Stadtbibliothek

Mitwirken am Netzwerk der Träume

An einer Traumstation kann man ab heute Träume einwerfen und deuten lassen.

Plakatmotiv der Traumstation von Claudia Maria Lehner.

Plakatmotiv der Traumstation von Claudia Maria Lehner. Bild: PD

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«Isst du gekochte Eier, rechne mit reichen Einkünften», lese ich in einem seriös wirkenden, wissenschaftlich aufbereiteten Band. Bevor sich jetzt alle ans Eierkochen machen, sei gesagt: Gemeint ist, wenn man dies im Traum tut. Der Eintrag stammt nämlich aus einem byzantinischen Volks-Traumbuch aus dem Mittelalter, das dem Patriarchen von Konstantinopel zugeschrieben wurde. 346 solcher Regeln enthält das Buch, sie bieten nicht selten Überraschendes wie das Folgende: «Träumt dir, du werdest gehängt, wirst du hohes Ansehen geniessen.»

Ob man daran nun glauben mag oder nicht: Solche Regeln machen unsere Träume gewissermassen zu einer öffentlichen Angelegenheit. Denn sie wollen, unabhängig von dem, was sich der Träumer dazu denkt, die Zukunft vorhersagen. Das passt zur Zeit des Mittelalters, wo es so etwas wie das Privatleben vermutlich nicht gab. In der Gegenwart jedoch gelten Träume als etwas Privates, ja Intimes. Partner mögen sie sich gegenseitig erzählen, aber schon unter Freunden ist man zurückhaltender. Denn ihr Inhalt spiegelt, wie es scheint, das Innerste und spätestens seit Freuds «Traumdeutung» auch verbotene Wünsche, diese sind mithin mit Scham behaftet. Die Deutung ist heute, möchte man sagen, komplexer geworden – und ein Abenteuer ganz eigener Art, wenn man damit auch kaum mehr in die Zukunft schauen wollen wird.

Träume erzählen und anhören

Das Psychoanalytische Seminar Zürich (PSZ) möchte unsere Träume aus dem privaten Innenraum herausholen und in Umlauf bringen und wagt dazu ein Experiment: An öffentlichen Orten lädt es dazu ein, einen Traum zu erzählen – nicht vor Publikum, sondern an Traumstationen, wo man Träume einwerfen und deuten lassen kann. Träume erzählen – oder sich die Träume anderer anhören – kann man auch telefonisch auf der Hotline 0800 37 32 67.

Es ist eine grosse Einladung, sich auf diese Welt einzulassen, die meist verborgen ist und im Traum sichtbar wird – und so nicht nur das eigene Unbewusste kennen zu lernen, sondern auch das der anderen. Es könnte eine fantastische Erfahrung sein, das zu tun und teilzuhaben am Netzwerk, das da entsteht.

«Träumt dir, du werdest gehängt, wirst du hohes Ansehen geniessen.»

Man braucht übrigens nicht zu befürchten, dass die Psychoanalytiker dann mit den berüchtigten Freud’schen Deutungen anrücken, die dem Begründer der modernen Traumdeutung oft zugeschrieben werden. Denn die Leute vom PSZ sind keine Dogmatiker und würden sich vermutlich langweilen, wenn man ihnen Handbücher wie das eingangs beschriebene in die Hand drückte.

Öffentliches Traumdeuten

In der Stadtbibliothek gibt es dazu eine von der Winterthurer Künstlerin Claudia Maria Lehner gestaltete Traumstation, eine weitere Station findet sich im Hostel Depot 195 auf dem Sulzer-Areal für die Gäste, die dort übernachten.

An der Winterthurer Kulturnacht vom 28.9. werden Lehner und der Psychoanalytiker Olaf Knellessen in der Stadtbibliothek anwesend sein und Auskunft geben, und an der Schlussveranstaltung vom 30. Oktober deuten eine Psychoanalytikerin und zwei Psychoanalytiker zusammen mit dem Publikum Träume.

Offiziell eröffnet werden die Traumstationen heute am Tag der offenen Tür im Theater Neumarkt in Zürich. Die Aktion, die bis Ende Oktober beziehungsweise November dauert, steht in Verbindung mit der «Nacht der 1001 Träume» des PSZ, die Ende November ebenfalls im Theater Neumarkt stattfindet.

Weitere Traumstationen gibt es in Zürich, Luzern und im Aargau. Der Zürcher Künstler San Keller zieht in seinem Beitrag «Die Halbschlafenden» durch die Strassen der Stadt und fragt über die Gegensprechanlagen nach Träumen. Una Szeemann, Raphael Perret und Rupert Jaud steuern ebenfalls künstlerische Beiträge bei.

Traumstation in der Stadtbibliothek: Ab heute, bis 30.10. – Open House im Theater Neumarkt Zürich: Heute ab 16 Uhr. – Hotline für Träume: 0800 37 32 67. traum@psychoanalyse-zuerich.ch

Erstellt: 20.09.2019, 17:19 Uhr

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