig Kilometer von Lhasa entfernt liegt, in die Tat umzusetzen. Das Projekt wurzelt im Grunde, so sagt sie selber, in der christlichen Nächstenliebe. Denn privilegierte Tibeter würden nicht fremden Kindern helfen, sondern die Klöster unterstützen, um damit das eigene Karma zu verbessern. Die Schilderung des Beginns, des «Behördenmarathons», der Auswahl der Kinder und wie sich die ganze unermüdliche Arbeit auf ihr eigenes Befinden auswirkt – sie vergisst ihre «Wohlstandssorgen» und wird ihren «Putzfimmel» los, stösst hingegen bei den Exiltibetern in der Schweiz auf Ablehnung, weil sie notgedrungen mit den Chinesen zusammenarbeiten muss – zählt zu den besten Passagen des Buches.

Über dreihundert Kinder und fünfzig Enkelkinder

Der Bericht schildert viele Begebenheiten, die man nicht mehr vergisst. Dabei hilft der Bildteil mit vierzig Fotografien, darunter jene der kleinen Alisha und ihrer gehörlosen Tante, mit der das Mädchen in einer Art Stall aufgewachsen war ohne sprechen zu lernen. Auf dem Bild ist sie sieben Jahre alt. Zwei Jahre später gehört sie in der Dorfschule von Tölung zu den Besten.

Dass die Autorin mit vielEmpathie an die Sache herangeht, spürt man in jedem Satz.

Die Schilderungen überzeugen auch dank dem realistischem Blick der Autorin. Die grausame Seite der unumgänglichen Auswahl der Kinder wird ebenso wenig verschwiegen wie Misserfolge und Irrtümer oder etwa die Ambivalenz der in der Schweiz zurückgebliebenen Teenager-Söhne, die ihre Mutter vermissen, aber auch ihre neu gewonnene Freiheit geniessen. Immer wieder kommen die kulturellen Unterschiede zur Sprache, die Tendol Gyalzur hautnah miterlebt, weil sie beide Kulturen, die tibetische und die schweizerische, in sich trägt. Einmal reist sie nach Toulouse, um den Dalai Lama, der dort vor grossem Publikum ein spirituelles Treffen abhält, um finanzielle Unterstützung zu bitten – allerdings hat sie weder einen Plan, wie sie zu ihm vordringen soll, noch Geld, um in Toulouse zu übernachten. Eine abenteuerliche Episode, die einen unerwarteten Ausgang nimmt.

Mehr als dreihundert Kindern hat Tendol Gyalzur über die Jahrzehnte hat zu einem besseren Leben verholfen. Mit vielen hat sie, die heute überwiegend in Tibet lebt, nach wie vor Kontakt. Im Gespräch mit der Journalistin kommt es vor, dass sie den Überblick verliert. Dann schickt sie eine Sprachnachricht nach Tibet und fragt nach. Die Kinder haben bereits fünfzig Enkelkinder, die Gyalzur als ihre eigenen betrachtet. Am Ende des Buches ziehen dunkle Wolken auf. Das Kinderheim in Tölung wird 2015 verstaatlicht, im Jahr darauf auch ein weiteres Heim, das Gyalzur später in Shangri-La gegründet hatte, ein schmerzhafter Prozess für sie wie für die Kinder. Am Ende des Buches bleibt es offen, was die Zukunft bringen wird.

Die Kinder seien in guten Händen, sagte Tendol Gyalzur im November 2019 der «Linth-Zeitung». Rund neunzig Knaben und Mädchen leben derzeit in den beiden Waisenhäusern. Ghaden, der jüngere Sohn, hat eine Schweizer Marketingfachfrau geheiratet, sein Bruder Songtsen eine Tibeterin. Songtsen betreibt in Shangri-La eine Brauerei und exportiert das Bier bis nach Kalifornien.

Tanja Polli: Ein Leben für die Kinder Tibets. Die unglaubliche Geschichte der Tendol Gyalzur. Wörterseh-Verlag, Lachen 2019.

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