Kino Cameo

Roadmovie in die Vergangenheit

Der autobiografische Filmessay «Spuren und Geschichten» des Westschweizers Francis Reusser macht einen Ausflug in eine Zeit, in der das Schweizer Kino ungehemmt privat und politisch war.

In seinem neuen Film verwendet Francis Reusser auch Ausschnitte auf früheren Werken, hier aus «Seuls» von 1981.

In seinem neuen Film verwendet Francis Reusser auch Ausschnitte auf früheren Werken, hier aus «Seuls» von 1981. Bild: PD

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Weisst du noch, damals? Meine Grosseltern haben so gefragt: Sie wurden Ende des vorletzten Jahrhunderts geboren. Ihre Erzählungen definierten auch ihr gesellschaftliches Sein und trugen mit dazu bei, die Vergangenheit zu bewahren.

Heute sind es nicht mehr meine Vorfahren, sondern mein smartes Handy, das mich ausgehend von einem irrwitzigen Algorithmus und von selbst geschossenen Bildern auffordert, mich an vergangene Tage zu erinnern: Es ist ein Graus.

Umso schöner – und wichtiger – ist ein Film wie Francis Reussers neuster, der sich der Erinnerung verschrieben hat. Aus Memorabilien, Fotos, Auszügen aus Reussers früheren Filmen und Fundstücken aus seinem Archiv kreiert er etwas Neues. Und er setzt sich mit dem Prozess des Sich-Erinnerns auseinander.

Der Film, dessen Titel im französischen Original «La séparation des traces» lautet, kommt in der Deutschschweiz unter dem beliebig klingenden Namen «Spuren und Geschichten – Un voyage entre cinéma et histoire» ins Kino.

Der Trailer zum Film. Quelle: youtube

Ein reflektierter Ästhet

Der 1942 in Vevey geborene Reusser ist ein paar Jahre jünger als die drei grossen Filmemacher aus der Westschweiz, Alain Tanner, Michel Soutter und Claude Goretta, und geht als deren «kleiner Bruder» zu Unrecht gern vergessen. Das mag zum einen daran liegen, dass Reusser, seit er in den 1960er-Jahren zum ersten Mal die Kamera zur Hand nahm, immer auch fürs Fernsehen gearbeitet hat. Zum anderen ist er von seinem Naturell her eher bedächtig.

Zudem legt Reusser als gelernter Fotograf – anders als Regisseure, die in einem Film auch einfach mal auf eine skandalöse Story setzen – sein Augenmerk immer stark auf die Gestaltung von Bild und Ton: Francis Reusser ist technik-affin, ein Ästhet und als Filmemacher überaus reflektiert. Im Alter von 77 Jahren legt Reusser nun einen poetischen Essayfilm vor, erdacht und gestaltet zusammen mit seinem Sohn Jean Reusser. Der hat sich auf den Spuren seines Vaters ebenfalls der Filmemacherkunst verschrieben und zeichnet seit zehn Jahren für den Schnitt der Filme seines Vaters verantwortlich. Dieses Mal war Reusser junior auch ins Drehbuch involviert und steht, wie sein Vater, auch vor der Kamera.

Komplexe Erzählweise

Der Form nach ein Roadmovie und Reisefilm, führt «La séparation des traces» in die Vergangenheit des Regisseurs: zu sehen ist sein filmisches und fotografisches Schaffen, zugleich sein Leben. Wobei das Eine unmittelbar ins Andere übergeht; relativ früh heisst es da, dass (Film-)Fiktion und (Lebens-)Wirklichkeit unlösbar ineinander verwoben sind und sich in der Erinnerung kaum trennen lassen.

Identisch sind sie aber nicht: In einem seiner frühen Spielfilme droht der Protagonist, als er erfährt, dass seine Freundin schwanger ist, damit, die Beziehung zu beenden. Im Kommentar sagt Reusser, ihm persönlich sei solches nicht möglich gewesen, und er sei seiner Vaterpflicht nachgekommen.

Reusser pflegt eine komplexe, aber stringent chronologische Erzählweise, Ort werden assoziativ aneinander gehängt, die Gedanken mäandrieren. Klassisch stehen am Anfang Kindheit und Herkunft: Väterlicherseits die Innerschweiz, mütterlicherseits Hochsavoyen. Obwohl er kein Schweizerdeutsch spricht, fühlt sich Reusser auf der Terrasse des Hotels Bellevue in Heiligenschwendi bei Schnitzel und Pommes «fast zuhause», so dass ihm ein Verweilen aufs Alter nun möglich erscheint.

Die Heimat seiner Mutter indes hat Reusser – der unterscheidet zwischen den Orten, an denen man lebt, dem Ort, von dem man stammt, und den Orten, in denen «die Seele zu Hause ist» – auch filmisch erkundet, etwa in «Ma nouvelle Héloïse» (2012). Es folgen fragmentarische Erinnerungen an die Kindheit: An den mit 13 Jahren verlorenen Vater, an die Mutter, die er nur von Fotos kennt, an die in Heimen verbrachte Jugend.

Die ersten Filme – durchaus im Geist der bewegten Zeiten – entstehen zwischen dem Genfersee und den Alpen: «Vive la mort» (1969), «Le grand soir“ (1976) und «Seuls» (1981). Seen und Berge, Wasser und Felsen, weite Täler und Felder bleiben die Landschaften seiner Filme.

Manchmal spricht Reusser im Off selber, manchmal lässt er seine Filmfiguren für sich sprechen, spät im Film – als es heisst, dass es nun Zeit sei, dass sich ihre Spuren trennen – übernimmt der Sohn. Dicht ist «La séparation des traces» und die Zuordnung der darin gezeigten Filmausschnitte, weil Reusser auf eine exakte Verortung verzichtet, für den Zuschauer nicht einfach.

Drei frühe Filme

Umso schöner, dass das Cameo rund die Möglichkeit bietet, drei frühere Reusser-Filme neu zu entdecken. Im Omnibus-Movie «Quatre d’entre elles» schickt Reusser eine Soziologiestudentin aus gutbürgerlichem Haus auf Recherche in eine Fabrik. In «Vive la mort», seinem als Parodie auf den Heimatfilm aufgezogenen Spielfilmdebut, rechnet ein gelangweiltes junges Paar auf einer Tour de Suisse mit Kapitalismus und Bürgertum ab.

In «Seuls» findet der 35-jährige Jean in einem Fotoautomaten die Passfotos einer Frau, die frappierend seiner toten Mutter gleichen, und lässt sich auf eine Reihe romantischer Begegnungen ein.

Filmreihe zu Francis Reusser im Kino Cameo, Lagerplatz, bis 9.4. Einführung zur Reihe am 26.3., 20.15 Uhr. Der neue Film «Spuren und Geschichten – Un voyage entre cinéma et histoire» läuft am 21. und 28.3. sowie 7. und 8.4.

(Der Landbote)

Erstellt: 12.03.2019, 16:40 Uhr

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