Winterthur

«Orpheus ist ein sehr unsympathischer Charakter»

Die 1994 gegründete Düsseldorfer Band Kreidler verbindet Musik mit politischem Engagement. Am Donnerstag spielt sie in Winterthur.

Sie spielen auf Festivals, in Museen und Clubs: Kreidler mit Andreas Reihse (links) in einer undatierten Aufnahme.

Sie spielen auf Festivals, in Museen und Clubs: Kreidler mit Andreas Reihse (links) in einer undatierten Aufnahme. Bild: David Meskhi

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Es beginnt mit einem Stück namens «Eurydike». Ein gleichmässiger, karibisch klingender Rhythmus, der langsam komplexer wird, darüber legt sich ein signalhaftes Motiv des Saxofons, langsam wie eine Fanfare in Zeitlupe. Wir befinden uns in «Flood», dem neuen Album von Kreidler. Die Musik der 1994 gegründete Band aus Düsseldorf verbindet Elemente aus Minimal Music, Rock, Elektronik und Ambient mit afrikanischen Rhythmen zu einem genau austarierten, trockenen Sound, der angenehm ins Ohr geht.

Im Gespräch mit dem Bandmitglied Andreas Reihse wird klar, dass hinter «Flood» ein Konzept steht und in die Musik auch Botschaften einfliessen. Am Donnerstag spielt die Band, die zurzeit als Trio unterwegs ist, im Kraftfeld.

«Eurydike» nimmt auf die bekannte Geschichte von Orpheus und Eurydike aus der griechischen Mythologie Bezug. Dazu findet man auf der Webseite der Band die Behauptung, der «Mechanismus der Zuwendung» sei «eine Form des Abwendens». Wie ist das gemeint? Worum geht es in dem Stück?
Andreas Reihse: Das Saxofon ist Eurydikes Stimme. Da ist etwas Sehnsüchtiges oder Trauriges drin. Es gibt schon in der Antike Beschreibungen, in denen Orpheus schlecht wegkommt, er ist ein sehr unsympathischer Charakter. Orpheus dreht sich bewusst nach Euridyke um, damit sie sich in Stein verwandelt. Das bezieht sich auf Klaus Theweleits «Buch der Könige», wo das als eine männliche Art der Kunstproduktion beschrieben wird, die man etwa bei Gottfried Benn oder Bertolt Brecht findet. «Man» hat eine Muse und verstösst sie, stellt es aber so hin, als hätte sie ihn verlassen, um dann selber diesem Leiden kreativ beizukommen.

Dazu fällt mir der Chansonnier Jacques Brel ein, der das Lied «Ne me quittes pas» schrieb, nachdem er seine schwangere Freundin verlassen hatte. Die Stücke sollen also Ideen transportieren. Was ist denn zuerst vorhanden, die Ideen oder die Musik?
Wir denken nicht in einzelnen Stücken, sondern gehen vom Album aus und haben eine Idee, wie das sein könnte. Das liefert aber nur den groben Rahmen. Es kommt dann in erster Linie eine musikalische Intelligenz ins Spiel. Eigentlich ist also immer zuerst die Musik da, später schauen wir uns an, wie das alles zusammenhängt und was es bedeutet. Bei «Flood» geht es nicht nur um Wasserfluten und schmelzende Polarkappen, sondern auch um die Informationsflut, den Überfluss an Informationen, was aber nicht nur negativ sein muss, es sind immer auch ganz gute Sachen dabei. Beim Eurydike-Motiv war das die #MeToo-Kampagne: Die griechische Mythologie ist ja nicht im luftleeren Raum entstanden, da wird eine Frau konkret von einem Mann umgebracht. Ich fand es ganz toll, was in der #MeToo-Kampagne passiert ist.

Was war die ursprüngliche Idee für das Album?
Der Sound auf den Vorgänger-Alben war relativ aggressiv. Bei «Flood» wollten wir das eher zurücknehmen und ein Album machen, das man sich auch zuhause gut durchhören kann. Daraus ergab sich schon eine andere Erzählung. «Flood» war zuerst ein Arbeitstitel für diese langen Stücke, weil da im Sound so ein Fliessen drin ist. Auf «Flood II» wird das von Ricardo Domenecks Gedicht noch unterstrichen. Auch das Cover, das eine Feder zeigt, hat eine Rolle gespielt, wir haben es im Studio aufgehängt. Es sind viele Dinge, die ineinandergreifen und zum Entstehen eines Albums beitragen.

Es gibt bei Kreidler keinen Songschreiber, alle sind gleichberechtigt.
Ja, genau. Wenn wir an einem Album arbeiten, bringt jeder etwas mit, was er vorbereitet hat, dann schauen wir, was funktioniert und was zusammenpasst. Da entsteht dann vieles im Moment

Was ist auf der Bühne anders als auf der CD? Wird dort auch improvisiert?
Wir schauen, wie man das, was auf dem Album drauf ist, live umsetzen kann. Das ist dann wie eine Variation davon, aber direkter als auf der CD. Improvisiert weiss ich nicht, wir setzen einen Rahmen, in dem es einen Freiraum gibt. Wir machen nicht Jazz, es ist eher so, dass wir die Stücke variieren.

Vor der Gründung von Kreidler 1994 waren Sie in einem Projekt aktiv, das sich gegen rechten Populismus richtete. Spielt dieses Engagement heute noch oder wieder eine Rolle und worin würde sich das äussern?
Das spielt leider immer noch eine Rolle, ja klar. Wir machten damals eine Zeitung und beschäftigten uns mit der Frage, wie man als Künstler überhaupt politisch Einfluss nehmen kann. Das war im Nachhall von dem, was 1991 in Hoyerswerda passiert war, wo auf einmal Flüchtlingsheime angezündet wurden. Das hat sich ja leider bis heute nicht geändert. Was können wir mit Musik ausrichten? Man kann an bestimmten Orten spielen und es in Gesprächen vermitteln, was man sagen möchte. Ich glaube, es gab noch nie ein Musikstück, das irgendetwas in der Welt geändert hat.

Das klingt pessimistisch. Trotzdem sind Sie überzeugt davon, dass man etwas bewirken kann.
Klar. Aber ich denke nicht, dass der Song «Free Nelson Mandela» dazu führte, dass Mandela freigelassen wurde. Man kann nur inspirieren oder einen Rahmen bilden oder einfach ein Beispiel geben durch das, was man macht. Indem man auf seine Gitarre schreibt, diese sei eine Waffe, wie das der amerikanische Folkmusiker Woody Guthrie in den 1940er-Jahren machte, kann man nicht etwas im engeren Sinn Politisches bewirken. Aber vielleicht ist das zu pauschal gedacht. Wir haben ja auf «Flood» auch ein Stück mit Nesindano Namises gemacht, einer Künstlerin aus Namibia, und sie versteht ihre Arbeit politischer als wir unsere. Sie formuliert auch ihre Texte so und tritt so auf, dass es viel eindeutiger als politisches Statement erkennbar ist. Ich kenne die Situation in Namibia nicht. Dort gibt es vielleicht die Notwendigkeit, dass es politisch positioniert sein muss, damit es so verstanden wird. In ihrem Stück geht es darum, dass das Land und die Erde uns allen gehört und nicht irgendwelchen Machthabern, und dass wir uns die Erde wieder zurückholen sollen.

Donnerstag, 21.11., 21 Uhr, Kraftfeld, Lagerplatz. CD: Flood (Bureau B).

Erstellt: 17.11.2019, 11:42 Uhr

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