Zum Hauptinhalt springen

Kistler-CEO: «Am wichtigsten ist jetzt der Schutz der Mitarbeitenden»

Im Interview erklärt Kistler-CEO Rolf Sonderegger, wie das Virus die Geschäfte stört und warum er seine Mitarbeiterkreuzfahrt trotzdem nicht absagen will.

Für Kistler-CEO Rolf Sonderegger ist die Corona-Krise ein "Perfect Storm" - einen Vorfall also, bei dem sich verschiedene Einzelfaktoren gegenseitig drastisch verschlimmern.
Für Kistler-CEO Rolf Sonderegger ist die Corona-Krise ein "Perfect Storm" - einen Vorfall also, bei dem sich verschiedene Einzelfaktoren gegenseitig drastisch verschlimmern.
Marc Dahinden

Gäbe es die Corona-Krise nicht, wo auf dem Globus wären Sie heute?

Rolf Sonderegger: Ursprünglich hätte ich heute in Taiwan sein sollen, genauer in Taipei, wo wir unser Hauptbüro haben. Diese Reise haben wir aber vor drei Wochen geknickt, in Anbetracht der Ausbreitung des Virus. Dann war der Plan, dass ich an der Westküste der USA Kunden besuchen. Letzte Woche haben wir auch das gestrichen. Jetzt bin ich also hier in Winterthur.

Für die Automobilbranche, Ihren wichtigsten Kunden, hat sich die Krise durch das Virus verschärft. Welche Auswirkungen hat das heute auf Ihren Betrieb?

Man muss das Gesamtbild sehen: Wir sind in einem «Perfect Storm». Die Automobilindustrie ist schon letztes Jahr stark in Mitleidenschaft gezogen worden, durch Überkapazitäten und einen Nachfragerückgang in China. Die Corona-Krise hat nun noch einmal alles verschärft. Der US-Dollar und der Euro sind unter Druck, die Aktienmärkte sind in den Keller gerauscht. Viele Komponenten überlagern sich. Der Automobilmarkt liegt derzeit total darnieder, insbesondere in China gibt es Rückgänge von bis zu 80 Prozent.

Und was bedeutet das, haben Sie in der Schweiz Kurzarbeit beantragt?

Nein, in der Schweiz bisher nicht, hier ist die Auslastung im Moment noch nicht so schlecht. Aber wir haben an zwei deutschen Standorten Kurzarbeit.

Zuletzt wollte Kistler vor allem in China wachsen, in Shanghai haben Sie letztes Jahr ein neues Geschäftsgebäude bezogen, auch einen Produktionsstandort betreiben Sie. Wie stark sind dort derzeit die Verwerfungen?

In China kehren wir schrittweise zum Normalbetrieb zurück. Der Standort China war total ausgefallen, heute bewegen wir uns auf einen ordentlichen Betrieb zu, wenn auch mit Einschränkungen.

Was sind das für Einschränkungen?

Im Prinzip dieselben, wie wir Sie hier auch haben. Wir haben strenge Hygienevorschriften, vermeiden Menschenansammlungen, es gibt Vorschriften zu Homeoffice und physische Kundenbesuche sind vorderhand noch die Ausnahme. Die Produktion aber ist wieder angelaufen.

Sie haben weltweit Standorte in zahlreichen Ländern, wie viele Kistler-Mitarbeitende sind aktuell unter Quarantäne?

Das ist schwierig zu sagen, denn die Quarantäne wird lokal ausgelöst und die Bereiche sind in Eigenregie dafür verantwortlich. Aktuell haben wir einen Verdachtsfall in Skandinavien. Was ich sagen kann: Sämtliche Produktionsstandorte sind noch operativ.

Kistler arbeitet in der Produktion der Drucksensoren am Standort Wülflingen unter Reinraumbedingungen. Lassen sich Ansteckungen im Arbeitsumfeld problemlos vermeiden – oder ist das ein Trugschluss?

Die Mitarbeitenden arbeiten dort zwar unter hochreinen Bedingungen, aber sobald sie rauskommen, sind sie den üblichen Umweltbedingungen aufgesetzt. Ich rechne nicht damit, dass das einen Einfluss hat.

Was planen Sie, wenn sich die Infektionen häufen und der Bund eine Ausgangssperre oder eine ähnlich drastische Massnahme verhängt?

