Winterthur

Politisch, aber nicht mit der Brechstange

Das Quartett One Sentence Supervisor stellt das Konzept «Album» infrage. Es arbeitet nur immer an einem Song gleichzeitig und veröffentlicht diesen dann sogleich im Netz – gratis. Die Musik der Badener ist politisch. Jedoch erst auf den zweiten Blick.

One Sentence Supervisor: Begeistern trotz Stromausfall.

One Sentence Supervisor: Begeistern trotz Stromausfall. Bild: zvg

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Ein Sonnenschirm steht auf der kleinen Bühne. Daran baumelt ein kitschiges Ausverkaufsschild. «Es gäbe einen langen philosophischen Grund dafür. Aber eigentlich haben wir das Schild einfach vom Lager des Kleiderladens mitgehen lassen, in dessen Keller unser Bandraum ist», sagt Dominik Meuter, der Schlagzeuger des Badener Quartetts One Sentence Supervisor.

Drums und ein treibender Bass wummern am Donnerstag durch das Albani. Gitarren und die Stimme von Sänger Donat Kaufmann produzieren die Melodie. Das tönt mal hart und unverständlich, mal sehr eingängig – und mit der Zeit etwas monoton. Wippende Beine und schüttelnde Köpfe im Publikum. Dann: Stromausfall. Die Gäste beginnen laut zu reden. Später verspricht die Band eine neue Sicherung, wenn denn die Kollekte reiche.

«Temporär Musik 1–13»

Eine halbe Stunde vor dem Konzert im Backstagebereich: Bassist Koni schaut aus dem Fenster. Er erkennt, welcher Film auf der anderen Seite der Steinberggasse in einer Wohnung flimmert. Im Gang singt sich Sänger Donat Kaufmann warm. Fizzers und Kaffeebecher liegen auf dem Tisch, Zigarettenrauch hängt in der Luft. Ende Oktober haben One Sentence Supervisor ihr zweites Album «Temporär Musik 1–13» herausgebracht, das eigentlich gar keines ist. Vielmehr ist es eine Ansammlung von unabhängigen Werken, denn das ist ihr Konzept. «Wir arbeiten immer nur an einem Song. Wenn wir ihn fertig haben, gehen wir ins Studio und veröffentlichen ihn gratis im Netz. Eben: Temporärmusik», sagt Cento, der Gitarrist. Das sei ihre Reaktion auf die Schnelllebigkeit. Bei einem Album verpuffe die Aufmerksamkeit nach zwei Wochen, auch wegen Streamingdiensten wie Spotify. Ohne Album bleibe den Musikern mehr Zeit. Sie seien ohne Druck, näher bei den Zuhörern und könnten machen, was sie wollen. Musik hat niemand von den vieren studiert. «Wir sind rechte Dilettanten. Wir können nur, was wir können, und das irgendwie nur alle zusammen», sagt Dominik Meuter. Er arbeitet als Grafiker und hat das Albumcover gestaltet. Zwei Bandmitglieder sind Lehrer, und Sänger Donat Kaufmann mache irgendwas mit Politik, bei dem sie nicht wüssten, wie er damit Geld verdienen könne, sagen seine Kollegen.

Emotionen bündeln

Donat Kaufmann ist kein unbeschriebenes Blatt. Im Oktober 2015 erregte er landesweite Aufmerksamkeit. Er kaufte sich mithilfe von Crowdfunding die Frontseite der Pendlerzeitung «20 Minuten», um Missstände in der Politik anzuprangern. «Für die Band wollte ich diese Aktion nicht ausschlachten», sagt Kaufmann. «Wir werden nicht darauf reduziert. Aber in Nebensätzen taucht es immer wieder auf», sagt Gitarrist Cento. Das aktuelle politische Projekt von Donat Kaufmann ist die Website Wecollect.ch. Sie soll es erleichtern, die nötige Anzahl Unterschriften zusammenzubringen, die es für eine Volksinitiative braucht. Momentan sind dort Vorstösse zum Vaterschaftsurlaub und zur transparenten Politikfinanzierung zu finden. «Wir nehmen nur Initiativen auf, die einem Kodex entsprechen», sagt Donat Kaufmann.

Muss Musik für One Sentence Supervisor auch politisch sein? «Muss nicht, aber darf», ist der Konsens. «Politik eignet sich sehr gut, um Emotionen zu bündeln», sagt Kaufmann, der auch die Texte schreibt. Doch mit offensicht­lichen Hasstiraden gegen den Staat, wie es im Punk üblich war, haben One Sentence Supervisor nichts zu tun. Politische Musik müsse neu definiert werden.«Wir sind nicht mit der Brechstange politisch, sondern subtiler», sagt die Band. So sei es politisch, wie sie sich vermarkteten oder wo sie spielten.

Musikmekka Baden

Baden, die Heimatstadt der Band, hat musikalisch momentan einiges zu bieten. Es gibt junge Bands und seit 2011 das «One of a Million»-Musikfestival. «Es hat viele Macher, Rivalitäten sind selten», sagt Dominik Meuter. Zudem schaffe die Stadt sehr gute Rahmenbedingungen. Auch am kommenden Donnerstag ist im Albani eine Band aus Baden zu Gast: das Sextett Finger Finger. Der Eintritt ist wie immer gratis.

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Erstellt: 14.01.2017, 13:32 Uhr

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