Ausstellung

Katinka Bock knetet, faltet, rollt, brennt und verwandelt

Katinka Bock bestreitet die erste Ausstellung unter dem neuen Hausherrn Konrad Bitterli im Kunstmuseum. Die Künstlerin macht Raum und Zeit als Struktur und Prozess fassbar.

Kargheit und Poesie: Die Künstlerin Katinka Bock betont in ihren Werken Material und Sinnlichkeit, so auch in dieser grossen Bodenskulptur mit Kupferplatten, Keramikscheiben, Wasser und Heizplatten.

Kargheit und Poesie: Die Künstlerin Katinka Bock betont in ihren Werken Material und Sinnlichkeit, so auch in dieser grossen Bodenskulptur mit Kupferplatten, Keramikscheiben, Wasser und Heizplatten. Bild: Marc Dahinden

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Lang blieb es ein Geheimnis, wer die erste Ausstellung in der Ära von Konrad Bitterli, dem neuen Direktor des Kunstmuseums, bestreiten würde. In einem Interview im letzten Herbst verriet Bitterli nur so viel: Es wird eine junge Künstlerin sein. Und als Begründung schob er nach: Sein Vorgänger Dieter Schwarz habe einen sehr männlichen Blick auf eine männliche Kunst gepflegt, namentlich die Arte povera. Nun also würdigt der Museumsmann mit dem weiblichen Blick die 42-jährige deutsch-französische, in Paris lebende Künstlerin Katinka Bock in einer eindrücklichen Einzelausstellung.Eine Premiere mit programmatischem Charakter. Denn par­allel dazu und ebenfalls im Neubau versammelt die langjährige Hauskuratorin Simona Ciuccio acht Bildhauerinnen aus der Sammlung zu einer bis August dauernden Hommage an das im Haus anscheinend vernachlässigte Geschlecht. (Ein separater Bericht darüber folgt später.)

Als radikalen Bruch mit der Ausstellungstradition des Kunstmuseums erlebt man die von Katinka Bock und Bitterli gemeinsam eingerichtete Ausstellung keineswegs. Viel eher spürt man eine überraschende Kontinuität, sogar ein beglückendes Déjà-vu in zahlreichen Aspekten: in der Betonung von Material, Sinnlichkeit und elementarem plastischem Handwerk; in der spar­samen räumlichen Inszenierung, Kargheit und Poesie; in der Auseinandersetzung mit dem Ort und in der grundsätzlichen Beschäftigung mit den Fragen der künstlerischen Arbeit zwischen Alltag und Kunstwelt.

Spuren der Arte povera

Kurz und zugespitzt formuliert: Im attraktiven Œu­v­re von Katinka Bock entdeckt man über­raschend viele Spuren der von Bitterli als männlich charakterisierten Arte povera. Auf diese ­Referenzen angesprochen, lächelt die Künstlerin nur und widerspricht auch nicht. Natürlich lebt Bock in einem Post-Post-Zeitalter; sie ist weit, weit entfernt von den Bedingungen der 1970er-Jahre und muss sich in einem hochgradig kommerziellen Kunstmarktumfeld mit vielfältigen Erwartungen behaupten. Was ihr erfolgreich gelingt, wenn man ihren Ausstellungsmarathon zum Massstab nimmt.

In den Sälen des Kunst­museums haben sich Schichten von Ausstellungen abgelagert – zumindest in der Erinnerung. Und diese wird nun beinahe mit jedem Stück der Künstlerin, das liegt, hängt oder steht, aktiviert. Und so entwickelt sich von Raum zu Raum ein feines Netz von optischen Beziehungen und Bezügen, die einen in ihren Bann ziehen: zum Auftakt das metallene Gestell mit dunkeltonigen Keramikarbeiten, etwas erhöht an der Wand befestigt, sodass man aufblicken muss; man kann nicht ­anders, unterwirft sich gerne diesem sanften Diktat, kniet mental nieder vor dem musealen Schönen. Gleich daneben auf dem Boden ein Fisch aus Bronze, ein direkter Abguss eines realen Karpfens. So roh, so kreatürlich, dass man auf den Knien bleibt, eigentlich in diesem Zustand verharren möchte und dabei das Vergehen der Zeit erleben könnte.

In einem frühen, knapp eine Stunde dauernden Video fordert Bock diese Geduld. Dabei passiert nichts anderes, als dass sie in einem zunächst unsichtbaren, riesigen Feld von Kerzen eine nach der anderen anzündet und aus dem Dunkel Licht wird – Verwandlung und räumlich-dynamische Expansion. Im Kern ist da ­alles enthalten, und die Zeit macht tick, tack.

Wasserleitung installiert

So sind Zeit und Raum bei Bock keine abstrakten, philosophischen Grössen. Ihren Arbeiten fehlt das Einschüchternde und Erhabene von Theorien. Denn sie wurzeln auf irgendeine Weise im Alltag und im Alltäglichen, wo Material von Hand bearbeitet wird; im Falle von Bock ist es oftmals Ton, der gefaltet und geknetet oder zu Röhren, Rollen, Hüllen oder Gefässen geformt wird, wobei die Textur der Ablage ein feines Muster hinterlässt. Auch der Brennprozess schreibt sich ein in Brüchen und Rissen, sie machen das Zerbrechliche, Prekäre dieser Folien sichtbar.

