Zum Hauptinhalt springen

«Nach dem Konzert ist vor dem Konzert»

Mit dem 55-jährigen Österreicher Thomas Zehetmair verfügt das Musikkollegium seit der laufenden Saison wieder über einen Chefdirigenten, der auch als Solist und Kammermusiker internationales Format besitzt. Im Gespräch sagt er unter anderem, wie sich das Orchester weiter entwickeln soll.

«Klassiker sind jedesmal wieder überraschend»: Thomas Zehetmair in einer Aufnahme vom Juni 2015.
«Klassiker sind jedesmal wieder überraschend»: Thomas Zehetmair in einer Aufnahme vom Juni 2015.
Archiv / mad

Anders als seine Vorgänger und anders als es heute üblich ist, nimmt der Geiger und Dirigent Thomas Zehetmair, seit Beginn der laufenden Saison Chefdirigent des Musikkollegiums, nicht mehrere Engagements an verschiedenen Orten wahr, sondern konzentriert sich auf «sein» Winterthurer Orchester. Um die Musikerinnen und Musiker näher kennenzulernen, wird er unter anderem auch mit ihnen in Kammermusikformationen zusammenspielen, in der nächsten Saison etwa im Septett von Beethoven. Im Gespräch kommen Zehetmairs Antworten impulsiv und oft nach Pausen des Nachdenkens.

Herr Zehetmair, in welche Richtung soll sich das Musikkollegium weiter entwickeln?

Thomas Zehetmair: Ich habe mir in der laufenden Saison einige Kammermusikkonzerte mit Mitgliedern des Musikkollegiums angehört, und es hat mich wirklich berührt, wie die Musiker gespielt haben. Und ich meine, Weiterentwicklung kann sowieso nur zusammen stattfinden. Deshalb vertiefen wir auch einfach unsere Arbeit. Das ist ja mein Hauptjob hier, mit dem Orchester musikalisch zu arbeiten. Und das ist keine Einbahnstrasse. Ich nehme viele Anregungen auf, dabei lerne ich auch mehr und mehr die Musiker zu fordern, da gehen wir dann auch an die Grenzen.

Eine Zielvorgabe wie etwa, um einfach ein Beispiel zu nennen, hin zu mehr historischer Aufführungspraxis, gibt es also nicht?

Die historische Aufführungspraxis ist längst Allgemeingut geworden. Ich bin da eher für eine extremere Form der sprechenden Musik als für eine verwässerte. Denn es geht ja nicht einfach darum, ohne Vibrato zu spielen oder einen Glockenton zu fabrizieren. Ich habe bereits in meinen Studentenjahren mit Nikolaus Harnoncourt gearbeitet, er hat mich dann auch als Solist oft engagiert, mit den Wiener und Berliner Philharmonikern und dem Amsterdamer Concertgebouw Orchester. Da haben wir alles gemacht, von Bach über Mendelssohn bis zu Dvorak. Harnoncourt hat immer gesagt, eine historische Form, die man rekonstruieren könnte, das gibt es nicht, denn wir leben in einer ganz anderen Zeit. Für mich geht es immer darum, die Musik spannender, lebendiger und menschlicher zu machen, und dabei verwende ich diejenigen Elemente der historischen Praxis, die zu diesem Ziel hinführen. Brahms etwa wurde zu seiner Zeit unglaublich frei und rhetorisch gespielt.

Im Konzertbetrieb folgen sich die Werke in raschem Tempo. Gibt es einen Komponisten oder ein Werk, mit dem Sie sich über eine längere Zeit beschäftigen?

Das ist ja das Schöne, wenn man ein Stück nochmals macht. In der nächsten Saison werden wir die fünfte Beethoven-Sinfonie spielen, die ich mit einigen Orchestern schon gemacht habe, und diesmal wird es sicher ganz anders werden. Ich werde mehr darüber wissen als bei meiner letzten Aufführung. Und mit Haydns «Schöpfung» wird es ähnlich sein. Man kann da nicht ein Archiv im Kopf anzapfen und etwas reproduzieren. Und es wird auch nicht leichter, wenn man ein Werk schon zehn Mal gemacht hat.

Aber kommt beim zehnten Mal die Versuchung zur Routine?

