Chorgesang

Oft und gerne auf Reisen

Die Singfrauen Winterthur werden zwanzig Jahre alt. Das feiern sie mit sechs übers Jahr verteilten Konzertprogrammen. Morgen singen sie in Oberwinterthur.

Grosse stilistische Vielfalt zeichnet die Singfrauen Winterthur aus, von Volksliedern über Klassik bis hin zu Neuer Musik. Oder, wie hier im Juli 2017 auf der Kyburg, mit Liedern aus Mittelalter und Renaissance.

Grosse stilistische Vielfalt zeichnet die Singfrauen Winterthur aus, von Volksliedern über Klassik bis hin zu Neuer Musik. Oder, wie hier im Juli 2017 auf der Kyburg, mit Liedern aus Mittelalter und Renaissance. Bild: Michael Lio

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An drei der sechs Jubiläumsprogramme ist die Chorleiterin Tamar Buadze aus der georgischen Hauptstadt Tiflis beteiligt. Wie kam es dazu?
Franziska Welti: Mit Tamar Buadze stehen wir seit 2006 in Kontakt. Auslöser war der Dokumentarfilm von Ruth Olshan «Wie Luft zum Atmen» über die georgische Gesangstraditionen, der 2005 in Locarno gezeigt wurde. Darin wurde unter anderem der Frauenchor «Tutarchela» porträtiert, der mich sehr beeindruckte. Daraufhin kontaktierte ich die Chorleiterin Tamar Buadze und sagte ihr, dass wir sie gerne kennenlernen und ihre Lieder singen möchten. Wir reisten mit 25 Frauen nach Tiflis und es war Liebe auf den ersten Blick. Wir konnten zusammen singen, bevor wir zusammen reden konnten; daraus entstand eine wunderbare Freundschaft.

Und eine Zusammenarbeit, die immer weitergeht?
Ja, aber dass Tamar Buadze dreimal in unserem Jubiläumsprogramm auftaucht, ist Zufall, allerdings einer, der uns gut gefällt. Geplant war nur ihr Auftritt im September im Stadttheater, bei unserem eigentlichen Geburtstagskonzert, da wird sie ein paar Stücke leiten und Soli singen. Es ergab sich, dass sie jetzt im Januar zweimal zu Workshops in die Schweiz kommt und dazwischen frei ist, deshalb haben wir dieses erste Konzert in Oberwinterthur organisiert. Im April kommt sie dann mit ihrem Tutarchela Jugendchor ins Konservatorium zu einem Konzert, zusammen mit dem Konsi-Jugendchor unter Christoph Bachmann. Die Singfrauen treten dort nicht offiziell auf, wir haben nur den Kontakt hergestellt.

«Wir gehen frei mit dem Material um.»Franziska Welti, Sängerin und Leiterin der Singfrauen

Worin unterscheiden sich die Lieder aus Georgien von unseren Liedern?
Unsere Volkslieder sind meistens einstimmig und werden dann für mehrere Stimmen arrangiert. Die Lieder aus Georgien sind jedoch über Jahrhunderte dreistimmig überliefert, was so aussergewöhnlich ist, dass die georgische Gesangsstradition ins Unesco-Weltkulturerbe aufgenommen wurde.Mit den georgischen Harmonien taucht unser Ohr in eine andere Klangwelt ein. Diese Klänge sind uns vertraut und fremd zugleich. In Georgien singen die Frauen und Männer traditionell nach Geschlechtern getrennt, so bietet es sich an, diese Musik für Frauenchor – oder Männerchor – zu entdecken.

Spontane Auftritte sind auch ein Kennzeichen der Singfrauen, ich denke an die Konzerte im Juli im Rathausdurchgang.
Das war einmal als spontaner Auftritt gedacht, anstelle der letzten Probe vor den Ferien, aber inzwischen platzt der Rathausdurchgang jeweils aus allen Nähten, es hat sich anscheinend als Geheimtipp rumgesprochen. Es geht ja immer nur ein kleiner Prozentsatz der Bevölkerung überhaupt an Konzerte im Stadthaus oder an anderen Orten. Viele wissen vielleicht nicht, wie man zu Billetten kommt, so wie ich nicht weiss, was ich tun muss, um an einen Fussballmatch zu gehen, weil ich da noch nie war. Deshalb finde ich es schön, mit dem Chor auf die Strasse zu gehen.

