Kunst

Leichtfüssig und tonnenschwer

Rund eine halbe Million Besucher zieht die Bad Ragartz an. Die alle drei Jahre stattfindende Skulpturenausstellung steht diesmal unter dem Motto «Eile mit Weile – Verweile». Auch zwei Künstler mit engem Winterthurer Bezug sind dabei.

Wie ein archaisches Tor in einer Landschaft, die zum Wandern einlädt: RRK400/2017, Stahlskulptur vo

Wie ein archaisches Tor in einer Landschaft, die zum Wandern einlädt: RRK400/2017, Stahlskulptur vo

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Über 400 Exponate von 77 Kunstschaffenden aus 17 Ländern sind zurzeit in und um Bad Ragaz sowie in Vaduz zu besichtigen. Bequeme Schuhe und Ausdauer gehören unbedingt zur Ausrüstung – und je nach Wetter ein Sonnen- oder Regenschutz, denn die meisten Werke befinden sich unter freiem Himmel.

Die Kunstshow ist in vielerlei Hinsicht einzigartig. Noch heute – nach knapp 20 Jahren – halten die Initianten, Esther und Rolf Hohmeister, die Fäden in Händen; sie organisieren und kuratieren die Ausstellung ohne Kunstfachleute. Das Ehepaar sagt von sich, dass es mit dem Herzen auswähle, und hat keine Mühe, einzugestehen, dass sie Amateure sind. Denn das sind ja nichts anderes als Liebhaber.

Familiäre Struktur

Die inzwischen drei Generationen umfassende Gründerfamilie pflegt seit Beginn freundschaftliche, teils langjährige Beziehungen zu Künstlerinnen und Künstlern, die wiederholt an der Triennale teilnehmen. So der bekannte, in Oberwil bei Nürensdorf wohnhafte Metallplastiker James Licini (Jahrgang 1937) und der Installationskünstler Christopher T. Hunziker (Jahrgang 1956), der in Birmensdorf wohnt und immer wieder in Winterthur in Erscheinung tritt.

Die Organisationsstruktur der Bad Ragartz ist familiär geblieben, trotz ihrer beachtlichen Grösse und ihrer grossen kulturellen wie auch wirtschaftlichen Bedeutung für die Region.

Die leichtfüssige, weil populäre, zugleich tonnenschwere Ausstellung hilft Berührungsängste gegenüber der Kunst abzubauen und spricht mit ihrem Begleitprogramm, darunter Führungen und Kinderworkshops, unterschiedlichste Zielgruppen an: Kurgäste, Tagesausflügler, Durchreisende und Kunstinteressierte.

Fokus auf der Metallplastik

Nebst einer grossen Bandbreite an figurativer wie auch abstrakter Holz- und Steinbildhauerei ist in diesem Jahr vor allem die Metallplastik vertreten, unter anderem mit Riccardo Cordero, Giò Pomodoro, Pavel Schmidt, Thomas Schönauer, Sonja Edle von Hoessle. Im Alten Bad Pfäfers findet parallel zur Triennale das Festival der Kleinskulpturen statt und in der Taminaschlucht die magisch anmutende Multimediashow «Light Ragaz». Die Künstler James Licini und Christopher T. Hunziker verbindet – auf unterschiedliche Art – viel mit Winterthur, auch wenn sie nicht auf Stadtgebiet beheimatet sind.

James Licini wohnt zwar ausserhalb von Winterthur, fühlt sich jedoch als Metallplastiker eng mit der ehemaligen Industriestadt verbunden. Er erlernte die Metallbearbeitung schon in jungen Jahren von der Pike auf – zuerst als Schmied, dann als Eisenleger auf dem Bau, später als Kassen- und Bauschlosser.

Die perfekte handwerkliche Ausführung gehört zu seinem Arbeitsethos, ebenso die kompromisslose Schnörkellosigkeit, die das Material sprechen lässt. In seiner Wohnküche hängt eine Reproduktion von Kasimir Male­witschs berühmtem «Schwarzen Quadrat». Ebenso beeindruckt ist er von Robert Rymans minimalistischen Gemälden, die in den 1990er-Jahren in den Hallen für Neue Kunst in Schaffhausen zu sehen waren. Seine eigene reduzierte Formensprache fand Licini 1985, die er seither als «Stahlbau» bezeichnet.

