Kino Cameo

«Kinder als Abbilder der Eltern? Eine schreckliche Vorstellung»

«Wir Eltern» ist eine Filmkomödie über das Zusammenleben mit Teenagern, gedreht aus der Sicht der Eltern – realistisch und absurd zugleich. Der Zürcher Regisseur Eric Bergkraut spielt darin den Vater.

Das Familienleben kann anstrengend sein. Elisabeth Niederer und Eric Bergkraut als Paar im Film «Wir Eltern». Foto: PD

Das Familienleben kann anstrengend sein. Elisabeth Niederer und Eric Bergkraut als Paar im Film «Wir Eltern». Foto: PD

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Das Familienleben der Schriftstellerin Ruth Schweikert und des Filmregisseurs Eric Bergkraut mit ihren Söhnen diente als Vorlage für die Low-Budget-Komödie «Wir Eltern», die ab morgen im Kino Cameo läuft. Bergkraut selbst spielt darin den Vater, seine drei Söhne spielen die fast erwachsenen Zwillinge und den Zwölfjährigen. Die Rolle der Mutter verkörpert die Schauspielerin Elisabeth Niederer. Der Film wurde im Sommer in nur 15 Tagen gedreht.

Herr Bergkraut, im Film spielen Sie mit dem Anschein des Authentischen. Als Zuschauer denkt man, dass sich manches so oder ähnlich wirklich zugetragen haben könnte. Was ist daran real und was ist erfunden?
Eric Bergkraut: Erfunden ist der grosse Bogen der Geschichte. Real sind viele kleine Alltagssituationen, die Art oder der Code, wie eine Familie miteinander umgeht. Das hat mich als Regisseur interessiert. Diesen Code kann man nicht künstlich herstellen. Wie schaut man sich an, wie berührt man sich in einer Familie? Bei Spielfilm-Drehs müssen sich die Schauspielerinnen und Schauspieler zuerst anwärmen, bis sie sich getrauen, einander zu berühren. Diesen Code wollte ich aus dem realen Leben übernehmen. Die Selbstverständlichkeit des Umgangs hat mich interessiert. Wobei wir beim Dreh, wie bei einem normalen Spielfilm, jede Szene acht, neun Mal wiederholt haben. Es hat mich erstaunt, dass meine Söhne das konnten.

Die haben ja auch schon Schultheater gespielt.
Ja. Und real sind auch viele Motive. Aber sie sind übertrieben. Dass viele Eltern sich fragen, wieviel sie ihren Kindern helfen sollen, dieses Dilemma kenne ich sehr gut. Aber es wäre uns niemals eingefallen, selber die Maturaarbeit zu schreiben. Das Übertreiben fand ich spassig. Ich habe den Vater machtloser gemacht, als ich es wohl im realen Leben bin. Dabei spürte ich die Lust am Spielen, wie sie auch Kinder oft haben. Situationen, wie sie im Film zweimal vorkommen, dass der Vater sagt, stellt jetzt den Fernseher ab und hört auf zu gamen, und die beiden reagieren überhaupt nicht: Das kam im realen Leben nie vor.

Mir ist eine Blockade-Situation stark in Erinnerung geblieben: Die älteren Söhne verbarrikadieren sich in ihren Zimmern, die Eltern warten draussen vor verschlossenen Türen. Haben Sie das erlebt?
Dass sich ein Sohn einsperrt? Nein, das ist nur weiter gedacht. Ich denke, es ist normal, dass junge Menschen auf der Suche nach ihrer Identität auch physisch zeitweise zumachen. Meine Frau Ruth Schweikert hat ja noch zwei ältere Söhne. Ich kann mich erinnern, dass der eine, als er zum ersten Mal wählen gehen konnte, eine Partei wählte, die wir nie und nimmer wählen würden. Würde man sich Kinder wünschen, die ein Abbild von einem selbst sind? Das ist eigentlich eine schreckliche Vorstellung.

Diesen Wunsch hat man aber schon auch. Nicht gerade, dass die Kinder Abbilder sind, aber man hat doch Vorstellungen, wie sie sein sollen.
Von den paar fundamentalen Werten, die man sich erhalten oder geschaffen hat, Mitgefühl haben mit anderen etwa, teilen können, nicht nur über Ellbogen verfügen – ja sicher, das hoffe ich, dass unsere Kinder davon etwas haben. Aber ansonsten glaube ich, man muss es akzeptieren, dass die Kinder ihren eigenen Weg suchen oder das sie sich, gerade wenn die Eltern starke Persönlichkeiten sind, abwenden. Im kleinen, familiären Bereich, aber auch im Gesellschaftlichen. Wir leben einerseits in einer grenzenlosen Freiheit. Ich weiss nicht, wieviele Joghurtsorten diesen Herbst wieder neu lanciert werden. Wie komme ich mit dieser Freiheit zugange? Da besteht ein wahnsinniger Druck, seinen Platz zu finden. Ein Beispiel, das ich oft bringe, ist das Autostoppen. Das habe ich sehr ausgiebig gemacht. Würden meine Söhne per Autostopp durch Europa reisen, hätte ich wahrscheinlich grosse Angst um sie. Ein Autofahrer, der heute einen Autostopper mitnimmt, steht fast schon im Verdacht, unlautere Absichten zu haben. Ich hatte höchstens Angst, er könnte ein schlechter Autofahrer sein.