Nein, nein. Also, Routine ist zwar nicht nur negativ, ich bin sowieso eher im Konzert ein Hitzkopf. Aber eine Routine-Aufführung, das kann ich gar nicht machen. Man könnte sich ja auch sagen, ich bin jetzt auf Tournee und muss meine Kräfte schonen, aber das kann ich nicht. Da muss ich halt dann schauen, dass ich körperlich fit bleibe und meine Yoga-Übungen mache. Denn jedes Konzert ist eine Feier, ein besonderer Moment.

Wie ist es nach einer Aufführung, gehen Sie da das Konzert noch einmal durch, absichtlich oder auch, weil es im Kopf weiterläuft, und überlegen, was Sie hätten anders machen wollen?

Das passiert wirklich automatisch. Aber es ist auch sehr entspannend, danach etwas anderes zu machen. Es gibt in diesem Orchester eine sehr schöne Kollegialität, die ich so nicht überall erlebt habe, da geht man auch einmal nach dem Konzert noch ein Gläschen trinken mit Kollegen aus dem Orchester. Unvermeidlich ist es natürlich, dass einem dann beim Schlafengehen die Melodien noch einmal durch den Kopf gehen. Das kann schon produktiv sein, etwa wenn man das Werk am nächsten Abend noch einmal aufführt, auch wenn es nicht gerade sehr schlafförderlich ist. Es ist ja immer ein Prozess. In Anlehnung an das, was ein berühmter Fussballtrainer einmal gesagt hat: Nach dem Konzert ist vor dem Konzert.

Haben Sie auch schon von Konzerten geträumt?

Natürlich, auch ganz konkret. Es läuft wirklich manchmal ein Stück ab im Traum, und dazu sieht man dann Bilder.

Sie sind auch ein exzellenter Kammermusiker und haben ein eigenes Streichquartett. Nehmen wir an, Sie studieren ein Werk ein. Dann führen Sie es auf. Bringt Ihnen die Aufführung noch etwas Neues an Erkenntnis über das Werk?

Es kommt im Konzert immer noch etwas dazu. Das finde ich ganz wichtig für eine gelungene Aufführung. Bestimmte Sachen kann man gar nicht proben. Deshalb gibt es ja diese ganzen Aberglaubenssätze über schlechte Generalproben und gute Aufführungen, die natürlich ein Unsinn sind, denn eine gute Generalprobe gibt auch Vertrauen. Aber es gibt den Glauben, dass man bei den Proben noch nicht alles sagen darf. Obwohl man ja wahnsinnig feilt an den Sachen und am Ausdruck arbeitet – das Konzert muss noch eine Dimension dazu bringen. Wenn man am Morgen eine Generalprobe macht, darf man sich auch nicht völlig verausgaben und muss ein bisschen Energie für den Abend sparen. Deshalb mache ich gerne die Generalprobe schon am Abend vorher. In der Probe will man auch ausprobieren, wie weit man gehen kann. Das Hinsteuern auf das Konzert ist letztlich ist ein Balance-Akt.

Gibt es in der klassischen Musik Werke, die Ihnen heute aktueller erscheinen als andere?

Ich habe schon im Mutterleib mit der klassischen Musik zu leben begonnen, meine Eltern waren in der Camerata academica und im Salzburg Quartet, wo vor allem Mozart und Haydn gespielt wurde. Damit bin ich aufgewachsen, als Knirps von zwei Jahren sass ich in den Quartettproben. Für mich ist diese Musik ein Teil des Alltags und damit brandaktuell. Es sind unglaubliche Meisterwerke, es ist eine Sprache, die ich glaube zu verstehen, und doch erlebe ich jedesmal wieder Überraschungen. Sobald ich mich mit einem Werk beschäftige und es aufführe, gibt es keine Beurteilung mehr über die Qualität, sondern nur noch die Identifikation, und in dem Moment wird es auch aktuell. Musik ist ja so ein wichtiger Teil unseres Lebens, sie kann einem soviel geben an Differenziertheit, an Ausdrucksmitteln. Klar, es gibt auch tolle Popmusik, sie dauert aber meist nicht länger als drei Minuten. In der klassischen Musik stecken unglaubliche Gedanken- und Klanggebäude drin. Die Leute, die keine klassische Musik hören, wissen gar nicht, was sie versäumen.

Nächste Konzerte unter der Leitung von Thomas Zehetmair am 21.6. und 7.7.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch