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Schmerz, der nicht wehtut

Glen Hansard, Philipp Poisel und vor allem Feist sind die Aushängeschilder der im August stattfindenden Winterthurer Musikfestwochen. Heute gab der Verein das Programm bekannt.

Ende April erscheint ihr neues Album «Pleasure», im August tritt sie in Winterthur auf: Feist auf der Bühne, Aufnahme von 2013.
Ende April erscheint ihr neues Album «Pleasure», im August tritt sie in Winterthur auf: Feist auf der Bühne, Aufnahme von 2013.
zvg

In Gedanken versunken, als ein vom Leben gezeichneter Mann, blickt Glen Hansard 2012 vom Cover seines Albums «Rhythm and Repose». Die zehn Songs tragen Titel wie «Bird of Sorrow» und «The Song of Good Hope». Doch mag sein Folkpop auch bevorzugt vom Leiden handeln, musikalisch befindet er sich immer schon bei den Geretteten. Dorthin kommt man, wenn man weitermacht und die Hoffnung nicht verliert. Dabei hilft Hansard, er versteht sich als eine Art Geburtshelfer. Die Melodien sind harmonisch bis lieblich; wer die Texte nicht kennt, empfindet das, was seine kraftvolle Stimme da von sich gibt, als expressiv, verzweifelt wirkt es nie. Früher hätte man es Herzschmerz genannt und damit die Überzeugung ausgedrückt: Das wird schon wieder.Der Ire mit Jahrgang 1970 verliess als 13-Jähriger die Schule, um mit der Gitarre durch die Strassen von Dublin zu ziehen. Mit 17 gründete er die Band The Frames. Sein Bassist John Carney drehte dann fast zwanzig Jahre später den Low-Budget-Film «Once», der Hansard mit einem Schlag international bekannt machte: In der charmanten Romanze spielt er einen sympathischen Strassenmusiker, der in Dublin eine tschechische Pianistin kennenlernt – gespielt von Hansards damaliger Partnerin Markéta Irglová. Als sie ihn fragt, worum es in seinen Songs gehe, sagt er, sie handelten von seiner langjährigen Freundin, die ihn zuerst betrogen und dann verlassen habe.

Strasse als Lehrmeisterin

Die Strasse ist eine gute Lehrmeisterin. Wie Lieder klingen müssen, die die Leute zum Stehenbleiben bewegen, hat Hansard bis heute nicht vergessen. Auch auf «Didn’t He Ramble», dem Album von 2015, steigt er in die dunklen Kellerabteile des Lebens hinab, um dort das Licht anzudrehen. Der glatte und weitgehend überraschungsfreie Sound bietet eine gute Kulisse für den Hauptdarsteller: Hansards ausdrucksstarken Gesang. Auf der Bühne wirkt der bärtige Barde offen, er geht gerne auf das Publikum zu, wie sich bereits bei seinem ersten Auftritt auf der Steinberggasse an den Musikfestwochen 2013 zeigte.

Feist ist die Nummer eins

Diesmal wird Hansard jedoch, wenn er an an diesem Samstagabend im August die Bühne räumt, Platz machen für Feist. Die feinsinnige Singer/Songwriterin will das offenbar so, laut Medienmitteilung der Musikfestwochen hat sie den Abend «mitkuratiert». Der Auftritt der 41-jährigen Kanadierin, die reflektierten und verspielten Folkpop macht, dürfte einer der Höhepunkte des Festivals werden.

Auf dem bemerkenswerten Album «Let It Die» von 2004 überraschte Leslie Feist, wie die Musikerin mit vollem Namen heisst, mit einer interessanten Mischung aus Folk, Bossa Nova, Jazzpop und Indierock sowie herausragenden Covers, unter anderem einer geschmeidigen Version der Bee-Gees-Nummer «Love You Inside Out» und von Ron Sexsmiths «Secret Heart».

Etwas simpler sind die unbeschwerten, teilweise fett produzierten Nummern auf «The Reminder» von 2007 mit dem bekannten Song «1234», der im Werbeclip für den iPod Karriere machte, während das Album «Metals» von 2011 etwas rockiger ausfiel. Ende April erscheint «Pleasure», das erste Album seit sechs Jahren. Der bereits publizierte Titelsong erinnert eher an eine künstlerische Skizze, die Stimme wirkt noch zerbrechlicher als sonst und trotzdem lustvoll.

Deutsche Gegensätze

Gegensätze aus Deutschland zeichnen die übrigen Hauptkonzertabende aus: Am Freitag lassen es die deutschen Punkrockbands Kraftklub und Broilers krachen, am Sonntag singt Philipp Poisel seine gefühligen Welt- und Liebesschmerzlieder.

Erstaunlich an Poisel, dessen Alben bei Herbert Grönemeyers Label Grönland Records erscheinen und inhaltlich an Hansard anschliessen, sind die Klickzahlen bei Youtube. Eine Live-Aufnahme von «Wie soll ein Mensch das ertragen» aus dem Jahr 2010 wurde 26 Millionen Mal angeklickt. Auf dem im Februar erschienen Album «Amerika» zeigt sich der 33-Jährige mit der hohen Stimme, dem Jungengesicht und Songtiteln wie «Projekt Seerosenteich» und «Wolke 7» indes gereift. Er macht nun, wie die «Berner Zeitung» meldete, auch musikalisch einen Schritt in Richtung Eigenständigkeit, experimentiert mit Elektronik und sperrigeren Songs.

Im kostenlosen Teil des Festivals spielen der Deutsche Shantel, der seinen Balkan-Pop nicht zum ersten Mal am Festival präsentiert, der eigenwillige Zürcher Indierocker Fai Baba und das Rocktrio The Dues aus Winterthur. Sonst dominieren im Programm, soweit bis jetzt bekannt, weitgehend unbekannte Namen.

Winterthurer Musikfestwochen: 9.-20.8.

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