Mutig, mutig, liebe Schwester

Ihren schwarzhumorigen musikalischen Schmankerln und intelligenten Unverschämtheiten zu lauschen, ist ein Fest. Sarah Hakenberg kam mit ihrem neuesten Programm «Nur Mut!» ins Casinotheater.

Auch im Programm «Nur Mut!» von Sarah Hakenberg geht es um unsere Ängste.

Auch im Programm «Nur Mut!» von Sarah Hakenberg geht es um unsere Ängste. Bild: zvg

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Einen Flügel, mehr braucht Sarah Hakenberg eigentlich nicht. Ja, vielleicht noch ein bisschen Ton und Licht wären gut. Aber nicht zu viel Licht, denn sie will sich die Show ja nicht von den beiden Säulenheiligen links und rechts auf der Casinobühne stehlen lassen. Wobei: Wer will sich schon an zwei Holzfiguren ergötzen, wenn er die Hakenberg haben kann? Niemand. Denn sie ist einfach immer ein Ereignis. Auch mit ihrem neuesten Programm «Nur Mut!» schafft sie es, kabarettistisch solide und musikalisch hochwertig zu unterhalten. Auch am Donnerstag im Casino­theater.

650 Phobien: Hilfe!

Wobei echter Mut im Programm ja nur am Rande zu finden ist. Denn eigentlich geht es in ihrem jüngsten Werk vielmehr um menschliche Ängste, die jeglichen Mut im Leben in den Hintergrund drängen. Es sei denn, es handelt sich um Übermut – was aber auch nicht das Wahre ist, vor allem wenn er tödlich endet. Ja, Ängste und Sorgen sind eben äusserst gefährlich, aber kabarettistisch etwas Wunderbares zum Ausschlachten. Denn wo, wenn nicht hier, spricht man so offen über absurdeste Phobien wie beispielsweise die Aulophobie: also die Angst vor Flöten. Ja, die gibt es tatsächlich.

Noch absurder sind da höchstens die Anatidenphonie, die Angst vor Enten, oder eben die weitverbreitete Homophobie. Denn Hakenberg wäre nicht Hakenberg, wenn sie sich nicht auch auf ihre subtil bösartige Weise an gesellschaftlich heisse Eisen heranwagen würde, indem sie in ihrer gewohnt eloquenten Art am Flügel singend die Frage beantwortet: «Was würde beispielsweise geschehen, wenn sich ein Fussballstar als schwul outen würde?»

Kinder, Eltern, Heirat

Selbst soeben Mutter geworden – nein, die gewünschte Sturzgeburt auf der Bühne und der damit einhergehende Ruhm sei nicht eingetroffen –, nimmt sich Sarah Hakenberg in ihrem Programm natürlich auch der Mutter- und Väterängste an. Diese würden sich schon vor der Geburt bemerkbar machen, sei das durch die Anschaffung technischer Geräte oder eben durch die Wahl eines besonderen oder besonders bescheuerten Vornamens, den die Kinder dann selbst nicht mal aussprechen könnten. Als Beispiel sei nur kurz «Perschelbär» erwähnt: also Pierre-Gilbert. Oder Elternteile, die ihre Kinder schon im Mutterbauch mit der Borussia-Dortmund-Spielerhymne terrorisieren, damit sie ja keine Schalke-Fans werden.

Apropos bescheuert: Selbst angeblich bescheuerte Lieder haben bei Hakenberg immer noch Niveau. Also selbst wenn sie ein Stück mit dem unseligen Titel «Jeannette» in C-Dur und mit vier Akkorden anrichtet, hat das immer noch seinen Reiz – was man von manchen zeitgenössischen Musicals, die meist ähnlich simpel aufgebaut sind, ja nicht zwingend behaupten kann.

Das zeigt einfach: Hakenberg ist eine Klasse für sich. Die mit ihrem musikalischen Wissen auch mal erklären kann, wieso wir Angst vor Horrorfilmen haben: «Wegen der Musik!» Und diese mache auch vor der Politik nicht halt. «Denn wenn man einen d-Moll-Akkord rückwärts spielt, dann ergibt das was? afd – Angst vorm Denken.»

Keine Angst vor Politik

«Nur Mut!» lässt somit auch Politisches nicht vermissen, und hört man Hakenberg intensiv zu, so merkt man: Es ist ihr wirklich ein Anliegen, hier eine Meinung zu haben – unter anderem mit dem aufgefrischten Klassiker «Das Kinderfest der NPD», in dem von kleinen Germanen die Rede ist, die in die rechten Bahnen gelenkt werden müssen. Das ist schon noch mutig. Wobei: Sie ist ja hier in Winterthur – wo man höchstens die Friseure in Gedanken mordet – und nicht in Sachsen. Am Ende haben alle ihre Ängste überwunden. Hakenberg, indem sie endlich heiratet, das Publikum, indem es überhaupt schon mal vor Ort war und sich getraut hat, ein Ticket zu kaufen. Ja, und wem diese mutigen Handlungen noch nicht genug sind, der befolge doch ihren Rat und singe in der nächsten Opernaufführung mal inmitten einer Arie lauthals mit – also etwa so wie es das Publikum bei der Zugabe auch getan hat. Wobei, war das jetzt schon mutig, oder doch nur ein bisschen bescheuert? Egal. Applaus!

Erstellt: 28.10.2016, 16:07 Uhr

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