Winterthur

Klangreise im Fernen Osten

Gastauftritte in den Nachbarländern gehören für das Winterthurer Orchester zu den normalen Verpflichtungen. Letzte Woche aber ging die Reise nach Südkorea und Japan – eine besondere Heraus­forderung.

Freude herrscht: Das Musikkollegium mit Solist Andreas Ottensamer und Konzertmeister González Monjas im Daegu Concert House.

Freude herrscht: Das Musikkollegium mit Solist Andreas Ottensamer und Konzertmeister González Monjas im Daegu Concert House. Bild: Herbert Büttiker

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Dreizehn Stunden dauerte die Flugreise nach Südkorea. Weiter ging es fünf Stunden mit dem Car zur Grossstadt Daegu. Am Dienstagmittag kam es in der Probe im Konzertsaal zum ersten Zusammentreffen mit dem Solisten des Konzerts, dem Klarinettisten Andreas Ottensamer. Am Abend das erste Konzert. Am Tag danach das zweite in Tokio, am Donnerstag das dritte in Osaka. Schinkansen, der Hochgeschwindigkeitszug, der die 500 Kilometer von Tokio nach Osaka in 2 Stunden 20 Minuten zurücklegt, könnte als Symbol für das Reiseprogramm gelten, das bereits am Freitag mit dem Rückflug zu Ende ging.

Für Erholung oder gar Sight-Seeing blieb da kaum Zeit, und zusammenfassend ist nach diesen Tagen festzustellen: Eine Konzerttournee wie diese ist eine Geschäftsreise. Alles war fokussiert auf die wenigen Stunden, auf die es ankam, auf die drei Aufritte in den grossen und grossartigen Sälen, vor einem aufmerksamen Publikum, das sich internationale Begegnungen gewöhnt ist und das man gewinnen musste.

Die Sorge um die Bestform für das Konzert war ein dominierendes Thema im Gespräch mit den Musikern, wenn man sie auf die strapaziöse Reise ansprach. Manche bedauerten auch, dass keine Zeit zur Verfügung stand, um sich am Ort mehr umzusehen.

Positives Fazit

Über Sinn und Zweck solcher Reisen und darüber, wie es zu diesem gedrängten Gastspiel im Fernen Osten kam, sprachen wir mit Samuel Roth, dem Direktor des Musikkollegiums, der das Orchester begleitete. Er räumte ein, die Planung sei nicht restlos aufgegangen, weil sich ein chinesischer Veranstalter spät zurückgezogen habe. Was die konkreten Termine betrifft – drei Konzerte an drei Tagen hintereinander – habe man auf die Wünsche der Veranstalter Rücksicht nehmen müssen. Trotzdem ist sein Fazit positiv. Die finanzielle Bilanz fällt dank der Unterstützung des Projekts durch Pro Helvetia, den Lotteriefonds und dank der Übernahme der Spesen durch die Veranstalter vor Ort in der Betriebsrechnung positiv aus.

Auf der künstlerischen Seite sieht sich Roth in der Einschätzung des Orchesters bestätigt, und man kann ihm, was Professionalität, spieltechnisches Niveau und musikalische Energie, die es scheinbar unerschöpflich mobilisieren kann, ja auch nur beipflichten. Und umgekehrt sieht Roth solche Gastspiele als Gelegenheit, an eben diesen Qualitäten zu arbeiten.

Offene Fragen

Roth denkt weiter auch an die soziale Dynamik und hofft, dass die spezielle Herausforderung und das gemeinsame Unterwegssein auf der Tournee den Teamgeist stärken und das Orchester zusammenschweissen. Dies alles steigere, meint Roth, die musikalischen Qualität des Orchesters, was auch dem Publikum zu Hause zugute komme. Eher enttäuscht dürfte man in Winterthur von der Botschafterfunktion des aufwendigen Asien-Gastspiels sein. Er habe vergeblich versucht, die Standortförderung ins Boot zu holen, erklärt Roth. Es zeige sich auch, dass das Musikkollegium für Japan eben nicht das Zürcher Opernhaus sei oder die Berliner Philharmoniker – Marken, die alles von selbst in Bewegung setzen. Die Schweizer Botschaft in Japan habe auf sein Mail nicht einmal geantwortet. Wie viel der Glanz des Augenblicks auf längere Sicht zum Renommee des Orchesters beiträgt, ist schwer abzuschätzen.

Zu berücksichtigen ist aber auch, dass das Winterthurer Orchester eigentlich «nur» als Begleitung des in Japan und Korea bekannten und zumal von einem jüngeren Publikum umschwärmten Klarinettisten Andreas Ottensamer unterwegs war. Dieser hatte das Projekt initiiert und mit seiner Agentur in die Wege geleitet. Zumindest was die Werbung betraf, musste sich das Orchester mit dem undankbaren zweiten Rang begnügen.

Eröffnung und Abschluss hatte das Orchester aber für sich. Die drei Klariettenwerke von Johann Stamitz, Franz Danzi und Carl Maria von Weber dazwischen waren gut gewählt. Ottensamer beherrschte die Mitte des Podiums, schmeichelte sich beim Publikum mit ausdrucksvoller Klanggebung im Leisen ein und blendete es mit unerhörter Geläufigkeit. Aber eine Ein-Mann-Show bot er nicht. Das Musikkollegium, das er in der Saison 2015/16 als Artist Residence näher kennen und schätzen gelernt hatte, war sein Wunschpartner, und so behandelte er es auch. Das war am Dienstag zu beobachten, als man sich zur einzigen Probe fürs Konzert traf und auf Augenhöhe gemeinsam am Detail feilte – mit vollem Erfolg, wie die sprühende Lebendigkeit der Aufführungen am Abend zeigte.

Vom Dacapo träumen

Effektvoller, mitreissender als mit Beethovens Feuergeist der «Coriolan»–Ouvertüre und der 7. Sinfonie kann ein Konzert nicht beginnen und nicht schliessen. Das gilt erst recht, wenn das Orchester mit seinem Konzertmeister und Dirigenten Roberto González Monjas spielt. Er steuerte die fein abgestimmte innere Kommuniaktion in allen Nuancen ebenso hellhörig wie die dynamische Spannung und Tempodramaturgie im Grossen.

Die Mischung aus Spontaneität und subtiler Kontrolle, die das Musikkollegium vermittelte und die exquisite klangliche Präsenz auch in solistischen Passagen waren offensichtlich ein besonderes Erlebnis für das asiatische Klassik-Publikum. Gerade das japanische gilt als eher reserviert. In Erinnerung bleiben Begeisterung, stürmischer Applaus, die lange Schlange der Gratulanten und Autogrammjäger am Künstlerausgang. Mancher und manche im Orchester träumen auch schon vom Dacapo. ()

Erstellt: 08.12.2017, 15:50 Uhr

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