Winterthur

Seerosendürfen hier auch Spiegeleier sein

Die Autorin Sabine Meisel leitet anhand von Kunstwerken zum Schreiben an. Die frühere Sozialarbeiterin hat auch einen fesselnden Roman geschrieben, der in Winterthur spielt.

Mit eigenen Einfällen hat man mehr von der Kunst: Sabine Meisel vor Claude Monets Seerosen im Kunstmuseum.

Mit eigenen Einfällen hat man mehr von der Kunst: Sabine Meisel vor Claude Monets Seerosen im Kunstmuseum.

Anstelle von Seerosen könne man hier auch Spiegeleier sehen, sagt Sabine Meisel. Wir stehen vor einem Gemälde von Claude Monet im Kunstmuseum am Stadthaus. Im Oktober nahm die Schreibpädagogin das Bild zum Ausgang ihrer neuen Workshop-Reihe «Mittagsmuse», in der sie die Teilnehmer über das Betrachten von Kunstwerken zum kreativen Schreiben anleitet.

Die Spiegeleier sind ein gutes Beispiel dafür, worum es in dem Kurs geht: Für den Schreibprozess sei es wichtig, den inneren Zensor zum Schweigen zu bringen, sagt Meisel. Also die Stimme, die uns sagt: Mein Gott, was für ein blöder Einfall, von Kunst verstehe ich ja überhaupt nichts. Diese – verbreitete – Einstellung verhindert den Aufbau einer persönlichen Beziehung zum Kunstwerk.

Automatisches Schreiben wie bei den Surrealisten

Meisel ermuntert die Teilnehmerinnen und Teilnehmer – acht bis zehn waren es bisher pro Termin – auch zum automatischen Schreiben. So nannten die Surrealisten um André Breton eine Methode, bei der das Schreiben möglichst unkontrolliert abläuft. «Dabei darf man alles vergessen. Das Einzige, was laufen soll, ist der Stift», sagt Meisel. Um die Beobachtung zu schärfen, wird das Bild zuerst «abgekritzelt». Dann notiert man sich, was einem dazu einfällt.

«Diese Präsenz, die man spürt, wenn man vor einem Bild steht, die macht
etwas mit einem.»
Sabine Meisel,
Autorin

In Meisels Workshop führt der Weg vom Bild zu einer Reihe von persönlichen Assoziationen und schliesslich wieder zum Bild zurück: So komme man nicht nur zum Schreiben, man habe auch mehr vom Museumsbesuch, davon ist Meisel überzeugt.

Die Notizen können dann zu Hause weiter ausgearbeitet werden, bis daraus ein Text entsteht. Anderthalb Stunden dauert ein Kurs der «Mittagsmuse». Die nächste Reihe beginnt am 26. Februar. Sie sei modulartig aufgebaut, könne jedoch auch einzeln besucht werden, sagt Meisel. Zu bezahlen ist nur der Eintritt ins Museum, der Kurs selbst ist kostenlos.

Ein Roman mit einem klassischen Thema

In Winterthur spielt Meisels erster Roman «Der Tag wird langsam», der 2016 im Zürcher Verlag Kameru erschien. Darin geht es um ein Paar, das in fortgeschrittenem Alter das erste Kind erwartet: Die überraschende Aussicht schüttelt die Ehe durch und wirft den männlichen Icherzähler schubweise in seine Kindheit zurück, die nun an die Oberfläche drängt: Die Handlung, die sich in wenigen Wochen abspielt, wird anschaulich und in starken Bildern geschildert, und sie hält den Leser bis zum Schluss gefangen, wo die beiden Zeitebenen sich verschränken wie im Traum.

Den Kern des Romans bildet ein klassisches Thema, die Schuld. Damit lässt sich also auch heute noch sehr effektiv Spannung erzeugen.

Zu ihrem Roman liess sich Meisel unter anderem von den Biografien der Leute inspirieren, mit denen sie bei ihrem früheren Job als Sozialarbeiterin zu tun hatte. Da habe sie oft von schwierigen Kindheiten gehört; die Emotionen würden zunächst verdrängt und durch spätere Ereignisse wieder «getriggert», wie Meisel sagt, also reaktiviert.

Im Hauptberuf betreut die vielseitige, 1959 in Deutschland geborene Frau für das Winterthurer Architekturbüro Zettelwerk Personal, Marketing und Kommunikation. Seit 2016 schreibt sie Kolumnen für das Magazin des Zürcher Kunsthauses und geht oft in Ausstellungen. Vor acht Jahren machte sie in Berlin den Master für biografisch-kreatives Schreiben.

Friedrichs «Kreidefelsen» waren ideal

Die «Mittagsmuse» ist Meisels erstes Kunstprojekt. Mit der Idee dazu trug sie sich seit 2010. Das Kunsthaus Zürich hatte daran kein Interesse, der Winterthurer Museumsdirektor Konrad Bitterli schon. Bei der Bildauswahl spielt der Zufall mit: Aus acht Werken werden zwei ausgelost, unter denen die Teilnehmer wählen können. Das können vielleicht auch einmal je ein figürliches und ein abstraktes Bild sein. Meisel will niemanden dazu erziehen, sich mit abstrakter Kunst zu beschäftigen. Am einfachsten sei der Schreibprozess mit einer Figur in Gang zu bringen.

Als ideal erwies sich im Reinhart-Museum Caspar David Friedrichs «Kreidefelsen auf Rügen» mit den drei ganz verschiedenen Charakteren im Vordergrund, deren Verhältnisse untereinander nicht auf den ersten Blick klar sind: «Da entstehen sofort Geschichten.» Auf jeden Fall sei es wichtig, vor dem Original zu stehen und sich nicht etwa mit einer Reproduktion zu begnügen, glaubt Meisel: «Diese Präsenz, die man vor einem Bild spürt, die macht etwas mit einem.»

Auch in der Literatur bevorzugt sie Texte mit einer Handlung: «Ich bin schon eine Geschichtenerzählerin.» Als Nächstes erscheinen im Sommer Kurzgeschichten unter der Überschrift «Vom Glück, einer Vogelspinne zu begegnen»; der Band wird auch Aufgaben für Leser enthalten, die selbst schreiben wollen. Im März nimmt sich die Autorin eine Auszeit von vier Wochen: In einer Wohnung in Paris, die vom Verband der Autorinnen und Autoren der Schweiz (AdS) zur Verfügung gestellt wird, möchte sie einen neuen Roman beginnen. Stoff dazu gibt es genug: Anhand der schwierigen Geschichte ihrer Mutter, die als Mädchen von der eigenen Mutter weggegeben wurde, will Meisel das Frauenleben «vor der Pille» beleuchten.

Theaterspielen in einem Schuhladen

Vielleicht wird sie aber stattdessen im März ein neues Stück schreiben, sie hat sich da noch nicht entschieden. Das Theater ist eine weitere Leidenschaft von Sabine Meisel. Zurzeit spielt sie zusammen mit zwei weiteren Darstellern in einem Schuhladen im Zürcher Kreis 4 (Schuhtheater.ch, Aufführungen bis Mitte Mai). Das Stück «Leben ist Schuh» orientiere sich am absurden Theater und sei tragisch-komisch und selbstironisch, sagt Meisel. Das Theaterspielen helfe ihr dabei, sich in Figuren hineinzudenken und von sich selbst wegzukommen.

Mittagsmuse: Dienstag, 26.2., 14 bis 15.30 Uhr, Kunstmuseum beim Stadthaus. Anmeldung: sabine.meisel@zettelwerk.ch oder 079 766 00 87. – Roman: «Der Tag wird langsam», Zürich, 2016.

Erstellt: 12.02.2019, 16:23 Uhr

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