«Musik hören und sich austauschen war miteinander verbunden»

Der aus Winterthur stammende Musiker Maurice Steger gilt als einer der besten Blockflötenspieler. Am Freitag spielt und dirigiert er im Rychenbergpark Musik von Händel bis Rossini.

Jean-Baptiste Millot

Jean-Baptiste Millot Bild: Jean-Baptiste Millot

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Herr Steger, Ihre im April erschienene CD «Mr Handel’s Dinner» enthält Pausenmusik: Die Stücke gehen auf Musik zurück, welche Händel für die langen Pausen zwischen den Akten seiner Londoner Opern schrieb. Hat er da eine Art Restenverwertung betrieben?
Maurice Steger: Die Wiederverwertung wurde in der Barockzeit anders gesehen als heute. Man glaubt, dass Händel ein Notizbuch hatte mit seinen besten Melodien drin. Die hat er sehr oft und für verschiedene Werke benützt. Das war eine Auszeichnung, denn selbstverständlich wurden nur die ganz guten Melodien mehrmals verwendet.

Es waren also nicht Reste.
Überhaupt nicht, im Gegenteil, es waren sogar meistens Verbesserungen. Das erste Stück auf der CD etwa war im Original eine Blockflötensonate, die er in einem Orgelkonzert wieder verwendete; man weiss, dass er die Orgelkonzerte selbst spielte. Diese Variante habe ich hier aufgenommen, sie ist viel reicher als die Vorlage, was man auch an den Streichern sieht. Bach und andere Zeitgenossen machten das auch. Die mussten ja auch leben, und Händel war ein sehr guter Verkäufer. In den Pausen gab er auch den Musikern seines Orchesters, das mit hervorragenden Musikern bestückt war, Gelegenheit, ihre eigenen Werke aufzuführen.

«Die zeitlichen Verhältnisse waren im Barock ganz anders als heute.»Maurice Steger, Spezialst für Barockmusik

Hat man denn da überhaupt zugehört? In den Pausen wollten die Leute sich gewiss unterhalten. Auch an den Konzerten selbst hat man ja bis ins 19. Jahrhundert hinein nicht mit der stillen, meditativen Haltung zugehört, wie das heute im Konzertsaal und in der Oper üblich ist.
Es hat mich interessiert, bei dem Projekt einmal die praktischen Aufführungsbedingungen zu beleuchten. Tatsächlich ist es so, dass die zeitlichen Verhältnisse ganz anders waren als heute. Wir stöhnen ja bei einer Händel-Oper, die dreieinhalb Stunden dauert, und die ist dann bereits gekürzt. Die Pausen waren zudem sehr lang, das konnten neunzig oder hundertzwanzig Minuten sein. Die Musik darin war dann ein Konzert im Konzert. Man weiss, dass Händel auch in den konzertanten Teilen der Oper kurz mal ein Concerto grosso – 25 Minuten Musik – einschob. Da haben die Leute also nicht immer ruhig und konzentriert zugehört. Und die Pause in der Oper war ein wichtiges soziales Element. Musik hören, erleben, sich austauschen, einen Tee trinken, das war alles miteinander verbunden. Wenn sie etwas schön fanden, hörten sie aber schon zu.

Die Sätze der Stücke auf der CD dauern oft zwei bis drei Minuten. Das entspricht der Länge vieler Popsongs.
Genau. Man hatte einen starken Sinn für die einzelnen Melodien und Arien. Händels Arien wurden auch für Soloinstrumente bearbeitet. In den Opern dauerten die Arien bis zu fünfzehn Minuten, die Bearbeitungen waren kürzer, die Länge hatte einen Popcharakter. Das finde ich auch nicht schlecht. Heute hat das Spielen eines einzelnen Satzes ja etwas Anrüchiges. Aber selbst noch in der Beethoven-Zeit hat man die Musik ganz anders erlebt.

Der Werkbegriff war ein anderer, das Werk war nicht sakrosankt wie heute.
Ja, eine Händel-Arie als schönes Orchesterstück zu spielen, das Ablösen von der ursprünglichen Form, ist damals etwas ganz Wichtiges, da geht es um das Erleben der Schönheit.

«Mein Körper funktioniert als Resonanzkörper für das
Instrument.»

Maurice Steger, Blockflötist

In Winterthur spielen und dirigieren Sie nun neben Händel auch Mozart, Rossini und Vivaldi und von letzterem ein Blockflötenkonzert. Warum nicht eines von Händel?
Wegen des Openair-Charakters. Der «Gardellino» von Vivaldi ist das Konzert des Distelfinks, das passt unter freiem Himmel besonders gut. Das Werk ist sehr virtuos und spielerisch. Damit werden die tragischen und tiefsinnigen Händel-Arien, die Marie-Claude Chappuis singen wird, aufgebrochen. Für so einen Anlass muss das Programm auch nicht zu einheitlich sein. Es wird also kein Blockfötenkonzert, sondern eine Repräsentation von schönster Musik. Die wunderschönen Arien werden im ersten Teil des Abends viel Raum einnehmen, den zweiten Teil werde ich mit dem luftigen Stück von Vivaldi beginnen, Händels «Feuerwerksmusik» schliesslich wird die ganze Palette der Farbenpracht, den Prunk und die Spielfreude der Barockmusik zeigen. Es ist kein Programm für Spezialisten, im Gegenteil.