Beim September-Konzert sind unter anderem Albin Brun mit dem Saxophon und dem Schwyzerörgeli und Patricia Draeger mit dem Akkordeon dabei – das klingt nach Volksmusik.
Ja, aber nicht nur. Wir singen ja sehr oft Volkslieder, und die Musiker, die uns da begleiten, machen auch viel Volksmusik, das ist schon ein Schwerpunkt, aber wir gehen zum Beispiel sehr frei um mit dem Material, improvisieren auch darüber. Das Motto «Unterwegs» passt zu den letzten zwanzig Jahren. Wir sind auch oft und gerne mit dem Chor auf Reisen - viermal waren wir schon in Georgien -, was nicht nur musikalisch toll ist, sondern auch menschlich. Was die Auswahl der Stücke betrifft, da sind wir noch am Ausprobieren, was funktioniert und was nicht.

«Ich hätte nicht gedacht, dass dieser Chor einmal in meinem Leben so viel Raum einnehmen wird.»Franziska Welti, Sängerin und Leiterin der Singfrauen

Wann funktioniert ein Stück?
Es muss uns gefallen, der Funke muss springen. Kürzlich, bei unserem letzten Berliner Konzert, hatten wir ein Stück, das mir gefiel und vielen Frauen nicht. Doch in der Regel sind wir uns einig.

In welche Richtung hat sich der Chor in den vergangenen zwanzig Jahren entwickelt?
Er ist besser geworden. Wir haben damals einfach mal begonnen, mit zwanzig meiner privaten Gesangsschülerinnen, es war kein langfristiges Projekt geplant. Ich hätte nicht gedacht, dass das einmal in meinem Leben so viel Raum einnehmen wird. Anfangs konnte jede mitsingen, die wollte, jetzt muss man vorsingen, und der grösste Teil des Chores besucht regelmässig Stimmbildungsunterricht. Wir sind jetzt zwischen 45 und 50 Sängerinnen; die Anzahl ist seit längerer Zeit konstant, wobei es schon Wechsel gibt. Einerseits werden wir zusammen älter, andererseits kommen auch immer wieder jüngere Frauen nach. Die bunte Mischung ist es, was uns ausmacht.

Wieviele Konzerte geben Sie pro Jahr?
Das ist sehr unterschiedlich, ich würde sagen, im Schnitt sind es zwischen fünf und zehn Konzerte und Auftritte pro Jahr. Manchmal machen wir grosse Projekte, für die wir monatelang üben und die organisatorisch sehr aufwändig sind. Manchmal sind es Auftritte mit unserem Repertoire, ab und zu gibt es auch Auftritte einer kleinen Gruppe der Singfrauen, hie und da sogar ohne mich.

Konzerte ohne Dirigentin, geht das?
Das geht, aber dann wähle ich die Frauen gezielt aus, und es dürfen nicht zuviele sein, maximal 18 Sängerinnen.

Sind grössere Projekte in Sicht?
Wir haben vor, in einem Jahr einen Zukunftstag zu machen, an dem wir ganz neue Sachen ausprobieren. Der Journalist und Soziologe Mark Riklin, der 2003 in St. Gallen die «Meldestelle für Glücksmomente» ins Leben gerufen hat, wird uns dabei unterstützen, Gewohnheiten aufzubrechen. Hier ist der Chor, dort die Dirigentin, ich gebe den Takt vor – diese Gewohnheit wollen wir versuchen aufzubrechen und zu schauen, wohin die Reise uns noch führt. Und zwar nicht in stundenlangen Diskussionen, sondern auch mit Aktionen. Es geht darum, Dinge einmal anders zu machen, es soll verspielt sein und Spass machen. Für 2019 ist natürlich auch musikalisch einiges angedacht, doch da will ich noch nichts verraten. (Landbote)

Erstellt: 23.01.2018, 16:37 Uhr

Franziska Welti, Sängerin und Leiterin der Singfrauen. (Bild: zvg)

Mravaljamier - Auf viele Jahre!

Donnerstag, 20 Uhr, ref. Kirche St. Arbogast, Oberwinterthur. Eintritt frei, Kollekte. Weitere Auftritte von April bis Dezember, unter anderem im Juli am Classic Openair des Musikkollegiums und im September im Theater Winterthur.

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