Licini hatte diverse Auftritte mit seiner Kunst in Winterthur: Im Jahr 1996 wurde er mit einer Einzelausstellung in der Bank Leu beehrt. Im darauffolgenden Jahr stellte er zusammen mit Gregor Frehner in der Galerie GE (die damals von Marie-Louise Wirth geführt wurde) aus. Zudem ist er seit Jahren durch die Galerie Weiertal vertreten.

Obschon Licini seit elf Jahren in der Nähe von Winterthur wohnt und ein Künstler von Rang und Namen ist, gibt es von ihm kein Kunstwerk im öffentlichen Raum.

Zurück zu Doppel-T-Trägern

Was die Bad Ragartz anbelangt, so gilt Licini als Urgestein: Seit der ersten Triennale im Jahr 2000 zählt er fix zum Programm. Seine zweiteilige, aus viereckigen Rohren zusammengeschweisste Stahlplastik ragt aufgrund ihrer imposanten Höhe von 6,3 Metern und ihrer strengen Gradlinigkeit hervor. Wenn man die Basis betrete und hinaufschaue, erfahre man sie als Bau, meint der Künstler. Tatsächlich gemahnt seine Arbeit an ein archaisches Tor, obgleich sie nach oben offen ist.

Just in diesem Jahr zeichnet sich in seinem Schaffen die Rückkehr zu den stählernen Doppel-T-Trägern ab, die er zu Beginn der «Stahlbau»-Werkphase verwendete. Diese werden nicht geschweisst, sondern nur zugeschnitten und montiert. Für ihn bedeutet dies, sich als Künstler zurückzunehmen und die materialimmanente Schönheit unmittelbar zum Ausdruck zu bringen.

Lichtkünstler Hunziker

Christopher T. Hunziker hatte sein erstes Atelier von 1986 bis 1900 in der Hard (Wülflingen) und anschliessend bis 2003 auf dem Haldengut-Areal. In Winterthur kennt man ihn nicht nur als Künstler von sinnfälligen Lichtinstallationen wie den neonleuchtenden «Inshallah» und «Chaos Lines» im beziehungsweise vor dem Theater Winterthur, sondern ebenso von der Beschriftung «F 118» des Winterthurer Feuerwehrgebäudes und dem Kunst-am-Bau-Auftrag «Duell» im Sportzentrum Rennweg.

Hunziker war lange Zeit im Vorstand der Künstlergruppe Winterthur und hatte bis vor kurzem die Geschäftsleitung desForums Architektur Winterthur inne. Vor einigen Wochen wurde er in die Kunstkommission der Stadt Winterthur gewählt.

Seine im Kurpark von Bad Ragaz stehende Arbeit erinnert stark an die Rauminstallation «Small Labyrinth», die 2012 vor dem Gewerbemuseum Winterthur und 2013 am Skulpturen- Symposium Winterthur gezeigt wurde, stellt aber eine formale und inhaltliche Weiterentwicklung dar.

Mit Umgebungslicht

Mit dem Titel «Diogenes und Daedalos» verweist der Künstler einerseits auf den ersten legendären Architekten, den Schöpfer des minotaurischen Labyrinths, andererseits auf die historisch verbriefte Figur des in einem Fass wohnenden Philosophen, dem nachgesagt wird, er habe Alexander den Grossen gebeten, ihm aus der Sonne zu gehen.

Das Besondere an Hunzikers Exponat ist nicht nur der Einbezug des Umgebungslichts, das durch die Schlitze der konzentrischen Kreise fällt, sondern dass er Gehäuse ausstellt.

Das Thema der Orientierung im Raum, inspiriert durch die «Carceri» von Giovanni Battista Piranesi, war bereits Gegenstand seiner Einzelausstellung in der Kunsthalle Winterthur 1990, womit sich der Kreis im eigentlichen Sinn des Wortes schliesst.


www.badragartz.ch. Bis 4. 11. (Der Landbote)

Erstellt: 26.08.2018, 17:19 Uhr

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