Festival

Schweizer Filme aus aller Welt

Die Internationalen Kurzfilmtage Winterthur präsentieren in den Sektionen «Schweizer Wettbewerb» und «Züri Shorts» einen formal kunterbunten Kurzfilmstrauss. Er zeugt inhaltlich vor allem von grosser Weltoffenheit.

«Kuap» von Nils Hediger erzählt mit Fotos und digitalen Tricks von einer Kaulquappe, aus der kein Frosch wird. Trailer via Vimeo.


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Social Media, Migration und die Angelegenheiten von Frauen, liess John Canciani, der künstlerische Leiter der Kurzfilmtage Winterthur, an der Medienkonferenz verlauten, seien die diesjährig grossen Themen des internationalen Wettbewerbs. Sie sind es auch in den zwei Sektionen, die Einblicke ins aktuelle Kurzfilmschaffen der Schweiz vermitteln: in den drei Programmblöcken des Schweizer Wettbewerbs und bei den «Züri Shorts», die Lokales auf die Leinwand bringen.Doch zuerst fällt hier etwas anderes auf: eine geläufige Weltoffenheit, in einem Mass, wie man sie vor zehn Jahren noch kaum angetroffen hat. Das zeigt sich in der Themenwahl ebenso wie in den gewählten Drehorten: Es spielen nicht nur auffallend wenige Schweizerfilme in der Schweiz, sondern sie beschäftigen sich – abgesehen von Marvin Meckes‘ «Kleingolf», der die spiessbürgerliche Schweizer Minigolf-Szene beleuchtet – auch auffallend wenig mit des Schweizers Schweiz.

Leben in einer globalisierten Welt

Wird die Schweiz als Location trotzdem thematisiert, dann meist in Abgrenzung zum Ausland: Wenn in Gianni Kellers «Idiotikon» zwei junge Aarauer einen Sponti-Trip in das italienische Kaff antreten, das gemäss Pass des einen Heimatort ist, und dort dann feststellen, dass man sich da nicht zu Hause fühlt, hat das weniger mit der Schweiz als mit des Protagonisten Biografie als Secondo zu tun. Und wenn in Cosima Freis «Wir zwei» das Paar zum Schluss in Streit gerät, weil er nach Berlin gehen, sie aber in Zürich bleiben will, gründet das in der Dynamik der Paarbeziehung und nicht im Ort Zürich.

Tatsächlich zeugen viele der Schweizerkurzfilmstorys vom Leben in einer globalisierten Welt. Sei dies, dass sie – wie «Eigentlich vergangen» von Nicole Foelsterl und «Le Gymnase – une scène de Olga» von Elie Grappe – von Migration erzählen: Foelsterl spürt der Fluchtgeschichte ihrer Oma nach, Grappe beobachtet, wie eine Kunstturnerin aus der Ukraine in einer Schweizer Sportschule ankommt.

Vergnügliche Trickfilme

Von Globalisierung zeugen letztlich aber auch Filme, die «universelle» Themen abhandeln: Corina Schwingruber Ilics «All Inclusive», der die (digitalen) Erinnerungsstücke an eine Kreuzfahrt zusammenträgt, «youngvodka», in welchem Lea Hall eine Instagram-Influencerin fragt, welches die Gründe und Motivation für ihren – sehr provokanten – Social Media-Auftritt sind; nicht zu vergessen der verspielt ironische Animationsfilm von Claudius Gentinetta mit dem Titel «Selfies», ein köstliches Werk.

Die neuen und neusten Schweizer Trickfilme zu entdecken, ist in Winterthur auch dieses Jahr ein grosses Vergnügen: Die acht Geschichten um Freundschaften, die Patricia Wenger in ihrer computergenerierten Zeichentrick-Animation «Lachfalten» präsentiert, sind so fein hintersinnig wie Frederic Siegels SF-Thriller um eine Alien-Invasion auf einem fernen Planeten («Honour»). Nils Hedigers «Kuap» erzählt in einer Mischung aus Fotografie und Computertrick von den Abenteuern einer Kaulquappe, die es verpasst, sich in einen Frosch zu verwandeln.

Gabriel Böhmers grossartiger Lege- und Zeichentrick-Animation «The Flood Is Coming» berichtet «very sophisticated» aus dem Leben eines Einsiedlers, der sich im Wald auf eine grosse Flut vorbereitet und dabei eine anders schlimme Katastrophe heraufbeschwört.

Ein Spiegel dessen, was die Welt bewegt

Schliesslich die Filme, die sich im weitesten Sinn um Frauenthemen drehen: Valentine France träumt in «Nature Sauvage» einer in Thailand verpassten Liebe nach, Jorge Cadena erzählt in «Soeurs Jaraiju», wie zwei halbwüchsige Schwestern, die einer kleinen kolumbianischen Ethnie angehören, nach dem Tod ihres Vaters der Enge ihres Reservates entfliehen. Juliette Riccabonis «Les îles de Brissogne» wie auch Luisa Ricars «Alles Easy» handeln davon, wie ihre Protagonistinnen in eigentliche Missbrauchs-Situationen geraten.

NATURE SAUVAGE // TRAILER from Plateforme on Vimeo.

Mit diesem inhaltlich wie auch stilistisch breitgefächerten Programm zeigt sich einmal mehr, dass sich in der Würze der Kürze spiegelt, was aktuell nicht nur die Schweiz, sondern die Welt bewegt.

Ergänzend zu erwähnen wären zwei, drei experimentelle Werke wie etwa «Touching Sound» des Winterthurer Filmwisscnschaftlers Johannes Binotto sowie ein paar (wilde) Bubengeschichten, darunter «Chiennes de vie» von Jules Carrin, wo das Treiben zweier «ewiger Jugendlichen» in der französischen Provinz zunehmend aus dem Ruder läuft.

Das Niveau steigt von Jahr zu Jahr

Eine Tendenz, die sich in Winterthur seit längerem abzeichnet, manifestiert sich auch dieses Jahr: Sei es, weil wir in der Schweiz seit bald dreissig Jahren Filmschulen haben, oder sei es, weil seit dem Digital Turn Bewegttonbildformate immer allgegenwärtiger sind und den heranwachsenden Generationen dadurch das Erzählen in Bild-Ton-Folgen in die Wiege gelegt wird: Qualitativ bewegen sich die an den Internationalen Kurzfilmtagen von Winterthur gezeigten Werke – und damit die Kurzfilmtage selber – auf einem Jahr für Jahr höheren Niveau. (Landbote)

Erstellt: 06.11.2018, 16:06 Uhr

Festival

Bis 11.11., verschiedene Orte. Festivalzentrum: Casinotheater, Stadthausstrasse. Offen Mi-So 18-20 Uhr.

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