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«Madame Coucou» gibt den Takt an

Sie leitet mit 28 Jahren ihr eigenes Magazin, gibt in zwei Monaten ihr erstes Buch heraus und schliesst bald das Masterstudium ab. Sandra Biberstein ist die stille Macherin, die alle kennt.

Sandra Biberstein ist häufiger unterwegs als zu Hause.
Sandra Biberstein ist häufiger unterwegs als zu Hause.
Enzo Lopardo

Wer in Winterthur «etwas mit Kultur» macht, kommt an Sandra Biberstein fast nicht vorbei. Die 28-Jährige ist, neben vielem anderem, Redaktionsleiterin des Winterthurer Kulturmagazins «Coucou». Geht man an eine kulturelle Veranstaltung, ist die Chance, die Winterthurerin mit den langen braunen Haaren anzutreffen, relativ gross. «Ich bin häufiger unterwegs als zu Hause», erklärt sie. Die lokalen Kulturhäuser sind sozusagen mein zweites zuhause.

Mit wenig Geld und Luxus leben

Einen Lohn kann das Magazin mit mittlerweile rund 850 Abonnenten keinem Mitarbeiter auszahlen. Rund 50 Autoren, Fotografen oder Illustratoren und viele mehr arbeiten jeden Monat ehrenamtlich an der neusten Ausgabe des «Coucou» mit. Die Fäden laufen bei Biberstein zusammen, die pro Monat um die 140 Stunden investiert, das entspricht einem Pensum von 70 Prozent.

Vom ursprünglichen Gründerteam sind nach viereinhalb Jahren nur noch Biberstein und Verlagslei­terin Melanie Staub übrig. Die zeitintensive Aufgabe ist schwierig mit anderen Projekten oder einer Vollzeitstelle zu vereinbaren. Für Biberstein ist dennoch klar: «Solange es Spass macht und ich genügend Geld habe, um meine Rechnungen zu bezahlen, mache ich weiter.» Das sei wohl die Idealistin in ihr. Wichtig ist ihr dabei, nicht das lokale Kulturschaffen zu vermitteln, sondern auch eine publizistische Plattform für junge Talente zu schaffen.

Die Masterstudentin, die sich ihr Studium von Anfang an selbst finanzierte, hat gelernt, mit wenig Geld und Luxus zu leben. Ihre Wohnung in einem ehemaligen Arbeiterquartier in Töss heizt sie beispielsweise nur mit einem Kachelofen.

«Keine Ahnung, ich machs einfach»

Biberstein spricht gerne über ihr Magazin, die Begeisterung ist spürbar. Wenn man sie aber auf ihre Person anspricht, wird sie zurückhaltend und bescheiden. Sie sagt dann Sätze wie: «Ein Magazin führen, das kann jeder» oder «Ich habe nicht mehr zu sagen als andere». Und auf die Frage, wie sie alles unter einen Hut bekommt – das «Coucou», den Nachtdienst beim «Landboten», das Studium, die Vorstandsarbeit beim Verein für Kulturvermittlung Winterthur, das Plattenauflegen im Kraftfeld – zuckt sie nur mit den Schultern und sagt: «Keine Ahnung, ich machs einfach.» In zwei Monaten erscheint zudem ihr 192-seitiges Buch zur Geschichte der Stiftung Kartause Ittingen. Eine Auftragsarbeit, an der sie ein Jahr lang gearbeitet hat.

Sie sei schon immer eher schüchtern gewesen. Als Journalistin und Redaktionsleiterin habe sie aber gelernt, selbstbewusst aufzutreten. «Noch vor zehn Jahren hätte ich mir nie zugetraut, ein eigenes Magazin zu leiten.» Trotzdem, am wohlsten fühlt sich Biberstein auch heute noch in der Rolle der Beobachterin und Zuhörerin. «Ich weiss oft viel mehr über andere, als sie über mich.» Oft tritt sie daher bewusst im Namen ihres Magazins auf, etwa wenn sie im Kraftfeld als DJane «Madame Coucou» auflegt. Das sei auch ein Selbstschutz. Wenn sie in Winterthur unterwegs ist, hört sie oft «Ah, d Sandra, die vom Coucou.» Wirklich kennen tun sie nur ihre engsten Freunde.

Kein Job im Büro

Im «Winti-Kuchen» vernetzt zu sein und trotzdem kritische Texte zu schreiben, ja, das gehe, findet Biberstein. «Journalismus ist sowieso immer subjektiv, vor allem im Kulturbereich.» Klar gebe es Texte, die sie abgebe, da sie die Leute hinter dem Projekt zu gut kenne. Und einige würden auf Kritik empfindlich reagieren. «Auch das gehört dazu.»

In einem Jahr muss Biberstein ihr Masterstudium in Kulturanalyse und Geschichte abgeschlossen haben, so will es die neue Regelstudienzeit. Was sie danach macht, weiss sie noch nicht. «Vielleicht ein neues Magazin gründen», sagt sie und lacht. Auf keinen Fall aber ein Job mit geregelten Bürozeiten. «Ich brauche meine Freiheit, um kreativ zu sein.» Ihre Inspiration holt sie sich bei spontanen Konzertbesuchen, Ausfahrten mit dem Rennvelo oder zuhause beim Gitarrespielen.

Nur das Reisen, das kommt zu kurz. Aber in dieser Stadt werde es ja auch nie langweilig. «Ich lebe seit 28 Jahren in Winterthur und entdecke trotzdem immer noch Neues.»

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