Winterthur

Narziss mit Goldmund

Dorian Gray geht für die ewige Jugend über Leichen, sein wahres Gesicht ist ein Gemälde, das niemand sehen darf. Das Wiener Burgtheater zeigt Oscar Wildes Kultroman als atemlose One-Man-Show.

Was glänzt, war Gold: Dorian Gray (Markus Meyer) begeisterte im Theater Winterthur. Foto: PD

Was glänzt, war Gold: Dorian Gray (Markus Meyer) begeisterte im Theater Winterthur. Foto: PD

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Sieben Bühnenstücke hat Oscar Wilde geschrieben, im Theater Winterthur war nun sein einziger Roman zu sehen, «Dorian Gray». Bastian Kraft hat Wildes wohl bekanntestes Werk 2010 fürs Wiener Burgtheater für die Bühne adaptiert. Am Donnerstag und gestern Freitag war es in Winterthur zu Gast – und sorgte für Beklemmung, gefolgt von begeistertem Applaus.

Dafür gab es zwei gute Gründe: Die Leistung des Schauspielers Markus Meyer, der alle Rollen selbst spielte, eine atemlose One-Man-Show über 90 Minuten. Der andere Star war das Bühnenbild, ein Metallgerüst aus verschieden grossen Quadern, auf dessen Stirnseiten ein Hochleistungs-Beamer Videosequenzen projizierte: Herrenclub-Fauteils und Zigarrenrauch, Grossstadtlichter, Magnolien im Park.

Eine Herrengesellschaft

Auch alle Nebenfiguren treten als Videoprojektion auf: Der empfindsame Maler Basil Hallward, der kaltschnäuzig-brillante Dandy Lord Henry Wotton, Dorians ergebener Hausdiener. Schauspieler Markus Meyer hat sie alle verkörpert, mit verschiedenen Toupets, Brillen, Bärten.

Während sie über die diversen Bildschirme flackern, steht, liegt, turnt und windet sich: Dorian Gray, der junge Mann von faszinierender Schönheit. Goldlack überzieht das Gesicht des goldenen Jungen, was ihm eine abstrakte, puppenhafte Aura verleiht.

In der dekadenten Salonwelt des Fin-de-Siècle-London ist das grösste Geschenk die Jugend, denn sie allein verleiht den Zugang zu den reizvollsten Versuchungen. Das hat Dorian sein Mentor Lord Henry eingeflösst, ein scharfzüngiger Dandy, der einen Ästhetik-Kult ohne Kompromiss und Skrupel predigt. Das wahre Geheimnis der Welt liegt im Sichtbaren, nicht im Unsichtbaren, sagt Lord Henry.

«Ich werde alt und hässlich. Dieses Bildnis dagegen wird immer jung bleiben. Wäre es doch nur umgekehrt!»

Als Maler Basil mit dem Portrait des jungen Dorian sein Meisterwerk gelingt, wird Dorian klar: So strahlend schön und jung wie auf diesem Bild wird er nie wieder sein. «Ich werde alt werden, und hässlich und abstossend», ruft er aus. «Dieses Bildnis dagegen wird immer jung bleiben. Wäre es doch nur umgekehrt!»

Sein faustischer Wunsch geht unvermittelt und unerklärlich in Erfüllung. Als er sich in Sybil Vane verliebt, die Darstellerin eines Groschen-Theaters in der Vorstadt und ihr einen Heiratsantrag macht, kulminiert erstmals die Spannung zwischen Kunst und Realität.

Sibyl, in ihrer Verliebtheit des künstlichen Vorspiegeln von Liebe auf der Bühne überdrüssig, spielt mies. Dorian ist angewidert. Ihre Kunst war es, die er geliebt hatte, nicht die Person. Er verlässt sie, enttäuscht und blamiert vor seinen versnobten Freunden. Sibyl nimmt sich das Leben. Das Portrait verändert sich. Die so perfekten Mundwinkel umspielt ein Zug von Grausamkeit. Dorian Gray ist schockiert. Von nun an versteckt er das Bild. Niemand soll sein wahres Gesicht sehen.

Meyers Solo-Darstellung stellt einerseits die Egozentrik des Narzissten Gray in den Fokus, der sich von einer Ausschweifung in die nächste stürzt. Möglich wird sie aber auch schlicht deshalb, weil alle tragenden Nebenrollen männlich sind.

It's a Men's World, wo die Herren der Schöpfung in schwülstigen Gentlemen's Clubs Zigarren paffen, dinieren und Aphorismen austauschen. Und wo sich auch die Leidenschaften – die ernste, zunehmend verzweifelte Zuneigung Basils für seinen Freund, aber auch die zügellos lüsterne Neugier Dorians – auf andere junge Männer richtet. Die selten direkt ausgesprochene aber zwischen den Zeilen allgegenwärtige homoerotische Grundspannung, die im London der 1890 für rote Ohren sorgte, ist in dieser Inszenierung unübersehbar. Für Frauen bleibt nur eine Rolle, die tragische und sprachlose Nebenrolle als Dorians erstes Opfer.

Das Leben als Kunstwerk

«Dein Leben ist dein Kunstwerk», sagt Lord Henry über Dorian. Er meint es anerkennend. «Ein schreckliches Leben», findet Basil, als er die Wahrheit erfährt. «Es sieht nicht schrecklich aus», entgegnet Dorian. Und weiss selbst nicht, ob ihm das selbst genügt. Die Bildquader des Bühnenbildes gleichen einem Dutzend Bildschirmen – die Rahmen, durch die Mitmenschen unsere Leben betrachten.

Ist das, was sie sehen, die eigentliche Wahrheit ­– ist das Geheimnis der Welt tatsächlich in der Oberfläche? Die dramatische Struktur von Wildes Stück widerspricht: Das kunstvolle Leben, das den bürgerlichen Konventionen und der lächerlichen Klebrigkeit echter Gefühle den harten, coolen, selbstbezogenen Exzess entgegensetzt, endet in einer Blutlache, allein, auf einem leeren Dachboden.

Erstellt: 29.03.2019, 18:11 Uhr

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