Saisonstart

«Perle mit Dachpanzer» wird vierzig

Mit Mozarts «Zauberflöte» und einem Tag der Offenen Tür beginnt am Freitag die Saison des Theater Winterthur. Überraschungen sind hier selten, trotzdem ist das Haus ein wichtiger Treffpunkt.

Das Dach soll nach dem Willen des Architekten das Theater gegen aussen abschirmen.

Das Dach soll nach dem Willen des Architekten das Theater gegen aussen abschirmen. Bild: PD

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Achthundert Plätze hat das Theater Winterthur, es ist die grösste Bühne der Stadt. Mit der Oper «Die Zauberflöte» von Mozart, die sich auch für Kinder eignet, wird am Wochenende in die neue Saison gestartet – genau wie bei der Eröffnung vor vierzig Jahren. Premiere ist am Freitag, zu Gast ist das Theater Heidelberg, im Orchestergraben sitzt das Musikkollegium Winterthur. Am Samstagnachmittag lädt das Haus dann zum Tag der Offenen Tür: Ein Tag für alle soll es sein, mit Konzerten und Mitmachaktionen für Kinder und mit der Gelegenheit, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen; Programmleiter Thomas Guglielmetti stellt den Spielplan vor, ausserdem können Aktien der neu gegründeten Theater Winterthur AG erworben werden (siehe Kasten).

Aktienkauf aus Sympathie

Seit dem 1. August ist das Theater Winterthur eine gemeinnützige Aktiengesellschaft. Dank einer Kapitalerhöhung können nun Aktien erworben werden, wie das Theater mitteilt. Die Zeichnung beginnt am Freitag und läuft bis zum 31. Dezember. Vorgesehen sind 1500 Namenaktien mit einem Nennwert von je 500 Franken. Eine Dividende wird nicht ausgeschüttet, der Kauf sei eine Sympathiebekundung. Käufer können aus fünf künstlerischen Zertifikatsmotiven auswählen, die von Sarah Gasser, Peter Gut, Peter Hürzeler, Felix Schaad und Ruedi Widmer gestaltet wurden. (dwo)

Zur Eröffnung im Oktober 1979 wurde im damals noch «Theater am Stadtgarten» benannten Haus ebenfalls die «Zauberflöte» gegeben, damals war es ein Gastspiel des Theater St. Gallen. Mit dabei war der gerade neu gegründete Theaterchor Winterthur, der auch diesmal wieder auf der Bühne steht. Bis Anfang der 1990er-Jahre war dieser Chor mit den damals regelmässigen Gastspielen des St. Galler Stadttheaters hier zu hören; seit einigen Jahren tritt er vor allem in St. Gallen auf.

Klassiker dominieren

Der Bau des Architekten Frank Krayenbühl wurde von der Architektur-Zeitschrift «Hochparterre» dem 1968 erstellten Stadttheater St. Gallen und dem Theater Basel (1975) zur Seite gestellt, als Teil einer «Trilogie der Schweizer Theaterneubauten der Hochkonjunktur». Es handle sich um eine «Perle seiner Zeit», hiess es dort, die fabrikartig anmutende Dachkonstruktion wirke wie ein «Dachpanzer»: Tatsächlich war es Krayenbühls Absicht, das Theater gegen aussen abzuschirmen. So sollte das geheimnisvolle Innere umso mehr zur Geltung kommen. Heute muss sich die Theaterleitung eher um eine Öffnung bemühen, falls sie der Überalterung des Publikums etwas entgegensetzen will.

Programmleiter Guglielmetti ist allerdings kaum daran gelegen, das Publikum herauszufordern oder gar zu verärgern. Vertraute Klassiker, die dann auch von den Schulklassen besucht werden – diesmal etwa Ibsens «Wildente», Dürrenmatts «Besuch der Alten Dame» und Arthur Millers «Hexenjagd» –, und gut gemachte Unterhaltungsstücke sind hier weit eher zu finden als aufregendes zeitgenössisches Theater. Auch das Theater Winterthur entgeht der Musealisierung nicht, zu der etablierte und auf einen festen Kundenstamm angewiesene Kulturinstitutionen heute tendieren.