«Wir leben in einer grenzenlosen Freiheit. Da besteht ein wahnsinniger Druck, seinen Platz zu finden.»Eric Bergkraut, Filmregisseur und Schauspieler

Man hört manchmal die Ansicht, es sei heute für die jungen Leute schwieriger geworden sich abzugrenzen, vielleicht auch, weil die Älteren so lange wie möglich jung bleiben wollen.
Ich bin neugierig, welches Familienmodell unsere Söhne eines Tages leben werden. Ich glaube, es ist sehr gefährlich, zu genaue Erwartungen zu haben, was aus den Kindern werden soll. Was natürlich nicht bedeutet, dass es einem egal wäre. Es ist auch keine Frage von links oder rechts. Es gibt Beispiele von grossen politischen Figuren, wo die Kinder ganz anders herauskamen, als die Politiker es sich gewünscht hätten. Ich finde, das ist ein recht weites Feld. Und ich glaube, Vertrauen in die eigenen Kinder zu haben, ist etwas Zentrales. Frauen sind darin besser als Männer.

Vertrauen kann schwierig sein, wenn wir nun wieder an den Film denken. Da erinnern die Verhältnisse schon eher an eine Revolution. Die Jungen übernehmen die Macht und lassen sich nichts mehr sagen. Das ist wahrscheinlich auch ein gesellschaftlich notwendiger Prozess. Gleichzeitig sind sie aber hilflos und erwarten, dass man ihnen Dinge abnimmt.
Es ist ein gut erforschtes Phänomen, dass die Jungen in den Industrieländern heute länger zuhause bleiben. Nicht nur in Italien, wo ihnen das Geld fehlt – man bleibt einfach gerne länger im Nest. Einerseits körperlich schon so erwachsen zu sein, aber innerlich noch nicht, das ist nicht ganz unkompliziert. Revolution, ja, es gibt ja die Szene, wo wir mit Waffenattrappen rumrennen und ich rufe, «I am done, I am done» (Ich bin erledigt). Braucht ein Sohn den Vatermord, um selber gross zu werden? Ich glaube schon, dass es solche Momente braucht und dass man sie aushalten muss. Die Szene im Film war weitgehend improvisiert. Sie hat etwas von einem Vatermord, gleichzeitig ist es ein Moment der Nähe, von gemeinsamer Kraft.

Solche Gefühle sind immer widersprüchlich, sie lassen sich nicht auf einen Nenner bringen.
Psychologen, die den Film gesehen haben, sagen, die Figuren stehen ja alle im Bezug zueinander. Schlimm sind die Familien, in denen es keine Bezogenheiten mehr gibt. Über Fragen der Autorität habe ich oft nachgedacht. Das Familienmodell, bei dem der Vater weitgehend abwesend ist, vor allem als Autoritätsinstanz auftritt und am Abend mit den Kindern schimpft, finde ich völlig uninteressant. Aber Autorität aus der Interaktion und aus dem Alltag heraus herstellen, das ist eine grosse Herausforderung. Man ist da weniger eine Projektionsfigur, die Kinder erleben auch meine Schwächen. Ich glaube, in dieser Hinsicht hat die Gesellschaft einen Wandel durchgemacht, was ich positiv finde. Aber das bringt natürlich, gerade in einer Ablösungsphase, viele Themen auf das Tapet.

Der Film ist aus der Sicht der Eltern gemacht. Man erfährt nicht, wie die Kinder über die Eltern denken. Warum haben Sie das so gemacht?
Darauf hat Ruth Schweikert insistiert. Bei Heranwachsenden weiss man oft nicht, was sich in ihrem Kopf abspielt. Weil wir ja doch federführend waren – auch wenn die Söhne sich einbringen konnten –, fanden wir, dass es korrekter ist, wenn wir nicht noch schnell zu erklären versuchen, was die eigentlich denken. Der Film nimmt daher ganz konsequent die Perspektive der Eltern ein. Soll ein Film eine künstlerische Dimension haben, ist diese Konsequenz entscheidend. Man sieht nie die Jungen allein im Zimmer, man erfährt nicht, was sie machen. Das geht bis in jede einzelne Kameraeinstellung: Wenn etwa die Mutter nach Hause kommt, steht die Kamera nicht schon in der Wohnung drin und zeigt von dort, wie sie herein kommt, sondern die Kamera geht zusammen mit der Mutter hinein. Es ist ein wesentlicher Teil bei der filmischen Arbeit, die Gesetze herauszufinden, die genau dieser Film hat, und sie dann anzuwenden. Und sie vielleicht am Ende zu durchbrechen.

Do, 5.12., 18 Uhr. Fr, 6.12., 20.15 Uhr: Nach dem Film Gespräch mit Eric Bergkraut, Ruth Schweikert und Familienberater Henri Guttmann. Kino Cameo, Lagerplatz.

Erstellt: 03.12.2019, 13:38 Uhr

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