Klassik

Musikalische Fieberschübe

Sie verstehen sich glänzend: Der Westschweizer Komponist Richard Dubugnon und das Musikkollegium.

Die Pianistin Noriko Ogawa, der Komponist Richard Dubugnon und der Dirigent Thomas Zehetmair (rechts).

Die Pianistin Noriko Ogawa, der Komponist Richard Dubugnon und der Dirigent Thomas Zehetmair (rechts). Bild: hb

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Die offizielle Saisoneröffnung im Musikkollegium erfolgt nächste Woche, aber das Orchester ist bereits auf Hochtouren an der Arbeit, sogar fiebrig, das konnte man am Donnerstag im Stadthaus diagnostizieren. Das Konzert war zugleich eine Aufnahme-Session. Der Wald der Mikrofonständer signalisierte nüchterne Arbeitsatmosphäre, die der musikalische Furor jedoch gleich mit den ersten Takten Lügen strafte.

Die Musik von Richard Dubugnon springt den Hörer an, setzt ihn in Bewegung, lässt ihn die Ohren spitzen, entführt ihn ins Gefilde eigener Assoziationen. War die Kammersinfonie Nr. 1 (2013) mit der Tempobezeichnung «tendu et agité», die den Abend eröffnete, vielleicht Filmmusik für eine rasende Verfolfungsjagd? Von welcher Sehnsucht sprach das melodiöse zweite Thema in grossen Intervallen?

Lob des Musikkollegiums

Richard Dubugnon, 1968 in Lausanne geboren, gehört international zu den gefragtesten Komponisten, mit seinem Katalog ist er über Opus 80 hinaus. Die Deutschschweiz scheint ihn erst in jüngerer Zeit zu entdecken. Die Kammersinfonie Nr. 2, ein Auftragswerk des Musikkollegiums, wurde im Mai 2017 mit grossem Erfolg uraufgeführt und im Herbst desselben Jahres noch einmal gespielt. Auch diesmal stand sie wieder auf dem Programm, und langweilig ist diese Musik auch beim dritten Mal keineswegs. Zauberhafte Momente mit dem schattenhaften Auftauchen barocker Musik, diffizile und spektakuläre Orchestersoli, farbiges Klanggeschehen fesselten erneut.

Das Werk spielt zwar auf die Gründung des Musikkollegiums an – der Untertitel «Ein Lobliche gselschafft der Musicanten zu Winterthur, anno 1658» verweist auf die bunte Wappenscheibe jener Zeit –, aber es ist vor allem Musik für ein modernes Orchester, das vor nichts zurückzuschrecken braucht, das Schönberg und Schreker, Strawinsky und Prokofiev, die Moderne überhaupt intus hat. An die Orchestersprache des 20 Jahrhunderts wird man erinnert, aber man wird nicht dahin zurückversetzt.

Dubugnon, der seinen Bezug zur Tradition bewusst reflektiert, zieht alles ins Eigene. Er kennt nicht nur das Sinfonieorchester von Grund auf – auch von seiner Arbeit als Kontrabassist –, er hat als Jazz-Bassist auch eine Affinität zu Funk und Bebop, die in sein Orchesterschaffen vibrierend einfliesst.

Virtuoses Virus

Was Dubugnon aus dem Orchester herausholte, schien es grösser zu machen. Zur Standardbesetzung kam die Celesta hinzu. Sie spielt im Klavierkonzert einen spiegelnden oder schattenhaften Gegenpart zum Soloinstrument. Die Momente glitzernder, traumhafter Poesie und Zwiesprache empfand man als Inseln, denn das Werk hat einen konträren Grundduktus. Mit «allegro febbroso» ist der erste Satz überschrieben, und was sich ereignete, war ein rasendes Powerplay, das die perkussive Kraft des Klaviers ausreizte.

Die Pianistin Noriko Ogawa, die «Klaveriana» 2015 in London mit dem BBC-Symphony Orchestra uraufgeführt hat, setzte das spektakulär in Szene, fiebrig rasten die Hände über die Tasten, am spektakulärsten in der Kadenz. Virtuosität als Virus: davon angesteckt war das ganze Orchester, Thomas Zehetmair am Dirigentenpult aber behielt kühlen Kopf und hielt das instrumental reich aufgefächerte Geschehen präzis ausbalanciert zusammen.

Erstellt: 06.09.2019, 14:52 Uhr

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