Der Abrissbirne entgangen

Vielleicht hat das Panzerdach dem Theater aber auch geholfen, die grösste Anfechtung seiner vierzigjährigen Geschichte zu überstehen – sie ging nicht von der Brisanz der hier gespielten Stücke und allenfalls sich daraus ergebenden Theaterskandalen aus, sondern stammte aus Wirtschaftskreisen: Die Idee, den Bau abzureissen und an seiner Stelle einen Neubau mit einer für Kongresse geeigneteren Infrastruktur zu erstellen, hielt die Kulturszene jahrelang in Bewegung.

Dafür, die Idee wenigstens in Betracht zu ziehen, hatte sich namentlich Stadtpräsident Künzle engagiert. Ein Neubau wäre laut den Initianten billiger geworden als die bevorstehende Sanierung des Gebäudes, wobei über die Kosten der Sanierung zwischen Befürwortern und Gegnern des Neubaus Uneinigkeit herrschte. Vor drei Jahren wurde die Idee beerdigt, weil die Sanierung nun doch weniger kostet, aber wohl auch aufgrund des öffentlichen Drucks, den eine vom Theaterverein Winterthur organisierte Unterschriftensammlung erzeugt hatte. Der Theaterverein (heute: «Applaus!») war auch massgeblich am Zustandekommen des Baus beteiligt, den er bereits 1957 angeregt hatte.

Das Theater Winterthur war von Beginn an als Gastspieltheater konzipiert. Es zeigt Sprechtheater, Musiktheater (Oper, Operette und Musical) und Ballett und arbeitet in erster Linie mit teils namhaften Bühnen aus Deutschland und Österreich zusammen, mit dem Wiener Burgtheater etwa, aber auch mit dem Theater Kanton Zürich, das ebenfalls in Winterthur zuhause ist. Seit 1994 gibt es regelmässige Kooperationen mit dem Musikkollegium und dem Zürcher Opernhaus.

Programmleiter Guglielmetti, seit 2010 im Amt, hat sowohl die Sparte Kinder- und Jugendtheater neu eingeführt wie auch den festival-ähnlichen Schwerpunkt «Winterthur fliegt», der jeweils zum Saisonende an wenigen Tagen teils herausragende Schauspiel-Produktionen nach Winterthur bringt. Ausserdem führt Guglielmetti Regie bei der jährlichen Eigenproduktion: Diesmal bringt er mit «Oleanna» von David Mamet einen Stoff auf die Bühne, der im Zuge von «Me-too» das Zeug für Debatten hat, obwohl das (auch verfilmte) Stück schon 27 Jahre alt ist: Ein Professor gibt einer Studentin Nachhilfe, sie wirft ihm sexuelle Belästigung vor (Premiere ist am 24. September).

Neu eine Aktiengesellschaft

Bis heute ist nicht selten vom «Stadttheater» die Rede, doch lautet der offizielle Name seit einigen Jahren «Theater Winterthur». Seit dem 1. August ist die Bühne zudem nicht mehr Teil der Stadtverwaltung, sondern eine Aktiengesellschaft. Neue Gesamtleiterin wird ab November Bettina Durrer, die seit 2012 Managerin bei «Meteo Schweiz» ist (Ausgabe vom 23. Juli). Wie eng das Theater mit der Verwaltung verbunden war, illustriert die Tatsache, dass der erste Direktor, Hans Ulrich Rentsch, davor Informationschef der Stadtverwaltung war. Auf den Spielplan dürfte die neue Organisationsform kaum Auswirkungen haben.

Wer vor 1979 vom Stadttheater sprach, meinte das Casino (heute Casinotheater), wo schon seit 1876 Theater gespielt wurde; auch das Casino war seit 1934 ein Gastspieltheater. Seit 2002 ist dort die Comedy-Szene zuhause. Im Theater Winterthur trifft man nicht auf das Zentrum der Gesellschaft, ein solches gibt es sowieso nicht. Aber es ist nach wie vor ein wichtiger Treffpunkt. Das zeigt sich auch etwa am Kindertanztheater Claudia Corti, dessen Musical «Blaue Zitronen» in diesem Herbst nicht weniger als 13 Mal zu sehen sein wird, und an Anlässen wie den Internationalen Kurzfilmtagen, die es als eine ihrer Spielstätten nutzen.

Die Zauberflöte: 20.-28.9. – Tag der Offenen Tür: Samstag, 21.9., ab 13 bis etwa 19 Uhr.

Erstellt: 17.09.2019, 15:26 Uhr

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