Winterthur

Mit höchster Präzision verrückt

Der Dokumentarfilm «My Life Is a Gunshot» zeichnet ein vielschichtiges Porträt des Noise-Künstlers Joke Lanz, der in seinen Performances mit grosser Offenheit und Verletzlichkeit seinen Körper und seine Stimme, Musik und Geräusche einsetzt.

«What do you know about a good father?» Joke Lanz auf dem Rücken seines Sohnes Céleste.

«What do you know about a good father?» Joke Lanz auf dem Rücken seines Sohnes Céleste. Bild: PD

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Tritt Joke Lanz auf, summt, surrt, gurrt, dröhnt, knattert es aus den Boxen. Lanz selber schreit, lärmt, ächzt, stöhnt, lallt, lacht und macht, was der Mensch sonst an Geräuschen aus sich heraus bringt. Er erzählt und gibt Sätze von sich, denen nachzuhorchen sich lohnt. Etwa: «What do you know about a good father?» Das tönt dann etwa so:

Manchmal, aber nur manchmal, erinnert das, was Lanz tut, an Franz Hohlers «Totemügerli». Aber es ist heftiger. Denn Lanz performt schweisstreibend. Öfters zu zweit. Im Dokumentarfilm «My Life Is a Gunshot» etwa mit Shelley Hirsch oder Ute Waldhausen. Mit seinem Sohn Céleste. Und seit Jahren mit Christian Weber und Alex Babel als Dreimann-Band «Sudden Infant»: Geräusche. Beats. Sounds. Worte. Auch schon mal klatscht man sich auf der Bühne gegenseitig ab, sehr körperlich ist das, irgendwie animalisch. So sieht das im Trailer aus:

Vor dem Auftritt eine Umarmung: «Es wird schon gehen, wir können zur Not improvisieren.» Das ist alles sehr intensiv. Und so verrückt es auch daherkommt, so ist es doch extrem präzis und höchst musikalisch.

Mehr als Musik

Fragt man Lanz nach dem, was er da macht, bezeichnet er sich als Sound-Künstler. Fragt man andere, die es wissen müssen, weil sie den 1965 in Basel Geborenen seit Jahrzehnten begleiten, fallen Begriffe wie: Performance-Artist, Body-Art-Künstler, Klangkünstler. Und: «Musiker, der mehr als Musik macht». Als puristisch, laut, brachial bezeichnet man seine Kunst, meint aber auch, sie habe einem «Anflug von romantischem Potential»; am irrwitzigsten, vielleicht treffendsten ist aber wohl die Bezeichnung «Noise-Punk-Industrial-Dada».

Sie dürfte auch Lanz gefallen. Denn wenn man ihm in «My Life Is a Gunshot» zuhört, sind ihm Schubladisierungen und kleinbürgerliche Enge ein Gräuel. So wie seinem Vater, von dem er erzählt. Der ging liebend gern in die Berge und nahm ab und zu auch seinen Sohn mit, der als Kind noch Thomas hiess. Lanz war noch ein Teenager, als sich sein Vater das Leben nahm. Mit einem Sturmgewehr. Den Schuss, sagt Lanz, habe er wie alle im Dorf – die Familie war davor von Basel nach Wohlen gezogen – gehört, aber erst später begriffen, dass es das letzte Lebenszeichen seines Vaters war.

Ein Leben ohne Netze

Dieser Schuss wurde Lanz zur Warnung. Sich nicht einsperren, nicht gefangen nehmen zu lassen und stattdessen ein Leben ohne Netze zu versuchen: Punk war seine erste Ausflucht. Wenn er seinen Sohn Céleste heute fragt, ob er nicht doch vielleicht besser ein geregeltes Leben mit sicherem Job führen würde, rät dieser ihm davon ab. Auch davor warnt ihn der damalige Schuss: seinen Sohn nicht im Stich zu lassen.

Lanz hat Céleste bereits als Dreikäsehoch in seine künstlerischen Projekte miteinbezogen. Im Nachdenken über seine Vaterschaft entdeckte er das ewige Kind in sich und leitete daraus den Band-Name «Sudden Infant» ab, der zugleich der Name eines lebenslangen Projektes ist. Aus Kindersätzen kreierte er Songzeilen wie: «Schnäbi Gaggi Pissi Gaggi» und «Pischi alegge! Und Zää putze nöd vergässe!» Bereits als Dreijähriger durfte Céleste als Drummer auftreten, und war dabei, wie er heute meint so gut wie manch anderer Punker. Regisseur Marcel Derek Ramsay, dessen erster Langspielfilm «Der Meister und Max» 2015 ins Kino kam, und Joke Lanz sind seit Jahren befreundet.

Verspielt-assoziativer Film

Auf ihrer Freundschaft baut «My Life Is a Gunshot» auf. Als Film, der weit mehr ist als eine dokumentarische Biografie. Zum einen, weil Regisseur und Protagonist miteinander derart vertraut sind, dass sie in gelassener Selbstverständlichkeit so intim über ihr Erleben sprechen, wie man es auf der Leinwand kaum je antrifft. Zum anderen, weil Ramsay in der Auseinandersetzung mit Lanz, seinem Leben und künstlerischen Schaffen, ein seinerseits einzigartiges filmisches Kunstwerk geglückt ist.

Er hat Lanz begleitet zu Auftritten in der Schweiz und in Berlin, wo Lanz seit einigen Jahren lebt ist. Zu einem Besuch bei seiner Mutter in Wohlen, die für Lanz’ Kunst kein Verständnis hat. Nach Kairo, wo Lanz einen Workshop gab, und in die Berge, wo er Töne sammelte: Donner, Wind, das Grollen sich verschiebender Felsen und Steine, eine Herde Kühe.

Ramsay verbindet Selbergefilmtes mit Bestehendem; seine Gespräche mit Lanz und die Interviews mit Kennern und Freunden verwebt er mit Fotos, Ausschnitten aus Videos und Konzertmitschnitten und mit Samples aus Lanz‘ Soundarchiv. Dabei orientiert sich die Montage stets am Sound, und der experimentell anmutende Film wird in verspielter Assoziation zur Spiegelung der Klang-Performance eines einzigartigen Künstlers.

«My Life Is a Gunshot» läuft im Kino Cameo am Lagerplatz. Am Freitag, 13.12., 20.15 Uhr, anschliesssend Filmgespräch mit Joke Lanz und Marcel Derek Ramsay.

Erstellt: 10.12.2019, 14:46 Uhr

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