Aber da muss man schon ganz nahe hintreten, ist doch der Mi­kro­kosmos der Details so wichtig wie das grosse Ganze der Zusammenhänge, die etwa durch eine profane verzinkte Wasserleitung indiziert werden. Diese profane Installation durchbohrt Räume und Wände und endet in einem hinteren Saal als ein die Museumsaura verfremdender Raumeingriff. Jeden Moment wartet man darauf, dass endlich Wasser fliesse. Doch das Wunder will nicht geschehen.

Diese punktuelle Absenz kon­trastiert mit einer sonst allgegenwärtigen intensiven physischen Präsenz (von Physik). Das kann sich in einer körperlichen Anstrengung ausdrücken, etwa im Foto, wo zwei Arme ein Rohr aus Ton tragen. Das Bild erleichtert das Verstehen von Bocks künstlerischem Denken, insbesondere, wie sie das Motiv des Tragens im Werk interpretiert. Dabei wird dem Betrachter sicher auffallen, wie vielfältig die Künstlerin ihre Objekte präsentiert: auf Holz­stelen oder gegossenen Röhren als Sockel, beides entspricht klassischen Konventionen.

Doch dann realisiert man die Abweichung von der Norm: wie Objekte in metallenen Netzen von der Decke hängen, an dünnen Stäben fixiert sind oder Röhren umwickeln – verblüffende ausstellungstechnische Volten und Pirouetten sind das.

Wandlungen

Wie erstarrte Lava liegen ihre ­gebrannten Tongebilde auf dem Boden. Fixierte Bewegung ist der eine Pol einer Dialektik, die nach dem Prozess ruft, sei es als Denkfigur wie im Titel der Ausstellung «Sonar / Tomorrow’s Sculpture», wo es thematisch um das Vermessen (von Meerestiefen) sowie das planerische und organisatorische Vorausdenken einer Ausstellung geht. Zum Beispiel hat Bock sechs Monate vor Eröffnung eine blaugrau eingefärbte Leinwand beim Notausgang der Witterung ausgesetzt. Das Resultat erscheint nun als Bild im hinteren Eckraum.

Auch sehr reale Prozesse wie in der grossen Bodenskulptur werden direkt inszeniert. Sie besteht aus Kupferplatten und leicht gekrümmten Keramikscheiben mit Wasser, das allmählich verdunstet. Zusätzlich werden elektrische Heizplatten eingesetzt, welche die Verwandlung von Wasser in Luftfeuchtigkeit beschleunigen. Vielleicht ist die Verwendung der Kupferplatten als «Sockel» für energetische Experimente eine latent boshafte Pointe auf den zur Ikone erstarrten amerikanischen Minimalismus.

Ikonen des Leidens

Darüber hinaus mag die Künstlerin darunter leiden, dass ihre wie Teig knet- und formbare Tonmasse mit grossem Energie­verbrauch gebrannt und in einen irreversiblen Zustand gebracht wird. Die Mehrdeutigkeit des Brennvorgangs als zerstörerischer, gar giftiger Akt nutzt Bock auf subtile Weise.

So wurde in einer Tonrolle ein kleines Radiogerät mitverbrannt. «Sehr giftig», kommentiert die Künstlerin vielsagend diese Wandlung. Was sonst noch alles im Brennofen Opfer der Flammen wird, bleibt ihr Geheimnis. Katinka Bock reist viel und arbeitete auf Einladung zum Beispiel in Mexiko und der vom Niedergang der Autoindustrie gezeichneten amerikanischen Stadt Detroit. Im 19. Jahrhundert brachten die Künstler von ihren Reisen schöne Veduten heim – Bock ist eine Serie ergreifender Bodenskulpturen aus Ton und Bronze gelungen, die in brutalster Direktheit die Auswirkungen der Desindustrialisierung auf die arbeitslosen Bewohner Detroits zeigen. Sie liess Automobile über den weichen Ton rollen wie über eine Katze. Die Reifenmuster erzählen in geraffter Form von der Tragödie eines Untergangs.

Dass diese Bodenskulpturen nicht längst zu Ikonen mensch­lichen Leidens aufgestiegen sind, verwundert sehr. Sie empfangen den Besucher bereits in der Sammlung der klassischen Moderne. Enden tut die Ausstellung dagegen mit einer heiteren Note. Zwei leuchtend gelbe Zitronen, die einzigen Farbtupfer, halten einen gekrümmten, im Raum schwebenden Metallstab in der horizontalen Balance. Dieser ­labile Gleichgewichtszustand ist nur garantiert, wenn die ausgetrockneten Früchte durch frische ersetzt werden. Eine schöne Schlusspointe über den Lebens- und Kunstzyklus!

Die Winterthurer Ausstellung ist die erste Station auf einer Tournee, die nach Luxemburg und Villeurbanne in Frankreich führt. Ein Künstlerbuch ist bereits erhältlich, eine Monografie wird nach Abschluss der letzten Etappe publiziert.

Kunstmuseum Winterthur, bis 2. 4. (Der Landbote)

Erstellt: 28.01.2018, 17:44 Uhr

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