Apropos luftig: Verwenden Sie eigentlich eine besondere Atemtechnik, die andere nicht haben?
Eher nicht, vielleicht eine andere Klanggebung, das könnte sein. Ich suche mit der Blockflöte auch einen etwas breiteren Ton. Mein Körper funktioniert als Resonanzkörper für das Instrument, das da in keinster Weise hilft.

Dann ist das ähnlich wie beim Singen.
Ja. Es ist eine historische Technik. Wir wissen ja nicht, wie sie damals gespielt haben, aber wenn man sich Sängertechniken anschaut und gute Sänger beobachtet, dann geht es da auch um den Klang, dass die Stimme im Körper sitzt. Und das muss man eben mit der Blockflöte auch tun. Sonst wird es unrepräsentativ, piepsig, das ist schon hübsch, aber die Musik hat dann nicht diese Tiefe und Dynamik.

Beim Singen ist ja das Zwerchfell wichtig, damit hält man den Ton. Ist das bei der Blockflöte auch der Fall? Singen Sie mit dem Zwerchfell mit?
Absolut. Nicht nur das. Ich brauche ganz viele Resonanzräume. Ob man die Blockflöte körperlich-sängerisch spielt oder instrumental, das ist ein Riesenunterschied.

Der Klang bekommt dann diesen räumlichen Charakter, das erinnert mich immer stark an einen Aufbruch.
Technisch gesprochen ist der Aufbruch, den Sie da spüren, die Luft, die in der Blockflöte in sehr komplexer Weise in verschiedene Richtungen zeigen muss, damit es schön wird. Das ist dann auch die Kunst. Im Openair-Konzert kann es sein, dass ein Windstoss alles wegbläst, das muss man bei der Blockflöte halt in Kauf nehmen.

Warum ist die Virtuosität im Barock so wichtig?
Es war halt spielerische Musik. Unter Virtuosität verstehe ich den Umgang mit der Freiheit, das Wissen, wann man was macht, auch die Agilität. Es geht nicht darum, schnelle Tonleitern zu spielen. Nimmt man die schwersten Stellen bei Vivaldi, dann können das meine Schüler genauso gut wie ich. Dass man das Können eben richtig einsetzt und freier umgeht mit vielen Noten, mit wenigen Noten, dass man richtig virtuos damit umgehen kann, das ist in der Barockzeit wichtig. Das bedeutet auch, dass man mit Verzierungen die Musik so beleben kann, dass sie etwas Persönliches bekommt. Auch im Mittelalter gibt es sehr virtuose Stücke, ebenso in der Neuen Musik. Dort ist allerdings die Virtuosität viel schwerer wahrnehmbar. Insofern habe ich es mit meinem Repertoire auch ein bisschen einfacher. Virtuosität bedeutet für mich im «Gardellino», viele vogelähnliche Klanglichkeiten einbauen zu können, vielleicht auch mal improvisiert, und eine Kadenz so auszuspielen, dass sie zu einem Naturelement in Form von Musik wird. Das ist Kunst.

Dazu braucht es Inspiration im Moment der Aufführung, das lässt sich nicht mechanisch wiedergeben.
Genau. Es gibt da einige Kadenzen, in denen es wichtig ist, dass man verschiedene Klänge hat. Und das ist etwas, was auf der Blockflöte schwer ist, wo viele sehr limitiert sind. Es klingt zwar schön, aber immer gleich, das interessiert irgendwann niemanden mehr. Ich bin sehr gespannt, wie das im Openair wird. Ich möchte, dass da Kunst und Natur und Vergnügen und Menschlichkeit gut zusammen kommen. Es ist eine hohe Messlatte für ein Konzert. Das zu erreichen, wäre mein Ziel.

Erstellt: 02.07.2019, 15:07 Uhr

Programm

Das Classic Openair

Das Classic Openair des Musikkollegiums Winterthur im Rychenbergpark beginnt am Freitag mit dem «Musikalischen Feuerwerk» mit Maurice Steger, Leitung und Blockflöte, und Marie-Claude Chappuis, Mezzosopran; im Zentrum stehen Werke von Händel (19.30 Uhr). Weiter geht es am Samstag mit dem Galakonzert mit Khatja Buniatishvili, Klavier, und Thomas Zehetmair, Leitung, und Werken von Tschaikowsky und Dvorak (19.30 Uhr). Am Sonntag ist Familientag: Das Musikkollegium und das Winterthurer Jugendsinfonieorchester spielen Gershwin, Tschaikowsky und Williams (ab 15 Uhr). (dwo)

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