Kino Cameo

Lara Stoll steckt fest

Der Film «Das Höllentor von Zürich» von und mit der Slampoetin Lara Stoll ist ein farbiger Psychotrip, der vor allem mit seinen assoziativen Bildwelten überzeugt.

Ungemütlich: Nur die Flucht in die Welt der Bilder bietet einen Ausweg aus der Enge.

Ungemütlich: Nur die Flucht in die Welt der Bilder bietet einen Ausweg aus der Enge. Bild: PD

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Lara Stoll, gespielt von ihr selbst, hat ein Problem: Als sie Haare in den Abfluss der Badewanne hinunterstossen will, bleibt der Finger stecken. Durch das schwarze Loch, bei dem man unweigerlich an Hitchcocks «Psycho» denkt, dringt ein Schwall aus unbewussten Bildern, Erinnerungen und Visionen nach oben – es ist das vom Titel versprochene Höllentor. Eine klaustrophobische Situation, die man als Zuschauer aushalten muss. Auch ganze Flaschen Duschmittel und Shampoo, als Schmiermittel eingesetzt, nützen nichts, sie bekommt den Finger nicht raus.

Die Handlung des rund neunzigminütigen Low-Budget-Films orientiert sich an «127 Hours» von Danny Boyle, in dem ein Extremsportler in einer Felsspalte feststeckt. Zum Glück hat Stoll zuvor den Computerbildschirm an die Badewanne gestellt. So kann sie – gefiltert durch den Duschvorhang – den Eurovision Song Contest mitverfolgen. Es ist die Ausgabe Kiew 2017, für die sie sich erfolglos beworben hatte. «Friendship is magic» erfahren wir in einem Song, der gerade läuft. Dem würde sie wohl zustimmen, aber Stoll ist allein in der Wohnung und hat offenbar keine Freunde, die sie vermissen. Zunächst scheint es, als könnte sie sich selbst helfen: Den Snack, der ihr aus der Hand rutscht, kann sie mit Hilfe der WC-Bürste zurückholen.

Beeindruckend, wie nun die Spielmöglichkeiten ausgenutzt werden, die sich im engen Raum bieten, etwa wenn sich Stoll in den Chromstahl-Armaturen spiegelt und sich auf das nahe Klo zwängt, oder wenn die Kamera dem Wasserrohr nachfährt. Als mitleidender Zuschauer freut man sich über jede Flucht der Kamera, und sei sie noch so kurz, in den Verdauungstrakt zum Beispiel oder durch das Schlüsselloch aus der Wohnung über das Haus und die angrenzende Europaallee hinaus in den Himmel von Zürich.

Ironie mildert die Härte

Es wird schnell deutlich, dieser Unfall ist kein Zufall. Stoll steckt fest in ihrem Leben, und ein Ende ist nicht abzusehen. Sie selbst ahnt es: «2018, 2019, 2020 – geht das nun immer so weiter?» Aber der Ausweg in die metaphorische Ebene wird dem Zuschauer nicht gestattet, er muss Zeuge sein von Angst und Schmerzen, die so real sind wie das Blut, mit dem Stoll später «Eurovision Song Contest» an die Wand schreiben wird.

«Das Loch hat das ganze Leben auf mich gewartet.»Lara Stoll als Lara Stoll

Zum Glück wird die Zwangslage ironisch gebrochen: Zum Klo-Versuch erklingt der Song «What a Wonderful World», danach rinnt flüssige Scheisse in die Schüssel. Der ganze Film ist ein Spektakel. Resigniert, aber doch einigermassen klar bleibt die Stimmung im Kopf der Protagonistin, die ihren Witz nicht verliert. Das ist an ihrem inneren Monolog abzulesen, der stets mitläuft: «Das Loch hat das ganze Leben auf mich gewartet.»

Spielerisch

Der Film überzeugt vor allem durch seinen Humor, mit unkonventionellen Perspektiven, vielen visuellen Details und der Montage von assoziativen Bildwelten, die zeitweise ähnlich wie bei einem Spielautomaten in drei senkrechten Streifen über die Leinwand laufen und dem Betrachter eine Auswahl an Deutungsmöglichkeiten bieten, die befreiend wirkt (Regie: Cyrill Oberholzer). Hübsch ist auch die Konfrontation mit einem Interview bei Tele Züri, in dem Stoll über den Film und ihre Ambitionen als Sängerin spricht.

Etwas überspannt wirkt der Bogen, wenn am Schluss nicht nur 9/11 und das Orakel von Delphi, sondern auch noch der Psychoanalytiker C. G. Jung und das Guggisberglied aufgeboten werden, um der existenziellen Sinnsuche Ausdruck zu verleihen, begleitet von der Musik Bachs und dem Song «Campari Soda». Da halten wir es dann doch lieber mit dem Schauspieler Shia LaBeouf, der im Videoclip wie ein überdrehter Motivationstrainer schreit: «Just do it!» (Landbote)

Erstellt: 04.09.2018, 15:42 Uhr

Das Höllentor von Zürich

Freitag, 22.30 Uhr, Kino Cameo, Lagerplatz; anschliessend Gespräch mit Lara Stoll und Regisseur Cyrill Oberholzer. Der Film wird am 5.10. noch einmal gezeigt.

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