Unser Primärziel ist der Schutz unserer Mitarbeitenden, insbesondere der älteren Mitarbeitenden mit Vorerkrankungen, die wir speziell schützen, etwa indem wir ihnen präventiv Homeoffice bewilligen. Dann haben alle grösseren Standorte einen Notfallplan, der definiert, was zu tun ist, wenn ein bestätigter Fall auftritt. Die Problematik ist, dass wir uns in vielen Ländern, auch in der Schweiz, nicht mehr testen lassen können. Wir müssen darum schon bei einem begründeten Verdacht entsprechende Massnahmen treffen. Sollte sich der Verdacht erhärten, kann das bis zur kompletten Schliessung des Standorts gehen.

Was bedeutet das für die Mitarbeitenden, Zwangsferien?

Die entsprechenden Mitarbeitenden, die Homeoffice machen können, für die wäre es kein Problem. Für die anderen sind wir in Abklärung, wie wir das Problem arbeitsrechtlich lösen.

Wir reden sonst über Steuern, Parkplatzzahlen, das Angebot an Baugrundstücken, also über Rahmenbedingungen. Taucht die Krise diese Überlegungen in ein anderes Licht?

Nein, jetzt gerade sind wir mit dieser Krise vollumfänglich beschäftigt, wir sehen das aber als Momentanthema. Die Normalität wird wieder einkehren, die Krise hat keinen Einfluss auf die Standortüberlegungen. Es wird hingegen auf den Geschäftserfolg 2020 einen erheblichen Einfluss haben.

Einmal mehr wird eine grosse Wirtschaftskrise global ausgelöst, das war schon bei der Finanzkrise 2009 so.

Ja, wir sind in einer vergleichbaren Situation wie 2009. Wir als inhabergeführtes Unternehmen haben den Vorteil, dass wir nichts überstürzen müssen und von kurzfristigen Massnahmen wie Entlassungen absehen können. Wir erwarten, dass sich das Geschäft erholt, wenn wird den groben Einschnitt der Corona-Krise hinter uns haben. Die Welt, davon bin ich überzeugt, wird sich durch das Virus langfristig nicht ändern.

Zuletzt machten Wegzüge grosser Firmen Schlagzeilen in Winterthur. Steht der Standort, auch unter den ungewissen Zukunftsaussichten, in Frage?

Nein, das ist jetzt für uns nicht der Moment für eine Standortdiskussion. Wir haben im Kanton Zürich steuerlich nach der letzten Abstimmung in einer schlechten Situation. Wir erwarten, dass die Steuerbehörden das anerkennen und ihre Ermessensspielräume ausüben, wie es sie mit den Patentboxen, dem Entwicklungskostenabzug oder dem Eigenkapitalabzug gibt. Wir sind ein Land, das seinen Wohlstand mit Kreativität und Innovation erworben hat. Das muss weiter möglich sein.

Sind Sie in so einer Krise froh um den Standort Schweiz, mit seinen verlässlichen Behörden und dem ausgebauten Gesundheitssystem?

Der Stresstest steht unserem Gesundheitssystem noch bevor – wie auch dem deutschen. Das italienische Gesundheitssystem steht dagegen vor dem Kollaps. Das alles entzieht sich unserer Kontrolle. Ich denke, man darf die Lehren aus China nicht unterschätzen. Die haben harte Massnahmen getroffen und jetzt das Gröbste hinter sich.

Sie planen im Oktober eine Kreuzfahrt mit der ganzen Belegschaft, ist dieses Projekt noch realistisch?

Das ist eine gute Frage. Grundsätzlich sollten wir uns nicht von kurzfristigen Überlegungen leiten lassen. Vor zwei Monaten war Corona für mich noch eine mexikanische Biermarke, heute regiert das Virus die Welt. Stand heut ist der Plan, dass wir die Kreuzfahrt durchziehen. Wenn es aber Hinweise gibt, dass das unsere Mitarbeitenden gefährdet, werden wir die Kreuzfahrt absagen. Es ist jetzt aber zu früh, um das zu entscheiden.

Über 1800 Personen haben sich angemeldet. Das sind rund 80 Prozent der Belegschaft, konzentriert an einem Ort, ist dieses Risiko nicht generell eher hoch?

Es gibt im Leben nichts, das kein Risiko darstellt. Wenn ich die Gelegenheit, das erste und vermutlich einzige Mal alle Mitarbeitenden zusammenzubringen, gegen das Risiko abwägen müsste, dass das Schiff sinkt, würden für mich die Chancen überwiegen. Vor dem Hintergrund der Corona-Krise hingegen müssen wir uns die Frage tatsächlich neu stellen.

Arbeiten sie an einem Plan B für das Jubiläumsjahr?

Im Moment sind wir mit allen Händen und Köpfen beschäftigt die Corona-Krise zu bewältigen. Bis heute gibt es darum keinen Plan B.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch