Winterthur

Mädchenschicksale und Frauengeschichten

Mit seiner Filmreihe um Andrea Arnold und Sofia Coppola beweist das Kino Cameo einmal mehr ein Flair für die Zeichen der Zeit. Die Werke der beiden Filmemacherinnen stehen für ein modernes und starkes Frauenkino.

Gelungenes Debüt: Szene aus Sofia Coppolas «The Virgin Suicides».

Gelungenes Debüt: Szene aus Sofia Coppolas «The Virgin Suicides». Bild: PD

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Die eine, Sofia Coppola, 1971 in New York geboren, entstammt einer US-amerikanischen Filme­macherdynastie italienischer Provenienz und wirkte seit früher Kindheit ganz selbstverständlich in den Filmen ihres berühmten Vaters Francis Ford Coppola mit.

Insgesamt achtmal stand sie für ihn vor der Kamera, man hat es ihr nicht unbedingt zum Guten gerechnet, und so hat sie 20-jährig die Schauspielerei mehr oder weniger definitiv an den Nagel gehängt. Dies allerdings nur, um sich vorerst als Fotografin zu versuchen und dann die Seite zu wechseln: 1998 stellte sie mit «Lick the Star» einen ersten Kurzfilm vor, ein Jahr später mit «The Virgin Suicides» ihren ersten langen Spielfilm. Mit ihrem zweiten Film, «Lost in Translation», holte sie 2004 einen Oscar für das beste Drehbuch.

Die andere, Andrea Arnold, ist rund zehn Jahre älter. Sie ist ein typisches britisches Working-Class-Kind, die Älteste einer vierköpfigen Kinderschar, die von ihrer Mutter weitgehend allein aufgezogen wurde. Arnold hat bereits als Jugendliche erste eigene Stücke geschrieben, begann 18-jährig, beim Fernsehen zu arbeiten, und wirkt zehn Jahre bei einer britischen TV-Show für Kinder mit, bevor sie sich 28-jährig am American Film Institute of Los Angeles Film in die Kunst des Filmemachens einweihen liess. 2004 holte sie 33-jährig mit ihrem Kurzfilm «Wasp» einen ersten Oscar, eine lange Liste weiterer Preise folgte.

Ziemlich grundverschieden nehmen sich die Lebenswege und Biografien von Sofia Coppola und Andrea Arnold also aus, auch unterscheiden sich ihre Filme stark in ihrer Machart und Erzählweise. Gleichwohl gehören sowohl Coppola wie auch Arnold zu denjenigen, die Cate Blanchett und Agnès Varda meinten, als sie vor einigen Wochen in Cannes ein bewegendes Plädoyer für mehr Gleichberechtigung in der Filmbranche hielten, dabei auch über die Statistiken gingen und von den wenigen sprachen, die sich auf dem männerdominierten Markt zu behaupten verstehen. Ihrer beiden Filme laufen regelmässig auf grossen Filmfestivals, finden meist auch den Weg ins Programmkino.

Stark, modern und erfolgreich

Und auch wenn die einzige Filmregisseurin, die in Cannes bisher eine Goldene Palme für den besten Langspielfilm holte, Jane Campion («The Piano») heisst, so haben Coppola und Arnold ebenda andere wichtige Preise geholt, Arnold etwa sowohl 2006 wie 2009 und 2016 – für «Red Road», «Fish Tank» und «American Honey» – den Preis der Jury.

Tatsächlich repräsentiert Coppola mit ihren oft ins Traumhafte driftenden Genrefilmen, zu denen die Romanadaption «The Virgin Suicides» ebenso gehört wie die Teenie-Crime-Comedy «The Bling Ring» und der etwas somnambule Historienfilm «The Beguiled», ebenso wie Andrea Arnold mit ihren sich in der Tradition des britischen Kitchen-Sink-Movies und in der Nachfolge von Ken Loachs kritischem Sozialkino bewegenden Autorenfilmen gleichermassen ein starkes, modernes und auch erfolgreiches Frauenkino.

Inhaltlich kreisen ihre Filme nicht selten um weibliche Befindlichkeiten. So etwa erzählt Coppola 1999 in «The Virgin Suicides» die irritierende Geschichte von fünf Schwestern, die im Vorstadtamerika der 1970er-Jahre in absolut beengenden, kleinbürgerlichen Verhältnissen aufwachsen und schliesslich alle Selbstmord begehen.

2013 greift sie in «The Bling Ring» die wahre Geschichte von fünf Upperclass-Jugendlichen auf, die sich 2008/09 einen Sport daraus machen, in die Villen von Hollywood-Prominenten einzubrechen, und «TheBeguiled» von 2017 schliesslich schildert auf den Spuren eines Romans von Thomas P. Cullinan («A Painted Devil»), welche Wirrnisse das Auftauchen eines verletzten Soldaten zur Zeit des amerikanischen Bürgerkrieges unter den Insassinnen und Leiterinnen eines Mädchenpensionates in Virginia bewirkt.

Weibliche Hauptfiguren

Auch Arnolds Filme kreisen fast immer um weibliche Hauptfiguren. So erzählt ihr Zweitling, der 2009 erschienene «Fish Tank», in erschütternder Weise aus dem Leben der 15-jährigen Mia, die als Hip-Hop-verrückte Tochter einer alleinstehenden Alkoholikerin von einer Karriere als Tänzerin träumt, selbstverständlich aber keine Chance hat; ihr erster Film, «Red Road», verfolgte drei Jahre früher die Geschichte einer Glasgower Security-Angestellten, die eines Tages auf den Überwachungsmonitoren einen Mann aus ihrer Vergangenheit erblickt.

Arnolds bisher letzter Film, «American Honey» (2016), der erste, der in den USA entstanden ist, erzählt von einer Gruppe junger Erwachsener, die mit Zeitschriften hausierend quer durch die USA tingeln – und, wenn sie nicht am Arbeiten sind, ein fast schon sektenmässig organisiertes, wildes Partyleben führen. Wie schon in «Fish Tank» hat Arnold die Hauptrolle einer Laiendarstellerin anvertraut.

Das Kino Cameo zeigt in den Monaten Juni und Juli einen Zyklus mit je vier Filmen der Regisseurinnen. Das ist gerecht, wenn man den beiden die gleiche Aufmerksamkeit zukommen lassen will, weil Arnold erst vier lange Filme realisiert hat, doch es ist bedauerlich, weil man auch von Coppola gern möglichst alles wiedergesehen hätte. Denn ein Wiedersehen mit diesen Filmen, die alle so speziell sind, dass sie sich schon beim ersten Anschauen unvergesslich in Erinnerung brennen, lohnt sich alleweil.


Kino Cameo, Lagerplatz. Dienstag, 5. 6., 20.15 Uhr: The Virgin Suicides. Donnerstag, 7. 6., 20.15 Uhr: American Honey und Einführung in die Reihe. Freitag, 8. 6., 18 Uhr: Red Road. Samstag, 9. 6., 18 Uhr: Somewhere.

Erstellt: 03.06.2018, 16:21 Uhr

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